Donnerstag, 3. November 2016

Bipolar oder hochbegabt?


Oder der Versuch mich in eine Schublade zu pressen. Teil 1.

Das Buch von Thomas Melle Die Welt im Rücken stach mir immer wieder ins Auge. Ich bin nicht so der Typ der Neuerscheinungen liest. Und schon gar nicht Bücher absolut neu kauft. Deswegen mied ich das Buch. Aber es ging mir nicht aus dem Kopf. Also kaufte ich es doch.
Die Vermutung, dass ich da einen Teil von mir im Spiegel sehe, hat sich bewahrheitet. Und das ist manchmal nicht schön. Deswegen wollte ich es erst nicht lesen.
Als ich aber anfing, riß es mich mit, in diesen Sog. An einem Tag hatte ich die über 340 Seiten durch.

Allein die Beschreibung seiner sozialphobischen Tendenzen:
Zum Beispiel überfordert das Betreten eines öffentlichen Raumes, eines Theaters oder Bar….Die Möglichkeiten der Gefahr, die sich in diesem Feld auftun, sind vielfältig. Da wird der Smalltalk zur Falltüre, die Blicke der Anwesenden erscheinen wie Attacken (…) das bloße Rumstehen stößt einen in die größte Verlorenheit. Wenig widerstandsfähig und wirr von all dem Außen, meidet er das Soziale und verlernt es, wenn er es denn je gelernt hat.

Weiter: 
Dieses hartnäckige Gefühl aus der Bahn geworfen zu sein und ständig einen Abstand zwischen der Welt und mir überwinden zu müssen, und zwar nicht nur für ein paar Stunden oder Tage, sondern grundsätzlich. Und immer, nach irgendeiner Begeisterung, auch die verhasste Rückseite: die Nichtigkeit, die Leeren, die Schalheit. Hatte mich etwas erfreut und gepackt, wurde es bald tot, faul und ungenießbar. Die Überfülle wich immer einem Vakuum.


Ging es weiter mit der Beschreibung seines Elternhauses und wie er seine Mutter emotional bepartnern(was ich selbst so gut kenne) musste und völlig hilflos dem Zerbrechen der Familie zusehen musste (nach einer Flucht vor dem prügelnden alkoholkranken Stiefvater, zog jener bald wieder mit in die neue Behausung ein).
Dieses sich anpassen, brav sein, ständige beobachten was um einen herum vorgeht und sich dem anpassen, um den größten Schaden abzuwehren, erinnerte mich schmerzlich an meine Kindheit. Kann es sein, dass die Gefühle heute so durchbrechen, weil sie früher nicht sein durften? Dass all die aufgestauten Neuronen alle auf einmal losfeuern und diese krassen Zustände herbei führen? Dass die früher Überanpassung in ein gnadenloses nicht-mehr-passen-(wollen) umschlägt?
Nach der rasenden euphorischen Zeit in der Manie, dann der Absturz. Tiefste Depression:

Die Enttäuschung und Entfremdung von sich selbst, die Durchkreuzung der meisten Lebenspläne, das Durchhalten dagegen, das Aufstehen, das Erreichen von neuen Zielen und doch immer wieder dieser Verlust des allgemeinen Lebenssinns, Risse innen. Das Aufstehen, wieder und wieder gegen die Schwerkraft, das Bedürfnis einfach liegen zu bleiben.(...)Sich eine Struktur auferlegen, auch wenn diese selten eingehalten wird, Selbstverlust durch Arbeit suchen, doch wann wird es Stress, wann die Pflicht zum Übel? Ausschlafen, aber auch nicht zuviel….

Nochmal zur Überanpassung: 
Man will es den Mitmenschen allzurecht machen, grenzt sich nicht genügend ab, will die Aufgaben und Pflichten allesamt perfekt erfüllen, bis man erschlagen wird von all den Ansrpüchen den fremden und den eigenen. Dann ist das Maß voll und alles zerspringt in tausend Fetzen. Dann setzt das Gefühl ein: jetzt erstmal wirklich zu leben, jetzt erstmal wirklich die eigene Stimme zu erkennen und zu erheben, jetzt hole ich mir das was mir zusteht...dann diese Revolte gegen das überzogene Gerechtigkeitsgefühl, diese zickige Widerständigkeit, in dieses frühere Dazugehörigkeitsollen mischt sich ein biestiges Andersseinwollen. Es knallt nur so hin und her

Die Herkunft und ihre Konsequenzen lassen sich nicht einfach so abschütteln...

Vor Jahren rutschte ich selbst in eine Manie. Zwar nicht so krass wie im genannten Buch, aber doch ganz ordentlich. Ich war in ärztlicher Behandlung und somit kam noch eine Diagnose zu den anderen dazu: manisch-depressiv.
Ich las viel dazu, nahm Lithium, irgendwann war das Thema wieder vergessen.
Bis ich (vermutlich, ganz sicher bin ich mir da nicht) nocheinmal in diesen heftigen euphorischen Zustand schlitterte. Auch hier waren die Auswirkungen überschaubar. Hinterließ aber schon bei mir und den anderen ein staunen und erschrecken.
Was ich immer wieder habe: Stimmungsschwankungen, also die kleine Schwester der Bipolarität. Ohne Grund wechselt es heftig. Je nachdem wie ruhig die Umstände im Leben sind.
Oft diese euphorischen Zustände, knallwach und ich meine, dass ich ja nur ein wenig dies und das ändern müsste, damit das alles (z.B.Job) schon klappt. Oder ich abends in guter Laune irgendwas anleiere, wo ich mich am nächsten Morgen frage: Who the fuck...?

Langsam lerne ich auch zu unterscheiden, was ich persönlich/ursprünglich bin und was der kranke Teil ist. Das erleichtert viel und bringt etwas Klarheit in meine Pläne und Ziele. 

Fazit: Das Buch ist lesenswert. Sehr intelligent und lebendig geschrieben. Für mich zum Glück mehr über die manischen, als die depressiven Zustände. Manchmal auch unerträglich bestimmte Szenen, man möchte am liebsten in das Buch hinein springen und STOP rufen. 

Was war jetzt mit hochbegabt?
Dazu bald mehr aus dem Buch: Kluge Köpfe - krumme Wege?

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