Montag, 23. Januar 2017

Jetzt reicht's!

Ich war immer brav.
So ganz still und angepasst. Bis zur totalen Selbstaufgabe.
Unsichtbar wollte ich werden. Da das nicht ging wurde ich ganz lieb.
Nie laut, nie wütend, nie schimpfend und schon gar nicht schubsend.
Ich dachte das hilft.
Dann tut mir vielleicht keiner was.
Die Rechnung ging nicht auf.

Ich glaube, dass ich seit meinem 7.Lebensmonat in einem Totstellreflex lebe. Damals schrie ich mir die Seele aus dem Leib, doppelseitiger Leistenbruch inklusive. Ich kam ins Krankenhaus und dort was gegen die Schmerzen und zur Beruhigung. Danach noch eine Vollnarkose obendrauf, natürlich die normale Dosis weil angeblich die Krankenschwester vergaß die Medikamentengabe zu notieren.
Heute bin ich mir da nicht mehr so sicher. Es kann genauso gut sein, dass meine Mutter mir schon was gab. Immerhin hatte sie als Altenpflegerin auch Zugang dazu.
Jedenfalls ging es mir gar nicht gut und ich kam auf die Intensivstation.
Meine Seele merkte sich: Mach dich bemerkbar und es geht dir noch schlechter. Halt einfach dein Maul.

Langsam fällt nun das familiäre Gebot: Du darfst dich nicht wehren auch nicht wütend sein!
Ich werde wütend.
Seit ich mehr Sport mache und auch kräftiger werde kommen regelrechte Gewaltphantasien über mich. Und ich genieße sie! Weil sie gut tun!
Natürlich tue ich keinem unschuldigen etwas oder prügel jemand fremdes nieder. Außer er tut mir was. Ich male mir aus, wie ich so einen widerlichen Sack mal ordendlich verprügel, das er sich nie mehr traut jemals unhöflich oder herablassend zu einer Frau wird.

Aber noch mehr gehe ich in die Vergangenheit zurück und male mir aus, wie ich mich endlich mal wehre. Auf den Tisch haue und schreie: mit mir nicht!

So kippe ich den Inhalt eines Weißbierglases meiner Mutter ins Gesicht, schicke meinem Vater ein ähnlich unpersönliches und liebloses Paket, zieh dem Nachbarnjungen mal ordentlich an den Haaren weil er mich immer wieder gezwickt hat, so dass heute noch meine Hände vernarbt sind, den Mitschülern spritze ich Tinte in ihr Heft oder fege einfach ihren Tisch leer wenn sie mich wieder mit ihren speicheldurchtränkten Papierkügelchen anspucken.
G. der mich schonmal kurzerhand kopfüber in den Mülleimer steckte oder im Winter gerne ins schneebedeckte Gebüsch warf, dem ramme ich jetzt mal kurzerhand ein Messer in die Seite. Jawoll!

Ich werde älter...ziehe von daheim aus...und stelle meine Mitbewohnerin in einem dämlichen Wohnheim zur Rede warum sie bei der Heimleitung petzt für etwas was ich gar nicht getan habe und des nachts brülle ich sie an, ob sie gerade jetzt um diese Uhrzeit die verdammte Glühbirne wechseln muss.

Ich lerne Männer kennen und wenn ich merke, das sie unmöglich bis total bescheuert sind, steh ich auf und gehe. Meine Zeit ist kostbar!
Überhaupt würde ich nicht so abhängig von Männern werden. Ich würde öfter meinen eigenen Stiefel machen.

Ich würde auch Arztpraxen sofort verlassen, in denen ich zynisch, herablassend bis grob behandelt werde. Leider ist das die Regel und nicht die Ausnahme! Wahrscheinlich gibts da im Medizinstudium mal ein extra Seminar: "wie Sie besonders zynisch zu ihren Patienten sind."

Ich stelle mir vor, wie ich gleich den Mietvertrag für die gesamte WG einsehen will und nicht erst Monate später, als mir dämmert, dass ich viel zu viel zahle, damit der andere länger in Indien bleiben kann. Als ich das merke, pinkle ich sooft es geht in sein Zimmer. Auf dem Teppich sieht man das nicht und er ist eh wochenlang nicht da. Sodann ziehe ich baldigst aus und verpfeife ihn bei der Hausverwaltung. (wenigstens hab ich damals ein paar hochwertige Bücher und sein Sparschwein von ihm mitgehen lassen, als kleiner Ausgleich. Er hat sich nie gemeldet ;))

Dem anderen Typen der mich total verarscht hat, schütte ich unter seine Fußmatten im Auto Milch. Es war heiß damals. Innerhalb weniger Stunden hätte es bestialisch gerochen. Welch Freude!

Und so geht es weiter...Jahr für Jahr...ich male mir das in allen Farben und Situationen aus...meine Laune steigt...ich fühle mich befreit, das Gehirn, sagt man, wisse ja nicht das das was man denkt und sieht (Filme!) real ist oder nicht.

Ich jedenfalls komme so aus der starren Opferhaltung raus, in der ich mich hilflos und ohnmächtig fühle.
Sodann fällt es mir leichter mich im kleinen nun öfter zu wehren. Von dem Mann der total breitbeinig sitzt, setze ich mich weg, der der mir zu dicht aufrückt bekommt einen bösen Blick oder was gesagt.

Meine Körperhaltung ist aufrechter und auch kämpferischer. Ich mache nicht mehr jedem sofort Platz auf der Straße (beobachtet euch mal und dann Männer!). Ich lächle weniger unterwürfiger und sage nicht mehr sooft "macht nix" wenn ich warten muss oder mir jemand auf den Fuß steigt.

Ich werde authentischer. Ich muss nicht mehr jeden gefallen.
Ich will respektvoll behandelt werden.
Wer immer nur kuscht und lieb ist, vor dem hat man keine Achtung.

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