Dienstag, 23. Dezember 2014

OH!

Ich bin doch introvertierter als ich dachte.
Ich glaube, das ich mir das nie so recht eingestehen wollte/konnte, weil wir in einer Gesellschaft leben in der Extrovertiertheit zum Ideal gekürt wurde.
Teamarbeit! Flexibel! Kommunikativ! Ständig und immer.

Das Buch "Die Macht der Introvertierten" öffnet gerade einige Türen
(ich finde es eine sehr gute Ergänzung zum Buch "Still").
Und so sehe ich meine Vergangenheit nochmal mit einem anderen Blick.

Wie anstrengend es für mich war, als Kind auf dem Flur zu schlafen (wir hatten kein Kinderzimmer). Diese Unruhe.
Später hatte ich ein Durchgangszimmer, wieder diese Unruhe. Nie wirklich bei sich ankommen können, weil es ja sein könnte, dass der Stiefvater dringend in sein Büro muss.
Dass mich die Arbeit im Kindergarten ausgelaugt hat, ist jetzt sonnenklar.
Auch warum mich eine volle Bahn so streßt. Ich spüre die Erleichterung körperlich, wenn der neben/gegenüber sitzende aufsteht und die Plätze um mich freier werden.
Ebenso ist klar, warum mich die Tagesklinik so extrem geschwächt hat. Es gab null Rückzugsmöglichkeiten. Ich war inkl. Fahrt immer über 8 Stunden unter Menschen auf engstem Raum.
Genauso das zusammenwohnen mit einem mich extrem kontrollierenden Mann, hat tiefere Wunden geschlagen/schneller meine Grenze überschritten, als es wahrscheinlich bei jemand anderem der Fall gewesen wäre.

Auch interessant, dass große Unterschiede zwischen introvertierten Menschen besteht, die hauptsächlich ihre linke bzw. rechte Gehirnhälfte benutzen.
Der linksdominierte Intro ist der typische Bastler, IT-Spezialist oder Forscher, der selbst im Urlaub nicht aus seinem Labor will.
Diese Menschen könnnen sich in ein Thema so sehr vergraben und wenn man den zum Kaffekränzchen mit den Nachbarn zwingt, kann das eher unlustig enden.
Der rechtsdominierte hat eine ausgeprägte Intuition, Phantasie und Kreativität. Er beschäftigt sich viel mit seinen Gefühlen.

Ich verstehe nun (und das wird sehr ausführlich erklärt, welch Wohltat!) dass Intros tatsächlich eine *lange Leitung* haben.
Reize die von außen/oder natürlich innen kommen, nehmen eine längere und andere Bahn durchs Hirn, als das bei Extros der Fall ist.
Und auch das merke ich körperlich, wie verwirrt und gestresst, ja mit Leere ich im Hirn bin, wenn zuviel Neues auf mich einströmt. Beispiel: Besuch bei einem neuen Arzt.
Oder warum es mich regelrecht überfordert mit einem Menschen zu spazieren, sich unterhalten UND dabei ein Eis zu essen. Auf so viele Reize kann ich mich nicht gleichzeitig konzentrieren! Da ist die Umgebung, wo ich hintrete, was der andere sagt, was ich sage, der Geschmack, die Kühle vom Eis...

Mir ist jetzt klar, dass es mich auch erschöpft, wenn ich mit Menschen zusammen bin, die ich mag, oder Dinge tue die mir Spaß machen.
Ich lade anders auf, nämlich beim allein sein, vor mich hin träumen, Löcher in die Luft starren, irgendwas wo mein Hirn abschalten kann.
Zitat:  
Introvertierte Menschen brauchen Zeit zum Nachdenken, 
ohne den Druck, etwas "machen" zu müssen.

Klar braucht wohl jeder Mensch, aber für Intros ist das existenziell, sie brauchen viel Zeit zum Denken!

Achachach es ist eine wahre Wohltat, mich wieder ein Stück mehr kennenzulernen und mich besser zu verstehen.

Kommentare:

  1. Oh, das kann ich so alles unterschreiben. Ich gehe auch am liebsten alleine spazieren, weil ich genug damit beschäftigt bin, die Sinnesreize der Umgebung aufzunehmen. Es ist wirklich schwer, in einem fordernden Alltag mit den Energien zu haushalten, weil Introversion tatsächlich total "uncool" ist. Aber das sollte uns nicht weiter interessieren. Denn viel "cooler" ist es ja, wenn wir gut auf uns achten und unsere Bedürfnisse respektieren ;-).

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    1. Kennst Du auch das Buch?
      Und ja da hast Du schon recht und ich bin auch froh so zu sein, denn mir ist fast nie langweilig und es macht mir auch keinen Streß, wenn mal kein Mensch um mich rum ist. Ich kenne einige extrem extrovertierte die immer nur machen müssen, und sich im Hamsterrad völlig verausgaben....
      LG

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    2. im übrigen gemeinsam kochen und sich unterhalten ist auch sehr anstrengend.... auch wenn es lustig ist, auf mehrere Sachen gleichzeitig konzentrieren....öh is nicht meins...

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  2. Jetzt verstehe ich so einiges besser !
    Danke für diesen interessanten Beitrag.
    ♥lichst jutta

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    1. Ich kann das Buch sehr empfehlen, habe es mir aus der Bücherei über Fernleihe bestellt, weil es mir noch zu teuer zum kaufen ist, aber es wird definitiv mal gekauft. Es ist Gold wert :)
      Liebe Grüße!

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  3. Ich dachte immer ich sei extrovertiert. Ein Test ergab, ich bin beides gleichzeitig! Übrigens zeichnet sich eine gute Kommunikation dadurch aus, dass man auch zuhören kann. Auch sich selbst im tiefen Inneren.

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    1. Ah interessant ;)
      Ja das Spektrum von Intro zu Extro ist ja breit, die wenigsten sind eines von beiden extrem.
      Die Tage werd ich auch wieder mehr in mich lauschen ;)
      LG!

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