Freitag, 3. Juli 2015

Am Grab

Wenn ich so kraftlos bin wie gestern, versuche ich trotzdem 1x am Tag das Haus zu verlassen. Oft gehe ich dann zum gegenüberliegenden Friedhof. Da kann ich gemütlich eine kleine Runde drehen und auf einer Bank das Grün genießen.

Gestern fand ich eine neue Holzbank, halb im Gebüsch und schon ziemlich morsch. Perfekt. So saß ich da und sah nach rechts. Ui ein...eine Skluptur? Aus Eisen mit unterschiedlichen Symbolen, darunter ein Grablicht. Hmm was das wohl ist...Soäter hab ich nebendran eine Gedenktafel und Beschreibung der Skulptur gefunden. Total versteckt und es tat gut. Als ob ich es finden sollte. Es hatte was künstlerisches, nichts festgefahren-katholisches an sich, das gefiel mir.

Dann sah ich nach links. Lauter kleine Gräber, wahrscheinlich waren das Urnenbeisetzungen und keine mit Särgen. Das hinterste sah ziemlich verwildert und zugewachsen aus. Langsam ging ich drauf zu. Sah es an.
Steine mit der Aufschrift *Denk an Dich* und Engel lagen verstreut zwischen Efeu und Löwnzahn. Das verblichene Trockengesteck war wohl vom letzten Herbst und die Laterne fürs Grablicht lag zerbrochen neben ein paar Plastikschnipsel.

Ohne nachzudenken fing ich einfach an das Grab ein wenig aufzuräumen. Mittendrin hielt ich inne: wer liegt hier überhaupt? Das Grünzeug ein wenig weggeschoben und las: Engelbert und Angelika.
Jetzt hatte ich trotz 30 Grad Gänsehaut.
Beide Namen haben was mit Engeln zu tun und ich heiße auch so.
Nachdenklich rupfte ich weiter die hohen Gräser drumherum heraus.
Brachte den Müll zur Tonne und fragte mich, ob das ein Zeichen für mich war...?

Kurz durchzuckte mich der Gedanke, dass man das doch gar nicht darf, an einem fremden Grab herumwerkeln, aber es war mir egal. So selten tue ich Dinge, die man eigentlich nicht darf (mir aber gut tun).

Ich dachte weiter nach: warum kümmert sich niemand mehr darum? Ist derjenige gestorben? Oder einfach abgehauen?
Wer waren die zwei? Geschwister? Sie hatten unterschiedliche Nachnamen. Kommt die Mutter nicht mehr her, weil sie es nicht mehr ertragen kann?
Ich werde das Grab ein wenig beobachten, wenn sich weiter niemand darum kümmert, werde ich auch das Trockengesteck entfernen und was frisches einpflanzen. Ich habe die Namen in die Suchmaschine eingegeben, da kam auch nix heraus.

Vielleicht war das einfach wieder meine Coabhängigkeit, dass ich mich mal wieder für etwas verantwortlich gefühlt habe, was mich nix angeht. Egal, es hat gut getan. Mir ging es danach besser als davor und bin froher nach Hause gegangen.

Kommentare:

  1. Ich bin gespannt und freue mich, darüber mehr zu lesen. Was wird wohl aus dem Grab. Vielleicht hast du ja das Glück mal Jemanden vor Ort anzutreffen.
    VG die Eurydike

    AntwortenLöschen
  2. ich weiß nicht, ob ich denjenigen dann ansprechen würde, wenn es ein sehr alter, gebrechlicher Mensch wäre, wahrscheinlich schon...
    Viele Grüße back

    AntwortenLöschen