Sonntag, 8. Januar 2017

Der Selbstoptimierungswahnsinn

Ich lese gerade ein Buch das heißt: Dürfen wir so bleiben wie wir sind? Von Jürgen Wiebicke. Untertitel: Gegen die Perfektionierung des Menschen -  eine philosophische Intervention.
(hier sehr günstig: https://www.bpb.de/shop/buecher/schriftenreihe/178140/duerfen-wir-so-bleiben-wie-wir-sind )

Vorab: in diesem Buch geht es eher um die allgemeine Perfektionierung des Menschen, als um das Individuum. U.a. sind die Thema Tierversuche (damit der Mensch noch länger lebt), Organspende, wie der Roboter/Computer unsere Welt verändert, Pharmazeutika zur Leistungssteigerung ect.
Es ist sehr gut lesbar geschrieben. Und interessant.

Mir ging/geht es aber eher um den persönlichen Aspekt. Ich war gefangen in diesem Strudel: noch besser werden! Noch weniger ängstlich! Noch umweltbewußter! Noch sparsamer! Noch lockerer! Noch mutiger! Noch belastbarer!
Es ist jetzt nicht schlimm, wenn man an sich arbeitet oder Dinge ändern will, an denen man echt leidet. Es war nur so, dass mich dieser Kampf gegen mich selbst so gestresst hat, dass ich das "wirkliche Leben" nicht mehr lebte, sondern mich nur noch von außen beobachtete, ob das was ich jetzt tue, denke, fühle, handle auch richtig ist. Das ist verkrampft und unauthentisch.
Nicht gerade förderlich, wenn man schon Anlagen zu einer sozialen Phobie hat.

Wirklich hilfreich waren nur wenige der Selbstoptimierungsbücher. Wie z.B. die Macht der Introvertierten (was jetzt eher Aufklärung als Optimierung war) und dann die Befreiung: Ich darf so scheiße bleiben wie ich bin.

In dem oben genannten Buch schreibt Herr Wiebicke von Selbstoptimierungsschrauben. An irgeneiner kann man immer drehen. Gibt ja genug Makel und Unvollkommenheit und außerdem auch genug Themen in einem Leben.
Mir fiel dann ein: Also meine Selbstoptimierungsschrauben drehen seit kurzer Zeit leer. Ich habe auf den Wahnsinn keine Lust mehr. Mich ständig selbst zu drangsalieren, abzuwerten und anstrengen...

Gewisse Themen behalte ich im Auge an denen ich noch arbeiten will. Aber weit nicht mehr in dem Ausmaße wie früher. Ich kann mich nicht von Grund auf ändern. Ich bin so wie ich bin.

Passend dazu gab es in der neuen Fluter (Fluter.de kostenloses Abo) das Thema Identität: "Kann ich nicht mal nicht ich sein?"
Es gab u.a. ein Interview mit Herrn Engler dem Rektor einer Hochschule für Schauspielkunst. Auf die Frage Was wäre denn der richtige Weg, zu sich selbst zu finden?
Kam die Antwort:
(...) Das ist Aufrichtigkeit sich selbst gegenüber. (...) Ich denke, man muss mit manchen seiner Gegebenheiten einfach Frieden schließen. Ich bin so, so sehe ich aus, diese und jene Fähigkeit habe ich, andere habe ich eben nicht. Dies sind meine Stärken, dies sind meine Schwächen.
Wenn man das erkennen kann, ist man aus dem permanenten Druck der Selbstoptimierung raus.

Schon vor einiger Zeit fiel mir ein, dass ja im katholischen Gottesdienst einmal folgendendes passiert: man wünscht seinen Sitznachbarn, rechts links, vorne, hinten mit einem Händedruck Friede sei mit dir. Das finde ich wunderschön und sage das oft innerlich entweder zu mir oder lautlos auch zu anderen. Er beruhigt ungemein.

Mein Schlußgedanke: Solange soviele Menschen noch diesen Krieg in sich selbst gegen sich selbst führen, wird es mit dem Frieden im Außen auch nicht so recht klappen.
Das mag jetzt pathetisch und unrealistisch klingen, egal:
Friede sei mit dir!!!

Kommentare:

  1. ... und Friede sei mit (in) Dir!
    Mit innerer Herzlichkeit gewünscht, habe ich dabei den Menschen, an den ich den Wunsch richte, "im Auge habe". Ich kann nur geben, was ich habe, der Ehrlichkeit halber.
    Was die Selbstoptimierung an sich betrifft, so kann ich Deinen Beitrag nur bejahen. "Wir" sollten mit dem ewigen "sich-vergleichen-mit-Anderen" (Konkurrenzdenken) aufhören. Es wird zumindest leichter sich selbst zu akzeptieren, ohne die Weiterentwicklung zu vernachlässigen. Da bestimmen andere Parameter, was und wie weit ich an mir arbeite, eher ereignisorientiert.

    Was ganz Anderes noch abschließend. Der histaminfreie Wein für das Weihnachtsessen war gut. Wichtig ist, ihn eine Weile geöffnet stehen zu lassen, damit sich "die Blume" entwickeln kann. Für meinen Geschmack hält er, was versprochen wird, ich hatte keinerlei Probleme (Herzrasen etc) danach. Empfehlenswert.

    Lieben Gruß
    Beate

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    1. Danke das Du dran gedacht hast mit dem Wein ;) werd ich mal schaun ^^
      LG

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  2. Das ist ja genau mein Thema zur Zeit. Auch ich hadere ständig mit vermeintlichen Unzulänglichkeiten. Was völlig nutzlos ist... Neben "Friede sei mit Dir" fällt mir noch ein: "Dein Wille geschehe" und "Den Seinen gibt's der Herr im Schlaf" ;-).

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    1. ja das "Dein Wille geschehe" fasse ich so auf, dass man das nicht verleugnen soll, wie man gemeint ist, wie man vom Universum gewollt ist...
      und das mit dem Schlaf...genau UND man kann im Schlaf nicht streiten, misshandeln, kriege führen, Umwelt verschmutzen...es sollte mehr geschlafen werden ;))

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