Samstag, 17. Oktober 2015

Aus den alten Schuhen steigen

Ich bin letztens über eine alte abgespeicherte PowerPointPräsentation gestolpert. In der ging es ums loslassen. Vorrangig um Besitz.
Wenn wir sammeln und horten, dann zeigen wir unserem Gehirn und unserem Universum, dass wir dem Morgen nicht vertrauen.
Wir hindern uns am Wachstum (ich nennen es lieber Entwicklung).
Es ging ums frei werden und leicht, damit das Neue in unser Leben kommen kann.
Irgendwie trafen mich diese Wörter mehr als sonst. Solch Kalenderspruchweisheiten hängen mir eigentlich schon zum Hals raus, aber dieses Mal nicht.

Gerade fiel mir ein, wieviel altes Zeug aus vergangenen Zeiten ich noch im Keller stehen habe. Alte Tagebücher voller Schmerz, Trauer und Wut.
Einen ganzen Ordner voller selbstgeschriebener Gedichte, fast alle aus meiner  schwierigen Jugendzeit, also sind auch hier die Themen Liebeskummer, noch mehr Schmerz und viel Verzweiflung.

Warum hebe ich das auf?
Mir kam der Gedanke:
Die Vergangenheit besitzt mich.
Was bringt mir das?

Dann fiel mir ein, dass ich letztens ein tolles Buch las *Traumfänger* in dem eine weiße Frau auf einen walkabout mit den Ureinwohnern Australiens mitgehen durfte. Diese Leute trugen fast nichts. Sie hatten nichts. Es zählte nur das Jetzt. Und erstaunlicherweise fanden sie immer genau das, was sie brauchten zum richtigen Zeitpunkt.

Wieder: warum hebe ich das ganze Leid auf?
Weil ich mich dran festgehalten habe?
Weil ich angst hatte sonst nichts zu haben?
Weil ich angst hatte vor dem was kommt, wenn ich nach vorne blicke?

Ich stelle mir vor, wie die ganze Vergangenheit und jedes Foto, Tagebuch oder sonstiges an einem Faden hängt, und alle Fäden führen zu meinem Körper. Eine Verbindung besteht in jedem Fall, das merke ich wie gut ich mich nach einem ausmisten fühle!
In Gedanken schneide ich diese Fäden durch.
Ich lasse los.
Die Vergangenheit WAR. Die schlimme Zeit von damals, ist schon lange, lange vorbei.
Es bringt mir nur selbst immer wieder Leid und Schmerz, wenn ich daran festhalte.
Die Vergangenheit habe ich mir sehr lange, sehr intensiv angeschaut.


Ein Grund warum ich das alles immer noch aufhob fällt besonders auf: Ich hoffte, dass nach meinem Ableben meine Familie (oder nur ein Teil) diese Aufzeichnungen findet und mich ENDLICH versteht, mich überhaupt mal richtig wahrnimmt
(da ich lange immer wieder suizidal war, ist das im nachhinein verständlich).
Es heißt aber auch, dass ich damit ja immer noch abhängig von den Reaktionen und Gefühlen meiner Eltern war/bin.

Man kann nicht nur Dinge loslassen, sondern auch alte Glaubensmuster, Verhaltensweisen, Gedanken, Gefühle...

Auch das Ego spielt eine Rolle, wenn ich mal nicht mehr bin, dann sollen die Leute sehen und nachlesen können was ich für ein Mensch war, welches Leben ich hatte. Ich will nicht einfach so verblassen und verschwinden ohne Spuren zu hinterlassen. Erstaunt nehme ich auch diesen Grund wahr.

Spannend was da gerade so auftaucht.

Ich glaube, morgen gehe ich mal in den Keller...

Kommentare:

  1. Spannender Gedanke. Dem wollte ich auch schon einen Blogpost widmen. Aber ich bin ja nicht anonym; -)
    Einerseits ist die Vergangenheit ja vorbei. Vieles von damals ist mir heute fast peinlich, manches verstehe ich gar nicht mehr, aber nichts bereue ich. Ich denke oft, ich bin die gar nicht mehr, die von damals. Aber ohne sie wäre ich nicht die von heute. Die Vergangenheit dokumentiert meine Entwicklung. Sie also einfach loszulassen als wäre sie nix mehr wert, ist nicht stimmig. Einen großen Teil meiner Tagebücher habe ich nach nochmaligem Lesen vernichtet. Meine Erinnerungen bleiben auch so. Eines Tages - und vir allem vor meinem Ableben - werde ich alle verbrennen. Ich selbst, so wie ich heute bin, bin die Essenz dessen, was ich war und der Samen für das, was ich sein werde. Was von mir mal übrig bleibt, ist das, was ich für andere in Liebe getan habe. Alles sonst kann gern vergehen.

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  2. Ich hab gemerkt, dass es vor allem darum ging: Die Identifikation mit der Vergangenheit zu lösen. Das ist sehr befreiend. Klar ist man auch immer noch ein Teil von damals und das was Du geschrieben hast :)
    Deine letzten Sätze find ich besonders schön. Ja stimmt. Danke!

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