Montag, 27. Juni 2016

Freigeboxt

Schon die letzten Tage hadere ich mit mir, dass ich all diese Mißhandlungen durch meine Familie so lange erduldet habe...dass ich mich nicht eher wehrte oder eben schon eher gegangen bin. Das hängt grad schwer an mir...
Dazu passend gestern ein Video aus einer meiner Lieblingssendung (Lebenslinien Bayern 3) gefunden...
Julia litt jahrelang unter einem gewalttätigen Stiefvater.
Mit 14 Jahren wehrte sie sich gegen ihren Stiefvater. Sie schlägt zurück und verprügelt ihn.
Wow. Sie hatte sich freigeboxt, im wahrsten Sinne des Wortes.
Wie sie das erzählte liefen bei mir einfach nur die Tränen herunter.
Ist klar, dass diese Frau höchstwahrscheinlich nie unter Depris und Co leiden wird. Auch hilfreich in ihrer Lage waren unterstüttzende, liebevolle Großeltern. Wie schon Alice Miller schrieb: ein wissender Zeuge kann das Leben retten. Ich würde sagen, eine wirklich liebevolle, unterstützende, nährende Beziehung zu einem Menschen....kann Leben retten.

Ich finde es mehr als bedauerlich, dass ich mich nie wirklich wehrte. Nicht gegen Mitschüler, nicht gegen übergriffige Partner und schon gar nicht gegen meine Schwester, Vater und Mutter.
Ich dachte immer, dass ich das anders regeln müsse. Auf Verstandesebene, oder mit Erklärung, oder eben wie gelernt: mit noch mehr Liebe zu diesen Menschen. Absurd. Irgendwie wird einem das nonverbal so eingetrichtert: "wenn du dich richtig verhältst (wobei dieses "richtig" sich stündlich ändern kann) könnte es sein, dass ich dich mal mag/ bzw. einfach in Ruhe lasse!"

Meine frühesten "ich wehre mich jetzt!" wurde natürlich glatt gebügelt. Das worüber ich mich aufregte sei doch nicht so schlimm, ließe sich richten, klären, was auch immer...meine natürlichen Aggressionstriebe wurden vernichtet...später wunderte man sich warum ich gar so depressiv sei...und warum wohl...?
Ebenso zeigte mir mein Vater an Dritten zu was er imstande ist. Was also passieren könnte, wenn ich ihm nicht "diene oder weiterhin sein Größenselbst stabilisiere". Auf meine Mutter schoß er einmal. Ja mit einer richtigen Waffe. Zum Glück war sie zu zweit weg. Dem Nachbarshund spritzte er eiskalt Essigsäure auf die Nase, der roch wahrscheinlich vor Verätzungen nie wieder was...usw... dass man so sein nahes Umfeld indirekt einschüchtern kann steht gut beschrieben in: Emotionale Gewalt- Traumatisierung in der Kindheit durch nahe Bezugspersonen, siehe hier:
http://home.snafu.de/ina/band_7.htm

Meiner Familie auch mal übel mitzuspielen war sowieso ausgeschlossen. Dann wäre ich ja nicht besser gewesen als die.
Das alte Auge um Auge, Zahn um Zahn war mir zu steinzeitlich, zu profan, zu blöd.
Dass es aber nicht darum ging, es dem anderen "nur" heimzuzahlen, sondern eher darum, dass man mit gewissen ebensolchen Aktionen dem anderen einfach zeigt: hej mit mir nicht! wurde mir auch erst vor kurzem klar.

Sehr gut wird das in dem Video gezeigt als die Boxerin in einer Schule Selbstverteidigung lehrt. Ein Junge schubst sie immer wieder, sie sagt immer wieder freundlich, lieb und etwas schwach er solle das bitte lassen. Natürlich hört er nicht auf, hat im Gegenteil noch richtig Spaß an der Sache bis sie mal sehr laut STOP ruft und ihn dabei kräftig an der Schulter zurück schubst.
Es signalisiert ganz klar:
hej! halt! Hier ist meine Grenze und jetzt lässt du mich gefälligst in Ruhe!!!
Der Junge reagiert daraufhin völlig verunsichert und ist erschrocken, er lässt ab.

So fallen mir jetzt unzählige solche wirksamen Stop-Signale ein, die ich hätte anweden können, egal ob in der Schule oder daheim...selbst wenn ich es jetzt nur in Gedanken durchspiele stellt sich dieser kraftvolle Energieschub ein, diese innere Stärke und Eigenmacht die mir soviele Jahre gefehlt hat...

Unbedingt sehenswert:
Julia Irmen, Weltmeisterin im Boxen FREIGEBOXT
http://www.br.de/mediathek/video/sendungen/lebenslinien/freigeboxt-julia-irmen-weltmeisterin-lebenslinien100.html

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