Dienstag, 28. Februar 2017

Depression ist...

...eigentlich nur die Antwort (oder eine logische Folge) von einer ständigen Überanpassung.

Depressive sind immer nett, werden nie laut, machen jeden Gefallen um den sie gebeten werden, sind immer freundlich und zuvorkommend, immer geduldig und hilfsbereit, immer sauber, adrett und gepflegt, extrem gewissenhaft und pünktlich.
Obendrein immer politisch korrekt, nie verletzend, umweltfreundlich, am besten noch vegan und überhaupt immer und überall einfach gut.

Egal wie es in ihnen aussieht. Egal wie frech und unverhältnismäßig die Forderungen sind. Egal wie scheiße sie jemand behandelt.
Bitte immer schön lächeln. Und machen.
Und irgendwann reicht es. Man will nicht mehr. Man kann nicht mehr. Man verweigert sich. Allem. Man will nur noch seine Ruhe. In Ruhe gelassen werden. Von niemanden nichts sehen und hören.
Aus die Maus.

Das Umfeld ist irritert: aber was hat sie denn? Seltsam...und dann kommen all die guten Ratschläge, damit man husch husch schnell wieder so normal und funktionsfähig und ausnutzbar wird wie früher.
Weil man ist sehr sehr praktisch für sein Umfeld!
Depressive sind nicht faul. Im Gegenteil sie arbeiten das doppelt bis dreifache!

Ich arbeite mich langsam und mühsam aus dieser Überanpassung heraus.
Schale um Schale blätter ich sie ab...
Wenn ich merke: mir ist jetzt nicht nach lächeln und ich lächle nicht, wenn ich keinen Bock habe jemand die Tür aufzuhalten, wenn ich mich von einem Bekannten trenne den ich eh schon immer etwas widerlich empfand, wenn ich kühl und reserviert bin, weil mich der andere verletzt hat oder er zu wenig Interesse an mir zeigt, wenn ich bei Grenzüberschreitungen nicht den Kopf schief halte und sage *macht nix*, wenn ich mich an das Ende des Bahnsteigs stelle, weil ich da allein bin oder mich von einem viel zu engen Sitzplatz wegsetze (weil sich der Nachbar so breit macht oder es einfach IST), wenn ich bei meinem Gefühl bleibe und nicht bei dem was man machen/fühlen/denken/aussehen sollte...dann...ja dann fühlt sich das wie pure Kohlensäure im Blut an.
So prickelnd!
So lebendig!
So kraftvoll!
So bejahend!
Und stärkend und machtvoll!

Da ich ja immer in eine ohnmächtige Wut gerate wenn jemand seine Hilflosigkeit oder auch einfach Ungehobeltheit auf mir abladen will mit so beschissenen Sprüchen wie: naja wird ja bald Frühling, da gehts dir bestimmt besser...oder: ach ich war letztens auch dauernd müde...oder lachdochdochmal-machurlaub-schnappdirnensüßenkerl...hab ich jetzt die Lösung gefunden, wie ich mich dazu verhalte:

- für Neulinge: einfach jaja sagen und weggehen/Thema wechseln
- für Fortgeschrittene: schweigen mit ausgefahrenem Mittelfinger
- für extrem Fortgeschrittene: bös schauen, schweigen mit ausgefahrenen Mittelfinger
- für Profis: dem anderen tief in die Augen schauen und dabei ebenso tief atmen (das kommt vor allem DIR zugute und darum geht es ja)!!!

Kommentare:

  1. Oh! Dieser Text hat mich jetzt extrem angesprochen und zum Nachdenken angeregt. Sehr, sehr treffend formuliert. Danke.
    Grüße von einer ansonsten "stillen Leserin"
    Dorle

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  2. Hallo Dorle, danke für Deine Rückmeldung :)
    Liebe Grüße

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