Montag, 11. April 2016

Meine Mitbewohnerin die soziale Phobie

Ich hatte es schon viele viele Jahre, doch erst mit 27 Jahren erfuhr ich was ich hatte und wie man es nannte: soziale Phobie.
Es gibt da unterschiedliche Ausprägungen von Mensch zu Mensch und es ist mehr als nur die Angst vor einer öffentlichen Rede!

Ich hab kein Problem die Verkäuferin zu fragen, wo denn die Reiswaffeln stehen.
Oder einen fremden Menschen auf der Straße nach dem Weg.
Auch mit Behörden telefonieren, mit der Bahn fahren und Männer daten ist in der Regel kein Problem (je nach Phase und Tageslaune geht es mal besser, mal schlechter).
Ich kann viel kompensieren. So tun als ob mir das alles nichts ausmacht. Aber es kostet enorm viel Kraft.
Schwierig wird es wenn es näher wird. Irgendwann kann ich halt nicht mehr so tun als ob, weil das Schauspielerei ist. Und unehrlich. Der andere lernt mich besser kennen und das bedeutet Gefahr.
Schwierig sind auch größere Zusammentreffen. Geburtstagspartys, Hochzeiten, Taufe, Gruppen jeglicher Art mit der man irgendwie interagieren muss/sollte. Dastehen und alles beobachten (was ich sehr gerne mache) wird da nicht sonderlich gut aufgefasst. Und ist auch z.B. im beruflichen Kontext nicht möglich.
Im nächsten Leben wünsche ich mir, dass ich mich und das Leben nicht so ernst nehme.

Jeder ist aufgeregt vor dem ersten Arbeitstag oder wenn er selber ne Party schmeißt. Bei mir verzehnfacht sich die Angst...

Die Grenze verwischt wohl, was ist introvertiert und was ist soziale Phobie...
Ich glaube, dass extrovertierte, die an einer soz. Phobie leiden, da eher wieder raus kommen. Vielleicht ist es für sie aber nochmal extra schwer.

Introvertiert wäre wohl, wenn ich auf einer Party eher in der ruhigeren Ecke stehe und mich  mit einem bekannten Menschen unterhalte, oder am Balkon den Sternenhimmel betrachte.
Soziale Phobie ist: Ich bleibe daheim.
Überhaupt mein Heim. Mein sicherer Ort. Sobald ich aus der Tür gehe, steigt die Anspannung. Manchmal ist selbst auf den Balkon zu gehen schwierig.
Auch hier: Mal mehr, mal weniger.
Warum? Jemand könnte mich sehen und schlecht über mich denken/reden.
Bei der soz. Phobie geht es nur darum: Bloß nicht schlecht dastehen. Keine Fehler machen. Nicht blamieren. Klar die Sorgen, Befürchtungen kennt wohl jeder, auch mal mehr mal weniger, aber mich blockieren sie soweit, dass ich in ganz schlimmen Phasen fast nicht das Haus verlasse und nicht vor anderen trinken und essen kann. Anspannung hoch = zittern = kein Besteck/Glas in die Hand nehmen, weil man dann das zittern sieht, was am allerallerallerschlimmsten wäre!

Ja Angststörungen sind irrational.
Man hält die Luft an, obwohl es um sich zu entspannen, sinnvoller wäre, in den Bauch zu atmen, oder in seine gefalteten Hände/Tüte vorm Mund.
Man überlegt, wann man am besten einkaufen geht, nämlich wenn die wenigsten Leute unterwegs sind (bei mir in der Gegend egal, es ist fast immer gleich viel los).
Man macht sich Gedanken um etwas was wahrscheinlich gar nicht stimmt oder nie zutrifft ect.

Konfrontation mit der Angst half mir wenig. Zu sehr hänge ich in den Triggern dann fest. Was alles nur schlimmer macht.
Ich weiß vieles vom Kopf, woher das kommt, was man nicht machen sollte (noch mehr Rückzug) usw. All das kann man sich selbst sagen, einzig: es hilft wenig.
Ich fühle mich unbehaglich und unsicher, sobald ich aus der Tür trete.
Mal mehr, mal weniger.

Was hilft dann?
Mir vorstellen, dass andere Menschen auch Probleme haben, die eine kann keine Kinder bekommen, obwohl sie so gern eine Großfamilie gegründet hätte, die nächste muss erkennen,d ass ihre heile Familie nicht heil ist, sondern ihr Mann schon lange eine andere hat und das tolle Haus einfach nur scheiß viel Arbeit macht, die nächste hat Krebs und ein anderer rauscht in die Schuldenfalle aus der er die nächsten 20 Jahre lang nicht mehr raus kommt.
Das hilft manchmal. Aber oft denkt man ja, das man mit all den anderen Sachen besser zurecht kommen würde und dass das eigene Problem am allerschwierigsten und am schlimmsten ist.

Was auch hilft: NICHT mit der Angst identifizieren. Ich bin mehr als die Angst. Wie das geht? Die Angst als eigenes Wesen vorstellen. Das ist (für mich) schon eine Erleichterung weil ich dann wieder denken und handeln kann.

Und? Hilfts?
Tja...
mal mehr..mal weniger...

Kommentare:

  1. Bist du sicher, dass du diesen Post geschrieben hast. . .ich kann fast jedes Wort unterschreiben.
    auch mir geht es so, mal mehr, mal weniger !
    Und zur Zeit mal wieder mehr, es ist zum kotzen und es ist so anstrengend.
    Und ich muss immer alle Gefühle verbergen.
    Das macht es noch schlimmer.
    Und gerade jetzt, wo ich mein heiß ersehntes Enkelkind geschenkt bekommen habe, gerade jetzt geht es mir gar nicht gut.
    Das ist gemein und ich bin tief traurig.
    Aber, man weiß ja, es wird wieder anders, bloß wann und dann die Angst, es bleibt mal stehen . . .dieses Gefühl.
    Eine wirklich verdammte Scheiß-Krankheit!!
    Entschuldige die Ausdrücke, es gibt keine besseren dafür.
    ♥liche Grüße

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  2. Liebe Jutta, da hast Du schon recht, es ist einfach eine große Scheiße.
    Ich versteh Dich sehr, da ist etwas schönes und es ist so ein Zwiespalt in einem, weil man sich schon auch freut, aber gleichzeitig ist da diese Schwere und Dunkelheit.
    Früher war ich recht zufrieden mit meinen zurückgezogenen Phasen, aber der Teil in mir der in die Welt hinaus will und auch noch was im Leben schaffen möchte, wird immer größer, das bringt mich in arge Bedrängnis.
    Aber irgendwie werde ich da einen Weg raus finden...
    Und ja dieses Auf und Ab, mal gehts besser dann wieder nicht ist sehr zermürbend, immer wenn es weniger ist, denkt man: ui schön endlich wieder frei und dann bamm is man wieder unten und denkt sich: nicht schon wieder...wie oft denn noch...mir geht die Kraft aus...
    Ich wünsche Dir baldiges Licht und Besserung und trotz allem viel Spaß mit deinem Enkel!! ;-)
    Liebe Grüße

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    1. Danke für dein Verständnis, das tut gut :-)
      Es tut gut, jemanden zu wissen, der versteht.
      LG

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