Donnerstag, 23. März 2017

Erwerbsfähigkeit

Vor vielen Jahren bekam ich mal ein Attest (das ich komischerweise nicht mehr habe), dass ich berufsunfähig bin. Heißt: meinen erlernten Beruf als Kinderpflegerin kann ich nicht mehr nachgehen. Deswegen bekam ich vom Arbeitsamt eine Umschulung bezahlt. Die auch nicht funktionierte, aber das ist eine andere Geschichte.

Dann wurschtelte ich mich so mit diversen Job mit unterschiedlichen Stunden durch, bis der Cut kam: Erwerbsunfähig. Komplett. Also auch nicht noch 3-6Std. am Tag das wär die mildere Form gewesen. Nein, gar nicht mehr.
Ich glaube wohl immer noch irgendwie oder unbewußt, dass das meine eigene Schuld ist. Das ich einfach zu doof bin oder mich nicht genug anstrenge.
Ja diese Schleifen drehte ich schon öfters. Und werde sie vermutlich auch noch öfter drehen.

Heute hätte ich ein Vorstellungsgespräch gehabt. Interessante Stelle. Hätte ich mir gut vorstellen können. Und dann doch wieder nicht, weswegen ich absagte.
Schweren Herzens. Mit vielen Tränen, dann später im Wald, allein, radelnd, Gefühle und Gedanken sortierend.
Dabei kam ich auf die Frage, was heißt erwerbsfähig?
Laut Gesetz das hier:

Erwerbsfähig ist, wer nicht wegen Krankheit oder Behinderung auf absehbare Zeit außerstande ist, unter den üblichen Bedingungen des allgemeinen Arbeitsmarktes mindestens drei Stunden täglich erwerbstätig zu sein.

Ok bissl dünn. Aber da ich ja schon genug Erfahrung im Erwerbsleben habe, klamüsere ich mir das eben selbst zusammen:

- Kognitive Fähigkeiten: Durchaus vorhanden, ich denke schon, dass ich jetzt nicht die dümmste bin und mein Hirn auch zu benutzen weiß. Dazu eine hohe Motivation was zu leisten, Neues zu lernen und mein Können einzubringen.

Belastbarkeit:
- körperliche: lange dachte ich ja, das ich deswegen nicht arbeiten könne, weil ich immer so schlapp und ko bin (ich weiß inzwischen das es noch weitere Baustellen gibt). Muss noch weiter abwarten wie das mit dem neuen Medikament weitergeht. Aber im Grunde bewege ich mich gerne, ich bin auch gerne ein aktiver Mensch der sein Leben gestaltet und was machen will, sei es Kultur, Sport ect..

- psychische: wird schon schwieriger, ich grüble zuviel, hänge im Perfektionismus fest der viel Energie zieht, mache mir vieles viel zu schwer, nehme alles viel zu Ernst, im Trubel oder bei Zeitdruck gibts schonmal einen Blackout. Habe viele Selbstzweifel und traue mir (leider inzwischen, das war schonmal anders) nur noch sehr wenig zu.

- soziale: wohl der schwierigste Part überhaupt. Meine sozialphobischen Tendenzen hindern mich oft, werfen mich in Panik wenn ich irgendwo bleiben muss, wenn ich zu sehr in meinem Tun beobachtet werde, wenn ich zu wenig Mitspracherecht habe und mich ausgeliefert fühle, vor einer Gruppe fremder Menschen reden geht gar nicht, auch kein ständiger Kundenverkehr, es wird schwierig wenn mich ein Mensch durch sein Verhalten oder Wesen triggert, gestern eine Anfrage/Gespräch bei der Tafel-Leitung war schon grenzwertig.

Aber gerade bei den psychischen/sozialen Sachen merke ich auch, dass es drauf ankommt, ob ich gut verankert im erwachsenen Teil bin. Hänge ich nur ein wenig im kindlichen gibt es nur Flucht oder zitternd in Tränen versinken.

Nach aussen wirke ich oft sehr souverän. Man hält mich für vertrauenswürdig (was ich natürlich auch bin) und schätzt meine Zuverlässigkeit/Pünktlichkeit. Man traut mir viel mehr zu, als ich mir.
Immer wieder wundere ich mich wie viele fremde Menschen mich um Auskunft bitten, wie schnell ich Wohnungs-und Generalschlüssel bekomme (und dies natürlich auch nicht ausnutze und da herum schnüffle oder so).
Ich kann mich gut organisieren (weswegen auch in der Thera immer mal wieder das Thema Selbstständigkeit statt Angestelltendasein aufkam) und denke mit, gehe achtsam mit den Sachen um und mache meine Arbeit sehr ordentlich.

Diese Auflistung tut gut. Weil es mir klarer macht, dass ich kein Vollpfosten bin (vereinfacht ausgedrückt) und wo es einfach hängt.

So und der nächste der mich fragt: "ja warum machst nichts mehr mit Kindern?" Dem antworte ich mit Grabesstimme:

"Weil die nicht schmecken!"
Ok, ich hab gestern zuviel Monika Gruber gehört :-)

Apropo schmecken, ich brauch heut viel Seelennahrung. Nach der Dusche erstmal Muffin und Kaffe, später nach langer Zeit mal wieder einen Gemüse- Kartoffel-Auflauf.

Kommentare:

  1. Ich bin SOWAS von bei Dir! ;-) - An manchen Tagen bin ich in meiner Fantasie eine Superheldin, die alles schafft, was sie anpackt. Und dann werde ich immer wieder von der Realität eingeholt, und mir wird klar, dass es doch nur zur Sofaheldin reicht. Aber das ist allemal besser, als wieder zum funktionierenden Roboter getrimmt zu werden, dem ständig die Kabel durchbrennen... :-*

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  2. Ach liebe Sofaheldin (der Name gefällt mir so gut, weil es positiv klingt!) wenn ich darf pflanz ich mich mal mit auf Dein Sofa. Ich bring auch kekse mit ;)
    Es ist weniger die Phantasie als ein tiefgehender Wunsch wieder mehr hinaus ins Leben zu können. Es gibt ja noch eine Mitte zwischen Sofa und Roboter. Ein Minijob, mehr will ich gar nicht, der Spaß macht, ich was leisten kann, mit ein paar Menschen zusammen bin, einen Termin habe, außer Haus muss...sowas halt.

    Übrigends das Buch (akzeptieren der Depression ect.) finde ich etwas zweischneidig, zu anfangs wird immer wieder betont wie wenig Schuld man an dieser Krankheit hat und dann gibt es am laufenden Band Übungen die man tun kann (dann verschwindet die Depression quasi SOFORT!).
    Ich mach die Übungen nicht. Lese eh eher mal quer drüber. Weil ich schon seit über 15 jahren an mir arbeite und es einfach eine scheiß Sysphiosarbeit ist und die Depression wie ein Ding an mir klebt, da hilft auch kein Vit.D oder Sport oder Achtsamkeit.

    LG

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