Sonntag, 3. April 2016

Das Lächeln der Freiheit

Über dieses Buch von Paul Linden stolperte ich zufällig und da es neu weniger als 2,- kostete nahm ich es mit.
Ausschlagggebend war der Untertitel: Selbststärkung und Körperbewusstsein - Ein Leitfaden zur Traumabewältigung

Selbststärkung klingt immer gut und auch in der stationäre Therapie spürte ich, dass die Körperarbeit was für mich wäre. Aber eben auch, dass das sehr heiß für mich ist. Später in der Tagesklinik gab es das Angebot wieder und wieder wollte ich es zuerst machen, um dann doch wieder abzusagen.
Das fühlte sich für mich auch richtig an, ich spürte, die Gefahr einer Retraumatisierung ist viel zu groß.

Einerseits ist da die Körperarbeit, die ja viel auslösen kann, was also schon irgendwie händelbar sein muss UND andererseits ist dann für mich die Schwierigkeit dass eben ein anderer Mensch da ist.
Ich komme also sehr schnell unter Druck, wenn ich etwas so nicht machen will oder weinen muss, dann kommt Scham hinzu usw. Also Körperarbeit UND die soziale Seite ist einfach zuviel.

Jetzt also dieses Buch. Da konnte ich die Körperübungen schön für mich alleine machen. Mich ganz auf mich konzentrieren und alleine nachfühlen was das so auslöst. Das war schon viel viel besser.
Für manche mag das weniger gut sein, wenn sie in schwierige Zustände geraten und da alleine vielleicht nicht mehr rauskommen.

Bei manchen Übungen aus dem Buch bräuchte man auch einen Partner, aber das waren eh Themen die für mich nicht wichtig waren.

Das wichtigste das ich aus diesem Buch mitnahm: Entspannt lässt es sich besser verteidigen. Der Auto lehnt nämlich seine Being-in-Movement-Methode an das Aikido. Es geht nicht um wildes schlagen und hauen, sondern um Balance, Stabilität und Körperwahrnehmung.

Durch einen Missbrauch (der Autor bezieht sich nur auf sexuellen Missbrauch, aber das gilt auch für die anderen Formen von Grenzüberschreitungen) hat sich der Atem, die Achtsamkeit und die Körperhaltung verengt und die meisten Überlebenden konservieren diese Selbsteinschränkung über den Mißbrauch hinaus.

Als vermeintliche Schutzhaltung ist man immer angespannt, atmet zu flach und ist ständig dabei seine Umgebung zu überwachen um mögliche Überschreitungen rechtzeitig zu erkennen und um sich zu verteidigen.
Das ist aber ein Trugschluß. Diese Haltung verbraucht sehr viel Energie, die dann für die tatsächliche Verteidigung (das muss nicht unbedingt gleich eine körperliche Auseinadersetzung sein, oft geht es ja darum verbal seine Grenze aufzuzeigen) fehlt.

Der Auto zeigt das Paradox auf: Weichheit ist die wahre Stärke!
Wenn ich mich klein mache, anspanne, flach atme und ganz eng also hart werde, fühle ich die Machtlosigkeit regelrecht körperlich.
Der souveräne, zentrierte Zustand ist offen, strahlend, kraftvoll, weich, fließend, leicht, gleichmäßig, geerdet und entschlossen.

Die erste Übung geht daher auch gleich mit dem Bauch los (was ich als Reihenfolge eher ungünstig finde). Aber wie fühlt es sich an, wenn ich den locker lasse, in den Bauch atme und ganz weit innerlich werde?
Ich fühle mich wohl. Entspannt. Zentriert und da kam es schon: Das Lächeln. Das Gesicht wird weich. Das Lächeln der Freiheit. WOW!

Und so gehen die Übungen zur Körperwahrnehmung immer weiter. Ich konnte das was ich ausprobieren wollte gleich ganz geschützt im eigenen Wohnzimmer ausprobieren. Welch tolles Gefühl. Welch Stärkung! Welch Erdung. Welch Zentrierung! Aus diesem Gefühl, das sich sehr erwachsen und kraftvoll anfühlte kann ich mir gut vorstellen, viel eher und auch früher zu sagen, wenn mir etwas nicht paßt und mich zur Not auch wehren - ohne Schuldgefühle oder dass man das ja nicht darf....

Dann probierte ich diese Haltung draußen. Natürlich erstmal da wo keine Menschen waren. Uh ungewohnt. Es fühlte sich gefährlich an, sich so angreifbar(gefühlt) zu machen. Aber teilweise war es auch einfach nur toll!
Wenn es zu anstrengend wurde, erlaubte ich mir auch wieder damit aufzuhören und in meine alte Haltung zu rutschen.
Irgendwann kam mir bei dieser Übung halt doch ein Mensch entgegen und statt innerlich alles zu zu machen, flach zu atmen, den Bauch anzuspannen und mich klein zu machen (wenn auch nur wenige Millimeter, aber wer schonmal eine neue Zahnkrone bekam, weiß was ein paar mm zuviel ausmachen können, so ist es auch bei der Haltung), blieb ich entspannt, atmete weiter, die Schultern fielen leicht nach unten, innerlich machte ich mich auf und es war einfach schön!

Selbst als ich nach einigen Tagen in eine (alt gefühlt) bedrohliche Situation kam, zwei ältere Männer kamen mir entgegen,wobei der eine mich schon so flirtend ansah und wir die einzigsten Personen in der Seitenstraße waren, blieb ich in der Haltung, innerlich weich aber mit festem Blick-kein Lächeln! Fühlte sich sicherer an, als früher. Danach "klappte" ich zwar wieder innerlich zusammen, aber das ist ok. Jahrelange eingeschliffene Verhaltensweisen legt man nicht an einem Tag ab.
Immerhin kam von dem Mann kein dummer Spruch oder so.

Es macht Spaß der Welt in dieser neuen kraftvollen Haltung zu begegnen.
Raus aus der Opferfalle.

Was mich an dem Buch extrem gestört hat und was auch völlig unsinnig ist, die teilweise detailgenauen Beschreibungen der erlebten Übergriffe seiner Klienten. Das hätte er sich wirklich sparen können, das hilft keinem weiter.

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