Dienstag, 6. September 2016

Auch gut zu lesen

Sybille Berg hab ich früher gern gelesen.
Ein Buch "die Fahrt" gefiel mir damals so gut, dass ich es aufhob, um es später noch einmal zu lesen. Was ich bei Romanen so gut wie nie mache (außer z.B. Keri Hulme unter dem Tagmond, das Buch hab ich mindestens 3x verschlungen).
Also gestern war dieses später für Frau Berg's Roman.
Und festgestellt: öh nee geht gar nicht mehr...viel zu schwer und duster und melancholisch....weil ich aber auch noch nicht schlafen wollte, blätterte ich ein wenig rum und las hier und dort mal...sind einzelne Geschichten, da geht das gut....und folgende Perle gefunden:

Was die eigene Zusammensetzung bedeutet, was man wirklich will, was einen mit heiterer Gelassenheit erfüllt, herauszufinden, dass man vielleicht nichts Besonderes ist, das alles bedarf ungemeiner Anstrengungen. Es heißt, sich frei machen von fremden Bildern und Ideen. (...)
Heißt viellleicht erkennen, dass man keine Freunde hat, weil man sich mit den Personen, die einen umgeben, unwohl fühlt...erkenne dich selbst!
Die Belohnung ist groß. Sie zeigt sich in Kleinigkeiten. Irgendwann fällt es einem auf, dass man völlig entspannt inmitten fremder Menschen sitzen kann, ohne sich unwohl oder beobachtet zu fühlen, dass man Veranstaltungen verlässt, wenn man sich langweilt, dass man Bücher weglegt, die einem nicht gefallen.
Man muss nicht mehr in Urlaub fahren, wenn man Urlaub hasst, und wenn man es schätzt, abends um neun im Bett zu liegen, dann tut man das. Der Preis für die Mühe sich zu hinterfragen, ist persönliche Freiheit, ist Freundschaft mit sich selbst.
Keiner der freundschaftlich mit sich verkehrt, wird kriminelle Energie entwickeln und mit Menschen verkehren, die verspannt und verzogen sind. Er wird Freundschaft mit der Welt schließen, und das ist die Grundlage der Menschlichkeit, von der wir nun wissen, warum es sie so selten gibt.
Ich bin viel am austüfteln was meins ist und was nicht. Komme mir immer wieder komisch vor, wenn ich in Filmen oder Bücher andere Leben beobachte und an mir feststelle, dass ich keine Lieblingskneipe habe, andere nicht gern zum Essen einlade und immer weiß wo meine Sachen sind und sehr ordentlich bin.
Meins zu entwickeln und dazu zu stehen ist mein Weg. Und immer wieder eine Herausforderung. Weil es über 30 Jahre schlicht verboten war meins zu spüren und zu leben.
Ich habe meine persönliche Diktatur verlassen und bin nun frei.
Ich weiß das sehr zu schätzen und kann es immer öfter genießen...

Kommentare:

  1. Dein gesamter Beitrag ist ein Leitfaden (mit ANFANG) für Schritte, die zu uns selbst führen. Genauso habe ich das bei mir erlebt. Mit einfachen (sehr wichtig!) Worten und deshalb nachvollziehbar geschrieben. Das "gewußt-wie" direkt für sich selbst zu "nachmachen", auch wenn jeder etwas Andres für sich finden wird, was "Seins" ist. Vielleicht gibt das meiner Mutter Ansporn, die mit 87 dieses Problem immer noch mit sich herumträgt.

    HERZLICH DANKE, Luzia

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  2. Ja ich glaube, dass das mit ein Grund für soviel Übel auf der Welt ist...dieses nicht seines leben dürfen...die sich selbst völlig fremd sind und sich selbst verlassen haben (was ja auch ein Schutz sein kann, bei mir war es so).
    Allein die vielen Menschen in Diktaturen oder die in der DDR aufwuchsen und lebten mussten/müssen soviel eigenes verdrängen, was sich ja dann doch irgendwie und irgendwo Bahn bricht...und sei es durch eine Krankheit.
    Auch meine Eltern schauen nur auf andere, nie auf sich selbst, aber es ist nicht mehr (und war es eigentlich auch nie) meine Aufgabe ihnen da zu helfen. Nur wenn sie selbst darum wissen und ihre Verantwortung dafür übernehmen, hat es Sinn mal kurz Hilfe zu leisten. Alles andere wäre wohl übergriffig.
    Ja vielleicht schafft Deine Mutter noch eine Kehrtwende, ich glaube nicht, dass das am Alter liegt sondern einfach an der Bewußtheit und Bereitschaft.
    Liebe Grüße zu Dir!

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