Montag, 4. Januar 2016

Einsam, na und?

Was für ein Buchtitel!
Einsamkeit. Eines der letzten Tabus.
Es gibt Bücher über Darmgesundheit über psychische Erkrankungen, Selbsthilfegruppe zum Thema Angst, Sucht und allerlei sonstiges, in Zeitungen berichten Frauen, dass sie früher Männer waren...alles wird öffentlich diskutiert, beleuchtet und als ganz normal betitelt.

Aber Einsamkeit, dieses glibbrige Scheißgefühl!
Das keiner haben will. Das verdrängt oder beschönigt wird.
Und dann kommt da einer daher, zuckt die Schulter und sagt:
Einsam, na und?
Wow.
Noch besser der Untertitel: Von der Entdeckung eines Lebensgefühls.
Das stimmt. Der Autor (Maximilian Dorner) schlägt nicht mit Rat. Ist kein Psychologieprofessor, sondern ein einfacher Mann mit ganz normalem Leben. Im Lauf des Buches erfährt man dann, dass er es vielleicht doch nicht so einfach hat, als schwuler und behinderter.
Er nähert sich diesem Gefühl von allen Seiten. Ob analoge oder digitale Einsamkeit, im Beruf oder auf einer Party. Egal ob alt, jung, arm, reich die Einsamkeit besucht jeden. Irgendwann. Er schaut sich die (vermeintliche?) Einsamkeit der anderen und seine eigene an.

Die meisten Gefühle werden weniger bedrohlich, wenn sie er-und anerkennt werden. Aha, da ist also die Angst, die Sorge, die Trauer.
Aha, da ist sie...die Einsamkeit.
Normalerweise reagieren die Menschen: "Ahhhhh einsam, schnell was essen, spielen, saufen, sexeln, lesen, sporteln....!!!"

Mit diesem Buch kann man sich zurücklehnen und ganz sachte, sich Stück für Stück seine Einsamkeitsgefühle erforschen. Das tut erstaunlicherweise gut. Dann wieder nicht. Dann ist es stellenweise sogar lustig und verliert die Schwere.
Jedenfalls lernt man sich wieder etwas besser kennen.

Bei mir ist es so, dass wenn ich mich so richtig fies einsam fühle, ich mich oft selbst verlassen habe. Meine Antennen sind nur im Außen, bei den Erwartungen der anderen. Meine Gefühle, Bedürfnisse nehme ich nicht mehr wahr. Mache ich das lange genug, kommt eine riesen Einsamkeitsattacke daher.
Auch habe ich festgestellt, dass sich Einsamkeit und Langeweile fast gleich anfühlen und oft im Doppelpack daher kommen! Das ist wichtig das auseinander zuhalten.
Auch ein Unterschied ist es, ob ich einsam BIN oder mich "nur" so fühle.
Da stellt sich wiederum die Frage: ab wann ist man einsam? Das ist wohl Auslegungssache und bei jedem anders. ich fühle mich nicht einsam, wenn ich mal 2 Tage mit niemandem gesprochen habe. Für andere wäre das das Grauen pur.

Einsamkeit kann sich anfühlen, als ob man in einem kalten See ertrinkt. Keinen Boden unter den Füßen, Hoffnungslosigkeit, Sinnlosigkeit, das Ufer ist soweit weg, es zieht einen immer weiter hinunter, das atmen fällt schwer...
Das Bild half mir in letzter Zeit, um mir zu sagen, dass ich mich da jetzt nicht zu sehr reinsteigern soll. Keine Panik!
Dass ein wenig Verdrängung und Ablenkung absolut ok, wenn nicht gar sinnvoll ist (um wieder auf andere Gedanken zu kommen).

Zitat aus dem Buch:
Einen Schönheitspreis im Umgang mit der Einsamkeit braucht niemand gewinnen. Wahrscheinlich besteht die eleganteste Methode eh darin, sie nicht zu bekämpfen wie Kopfläuse im Kindergarten. Sie muss auch nicht überwunden, sondern kann im Gepäck des Lebens mitgenommen werden. Mit ihr durch die Jahre zu wandern kostet weniger Energie, als alle naslang den Rucksack komplett auszuleeren und zu desinfizieren. Entscheiden ist, sie nicht so schwer werden zu lassen, dass man wegen ihr gebückt läuft.

Ich habe mich durch das Buch mehr mit meinem Einsamkeitsgefühl ausgesöhnt. Sie darf da bleiben. In Maßen. Wie Freunde, die dann auch mal wieder heimfahren dürfen, so gern man sie hat, irgendwann ist auch mal wieder gut.
Das die Einsamkeit bei mir leider ein Lebensgefühl ist, ist mir schon lange klar. Als jahrelang traumatisierte durch Bezugspersonen habe ich schlicht und einfach kein bis wenig Urvertrauen in meine Mitmenschen und halte diese, ob ich mag oder nicht, ob bewußt oder unbewußt leider zu oft auf Distanz, wovon viele abgeschreckt sind und wieder gehen.

Da bleibt mir nichts anderes übrig, als mich ein wenig mit der Einsamkeit anzufreunden und das Beste draus zu machen!
Damit endet ein langer Kampf für mich, der da hieß: Mit Menschen (nie mehr einsam sein!)/ohne Menschen (ich bau mir eine Waldhütte in Schweden) .
Beides Extreme. Beide funktionierte nicht.
Also: Sowohl als auch, heißt der Weg.

Kommentare:

  1. Der letzte Satz von dir spricht mich sofort an !
    Das Buch werde ich mir wohl kaufen, denn ich fühle mich "zweisam " oft sehr einsam, das ist für mich manchmal sehr schwer.
    Danke für diese Buch-Vorstellung.
    Danke für din Offenheit.
    Einen schönen, guten Abend

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  2. Hallo liebe Jutta,
    ja klar, wer kennt nicht Kästners: doch am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit*.
    Wünsche Dir gutes klarkommen und evtl. lesen.
    Liebe Grüße

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