Montag, 31. März 2014

Spaziergang über den Friedhof

Nach tagelangem Homesitting, dank der fetten Erkältung, heute die ersten zittrigen Schritte hinaus. Rüber auf den Friedhof, da stehn alle paar Meter Bänke, die ich reichlich nutze. Gut, dass ich schon Rentnerin bin, spätestens jetzt komm ich mir wie ne Oma vor.

Mit welch immensen Schuldgefühlen ich mich herum plage, wird mir gerade sehr deutlich. Sie drücken mich (und wahrscheinlich meinen Blutdruck!) hinunter. Sie behindern mich, das zu leben, was ich leben will.
Ich weiß nicht was ich mit denen machen soll.
Ich weiß, mit Gefühlen muss man gar nix machen, nur wahrnehmen. Bewußt wahrnehmen. Das funktioniert aber grad nicht. Ich will die einfach weg haben. Verdammter Mist.
Unnütze, unberechtigte, unsinnige Gefühle sind das! Lamentiere ich innerlich. Quatsch Gefühle haben immer einen Sinn. Ja doch...

Am Anfang war mein Vater. Bei dem hatte und habe ich die meisten Schuldgefühle. Bei allen anderen Männern (bei Frauen habe ich die so gut wie nie) brauchts dann nur ein Pünktchen an "ich spüre da eine Erwartung von ihm, die ich nicht erfüllen kann/mag" und schon is Sense im Gebirge, ich könnt eingehen vor Schuldgefühlen.

Kurz nach der Scheidung meiner Eltern (ich war 12) fing es an. Mein armer armer Vater, er tat mir soooo leid. Schrecklich. So allein und voller Ängste war er kaum in der Lage seinen Alltag zu bewältigen. Das tat ja immer seine Frau. Meine Mutter.
Die Rollen drehten sich. Ich sorgte emotional für meinen Vater. Was ich in der Zeit wollte oder gebraucht hätte spürte ich nur kurz, dann starb es ab und fortan verbrachte ich jede freie Minute bei meinem Vater. Ich wär ja so gern ganz bei ihm geblieben, doch Muttern wollte das nicht.
HEUTE bin ich ihr das erste Mal dafür dankbar (früher war ich immer stocksauer auf sie, dass sie mich aus der *heilen Welt* riß, zumindest aus meinem engen Umfeld).
Ich glaube ich würde immer noch bei ihm wohnen und ihn versorgen.
Ehrlich.

Schuldgefühle hat man, wenn man Schuld auf sich geladen hat.
Habe ich meinem Vater böses getan, dass diese Gefühle verursachen könnte?
Nein! Nix! Ich war ja ein Kind, ich hab ihm sein Leben nicht versaut. Wenn man überhaupt davon reden kann.
Vielleicht hatte meine Mutter verdrängte Schuldgefühle, weil sie ihn "sitzen ließ" und ich nahm sie auf. Das tat/tue ich gern: ich hab ihr mal gesagt, dass ich mich schlecht (im Sinne von schuldig) fühle, weil sie jeden Abend weg fährt (zum neuen Typ).

Irgendwann fanden wir beide den Absprung, ich interessierte mich für Jungs, ging nach München, fing eine Ausbildung an...
er fand Arbeit und konnte sein Leben wieder selber bewerkstelligen.

Jetzt hat er keine Arbeit mehr. Er ist in Rente. Seit wenigen Monaten.
Schon lange grauste mir davor.
Selbe Situation wieder.
Wie damals.
Eigentlich haben wir ja seit 2 Jahren keinen Kontakt mehr, was mir sehr gut tut. Ich konnte erst mal diese innerliche Verstrickung nicht anders lösen.

Hin und wieder schreib ich ihm, ob einfach so oder an Weihnachten mache ich je nach Befindlichkeit.
Vor kurzer Zeit schrieb ich ihm also wieder (mein liebes unbewußtes Schuldgefühl war da wohl am Werke)...er schrieb zurück.
Eben das was ich vermutet hatte: fühlt sich allein, aufm Abstellgleis, unnütz, redet oft tagelang mit keinem...usw.
ICH hätte ja sofort ein paar Ideen...unter anderem diese, ihn mal wieder zu treffen (argh ganz schlecht!)...ich lasse ein paar Tage vergehn, wie immer bei meiner Familie bevor ich was mache...
So streife ich über den Friedhof, denke nach und dann fällts mir ein:

"VERDAMMTE AXT, DU WOHNST SEIT ÜBER 60 JAHREN IN DIESEM DORF UND HAST ES NICHT GESCHAFFT, DIR IRGENDWELCHE BEZIEHUNGEN AUFZUBAUEN!!!!???"

Nein, mein Vater will seinen Arsch nicht hoch kriegen und irgendwas anfangen, er will bespaßt werden. Von außen. Von mir.
Aber da hat er sich geschnitten.
Ich zieh mir den Schuh nicht mehr an.
Das ist seiner und den kann er platt hocken bis zum Sankt Nimmerleinstag.
Als mir das klar wird, verziehn sich auch all die anderen Schuldgefühle die ich derzeit gegenüber dem ein oder anderen Mann habe.
Interessant!

Blöderweise hatte er mir ein Foto geschickt.
Er zusammen mit meinem Neffen. Ich seh eindeutig, dass er (Neffe) sich ganz und gar nicht wohl fühlt.
Vermutlich nahm er meine Rolle ein.
Spürt Opas Einsamkeit und Unsicherheit und will ihm helfen.
So wie ich damals.
Und verbringt deswegen immer wieder lange Wochenenden bei ihm (wie ich las).
Da wird mir übel.

Ich kann auch ihn nicht retten.
So leid es mir tut.

Kommentare:

  1. Eure Kinder nicht EURE Kinder. Es sind die Söhne und Töchter von des Lebens Verlangen nach sich selber. Sie kommen durch euch, doch nicht von euch; und sind sie auch bei euch, so gehören sie euch doch nicht.
    ein Zitat von dem Philosophen Khalil_Gibran.
    Ich finde, da sollte dein Vater mal darüber nachdenken und dir sei es zum Troste.
    Ich habe darüber eine kleine Ausführung geschrieben, wenn du magst kannst du hier mal gucken:

    http://tag-nacht-gedanken.blogspot.de/2014/03/das-sonntags-zitat-7.html

    Einen lieben Gruß
    Jutta

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  2. Danke Jutta fürs erinnern, ja schöner Text :-)
    Nur mein Vater versteht sowas nicht, der braucht das glasklar. Und selbst da herrscht gerne pure Verdrängung.
    Nunja, ihn kann ich nicht ändern, aber mir helfen kann ich...einatmen-ausatmen-loslassen :)

    Liebe Grüße

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