Montag, 27. Februar 2017

Unter Beobachtung

Am Wochenende hatte ich einen Alptraum: Ich wollte bei meinem damaligen Freund M. ausziehen. Aber ich wußte, dass er komplett ausflippen würde (also wirklich in der Art, dass ich meine körperliche Unversehrtheit bis hin zu meinem Leben bedroht sah).
Also packte ich heimlich und wartete dass, wie verabredet jemand (ich weiß nicht mehr wer das sein sollte), jemand kam und mich und meine Sachen abholte.
Doch es kam niemand, bald würde mein Freund heimkommen und checken was los is und eben ausflippen. Es blieben zwei Möglichkeiten: ich blieb und er sah was ich vorhatte, dann gute Nacht. Oder ich haute ab, würde aber meine Sachen verlieren. Der Uhrzeiger rückte vor ich geriet in Panik, es war eine Zwickmühle, die ich nicht lösen konnte und gottseidank davon aufwachte.

Nun leider ist mir dieser Alptraum real passiert.
Bis auf den Schluß. Ich konnte rechtzeitig ohne das er es merkte fliehen.
Und, wie vorher gesagt, flippte er aus. So richtig. Aber ich blieb heile, auch dank eines privaten Wachschutzes.

Ich war 15 als ich ihn über eine Radio-Kontaktanzeige kennenlernte.
Und 16 als ich zu ihm zog.
Das Drama nahm seinen Lauf. Er war extrem pedantisch und kontrollsüchtig. Aber nie auf die böse herrische Art, sondern immer so ein wenig lustig. Neckereien, die sich immer mehr ausweiteten.
Damit ich auch ja nie genug allein Zeit verbrachte (und somit über meine Situation nachdenken könnte) wurde ich z.B. zum Bahnhof beordert um ihn abzuholen. Mit der netten Begründung, dann können wir gleich zusammen einkaufen gehen.
Ich stand unter ständiger Beobachtung, alles mussten wir immer zu zweit machen.
Immer.
Selbst ins Bad durfte ich irgendwann nicht mehr alleine, er schaute entweder durchs Schlüsselloch oder versuchte mit einer Münze die Verriegelung aufzubekommen. Lag ich in der Wanne kam er, weil wir doch zusammen eine rauchen könnten (ich weiß nicht wie oft ich mitgeraucht habe, obwohl ich es überhaupt nicht wollte. Merke: Kleine Grenzüberschreitungen werden zu großen!).
Wenn er mal länger weg war (er musste eine gewisse Zeit beim THW helfen) merkte ich wie ich innerlich aufatmete. Meinen Interessen nachgehen konnte, einfach innerlich bei mir bleiben konnte, nicht seine ständigen Kommentare hören. Vielleicht einfach nur die Sonne auf dem Balkon genießen.
Doch nicht lange, denn meist stand er eher wie geplant wieder in der Tür. Mit einem Grinsen, er habe sich frei genommen oder krank gemeldet.

Mein Umfeld wurde langsam aber stetig von mir abgeschottet. Mitschüler, Eltern, Schwestern wurden weggedrängt. Irgendwann stand ich alleine da. Was er ja so wollte. Weil bessere Händelbarkeit meinerseits.
Auch seine Pingeligkeit in Sachen Sauberkeit nervte mich.
Aber am schlimmsten war wirklich dieses ständige kontrolliert werden, dieses: keine eigenen Bedürfnisse, Gefühle und Gedanken mehr haben zu dürfen. Selbst wenn ich nachts mal nicht schlafen konnte und dann im Wohnzimmer eine rauchte: keine 5 Minuten später stand er auch da.
Und wehe dem ich wehrte mich mal gegen diese Vereinnahmung. Dann war ER beleidigt. Verachtete mich mit Blicken. Sprach tagelang nicht mit mir. Da ich ja keinen mehr außer ihn hatte versuchte ich seine "Liebe" natürlich wieder zu bekommen. Wurde ganz lieb und brav.
Und er hatte mich wieder schön klein gekriegt.

Alles wurde kommentiert. Frisur, Bekleidung, Noten (Ausbildung), Praktikumsplätze (bei denen er mich natürlich auch "netterweise" regelmäßig besuchte), Fehler natürlich besonders gern...alles wurde nieder gemacht, lächerlich gemacht.
Das Muster kannte ich schon von meiner Schwester. Wenn auch nicht so extrem. Ich hatte mich mal beim Augenbrauen zupfen mit der Pinzette etwas gezwickt, die Stelle wurde ein wenig rot. Prompt sprach mich meine Schwester an: "was hast denn da wieder gemacht." natürlich im abwertenden Ton. IHR würde sowas ja nie passieren...is klar.

Was ich damit sagen will und was mir heute morgen klar geworden ist:
Jetzt weiß ich warum "beobachtet werden" im Job mich so sehr antriggert!
Warum ich letztes Jahr so sehr verkrampft und panisch wurde, als ich bei der Familie bügelte und die eher nach Hause kam. Die Panik war mir ins Gesicht geschrieben, das merkte ich. Allles war verzerrt, ich atmete kaum noch.
Jetzt weiß ich warum "niedrigschwelliger Arbeitseinstieg" nicht geht. Diese speziellen Firmen die sich auf Langzeitarbeitslose, chronisch Kranke ect. spezialisiert haben, bei denen man aber ganz normal verdient, aber eben auch "in Begleitung/unter Beobachtung" ist.
Und warum das bei der Eventfirma nicht klappte (ich da extreme Panik schob), weil der Chef auch so über nett und freundlich war, ich aber spürte, dass da noch was anderes schlummerte!

Ich weiß jetzt auch, warum ich nur bei dem Hauch von Fremdbestimmung (und das ist Arbeit ja meistens)  zusammen zucke und fliehe. Ich ertrage es nicht mehr. Ich kann mich noch gut an das FREIHEITSGEFÜHL erinnern, als ich mit 23 Jahren krankgeschrieben wurde. Endlich. nichts.mehr. müssen. Endlich das tun und lassen dürfen was ich will.
Nachdem mißbrauchenden Elternhaus ("sei so damit ich dich gebrauche kann und du mir nützt"), kam übergangslos der oben genannte Psychopath, dann war der zwar weg, aber ich zog in eine WG und arbeitete als Kinderpflegerin. Erstere zwang mich (natürlicherweise) wieder auf andere Rücksicht zu nehmen, zu kooperieren, wieder war es nicht komplett "meins", auch wenn die Zeit dort gut und lustig war. Zweiteres war natürlich völlig nach außen gerichtet. Kinder versorgen, beschäftigen ect...8 Stunden lang.
Und dann endlich: kein Job UND eigene Wohnung, zwar noch in den Verstrickungen der Family aber da konnte ich mich teilweise etwas lösen.
Ich kam endlich bei mir an.
Und auch jetzt genieße ich diese Freiheitsgefühl noch sehr. Ich muss nichts. Keiner erwartet irgendwas von mir. Ich kann so sein wie ich will...Nach Jahren des nach außen gerichtet seins und Erwartungen erfüllen...

Es ist ein weiterer Punkt an dem ich ansetzen kann.

Kommentare:

  1. Genau, such mal weiter, denn das lohnt sich. Man lernt auf diese Art sich selbst (also, wie man geworden ist) und das "Warum" seiner Verhaltensweisen kennen. Ein Beispiel von mir: Zu-mir-selbst kommen war zu Hause eine Seltenheit, weil meine Mutter ständig etwas von mir wollte.... eine große Belastung. Heute krieg ich immer noch Herzklopfen, wenn ich gedanklich etwas tun will und jemand kommt in meine Nähe. Der Zusammenhang wurde mir ganz plötzlich klar. Ich habe daraufhin klare Absprachen mit meinem Mann getroffen. Danach konnte ich bei mir selbst Überzeugungsarbeit leisten und es ging bald besser.

    ... und wieder ein Puzzlestein!

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  2. Hallo Beate, es erleichtert mich, dass ich den Grund heraus gefunden habe, das ungewisse Gefühl und die Frage ob ich mich einfach nur blöd anstelle oder zu faul bin, war nicht so schön.
    Ahje dann kennst Du das auch...
    hab das aber nicht so ganz verstanden, wie das heute bei Dir ist,...wenn Du gedanklich was willst?

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    1. Zu Anfang "ging ich oft in die Luft", wenn ich bei der Arbeit "gestört" wurde. Für mich war das Stress pur und ging so weit, dass ich keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte (das sprichwörtliche "Brett vorm Kopf). Geht natürlich überhaupt nicht, woher soll jemand wissen, wie es mir dabei geht.
      Bin dann dazu übergegangen vorher zu sagen, ich habe "das und das" vor, bitte nicht stören. Klar geht das nur zu Hause. Für mich reicht das aber, weil ich nicht mehr im Beruf bin. Mit der Zeit verblasste dieses negative Reiz-Reaktions-Muster und die Kommunikation (z.B.: jetzt im Moment nicht) übernahm die Abgrenzung.

      Gruß aus Schweden ;-)
      Beate

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    2. Danke, jetzt is mir klar, wie Du das gemeint hast!

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  3. Liebe Regenfrau

    Dass du "zu blöd oder zu faul" wärst für eine Arbeit, auf die Idee wäre ich nie gekommen. Die von dir geschilderten Umstände sind schlichter Horror. Kann es ein bisschen nachvollziehen, da ich auch mal mit einem paranoiden Menschen zusammen war, der immer misstrauisch war und mein Leben zu beeinflussen versucht hat. Am Ende dieser Beziehung war ich ziemlich fertig. Dass das Spuren hinterlässt, kann ich gut verstehen. Du warst ja noch extrem jung ...

    Lieber Gruss
    Anne

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  4. Hallo Anne,
    Naja vielleicht meinte ich auch eher *will nicht arbeiten* als Synonym für faul und blöd..oder so... das schwingt ja oft eher mit. Und dann kommt da noch die Fremd-und Eigenwahrnehmung dazu ;))
    Ja genau paranoid is das richtige Wort...mist, dass auch Du die Erfahrung machen musstest.

    Ich meld mich per Mail wieder, weiß aber noch nicht wann, mir ist grad nach "so wenig Kommunikation wie nur möglich"...
    bis denne ;)

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