Mittwoch, 12. Februar 2014

Liebe Lunge

Liebe Lunge,

seit über 33 Jahren machst du zuverlässig deinen Dienst.
Tag und Nacht.
Dein Urlaub dauert nie länger als wenige Sekunden.
Sonst würde ich sterben.
Du funktionierst einfach ohne mein Zutun.
Die ersten 10 Jahre hattest Du viel frische, reine Luft.
Dann zogen wir in einen starken Raucherhaushalt um und wenige Jahre drauf rauchte ich selber.
17 Jahre lang. Viel zu lange. Es tut mir leid.
Sehr.
Wirklich.
Nun bist Du wahrscheinlich krank.
Nicht sehr schlimm, aber doch so, dass ich es merke.
Ich werde mein bestes geben, dir zu helfen, damit dir deine Arbeit wieder locker von der Hand geht.

***
Das mag jetzt ein wenig theatralisch klingen, aber mir war grad danach es SO zu schreiben.
Außerdem hoffe ich einfach, dass die Behandlung so anschlägt, dass ich nicht gar so erschöpft bin und ich wieder ein Stück mehr normales Leben leben kann.

Es kam so, dass ich heute beim Lungendoc war.
Ich bekomm immer schlechter Luft, die Atemnot peinigt mich schon nach wenigen Treppenstufen, der Puls rast und mir wird schwindelig.
Seit wann? fragt der Arzt...ich kann ihm schlecht sagen: 
Schon sehr lange, aber mir wurde es erst vor ca. 4 Wochen so richtig bewußt. Ich müsste ihm ein Referat halten, dass mich all die Traumatisierungen (auch durch Ärzte!) dazu veranlasst haben, dass ich weitgehendst meine Körperempfindungen abschalte.

Aber bevor ich zum Arzt kam und bevor ich so richtig überhaupt in der Praxis richtig ankam, saß ich schon beim Lungenfunktionstest.
Die Arzthelferin trieb mich an, wie ne Trainerin ihren Schützling kurz vor der Olympiade: Ein! Ein! Ein! und dann mit kräftig wedelnden Armen AUS! AUS! AUS!
Mir geht das alles viel zu schnell, ich hätte erstmal im Raum ankommen müssen.
Aber sag das mal den "Durchschleusern".
Gleich gehts rüber zur nächsten Untersuchung. Die mach ich falsch, zu lasch und dann hyperventiliere ich.
Eigentlich bräuchte ich nun 5 Minuten um alles in Ruhe zu verdauen und DANN erst den 2.Versuch starten...
Aber sag das mal....

Dann runter in den 1.Stock zum Röntgen anmelden,
hoch in den 2. Stock zum Röntgen. 
Da schaff ich es endlich mal aufs WC. Durchatmen. Alleine sein. Kaum sitze ich im Wartezimmer werd ich wieder aufgerufen. Meine Lunge wird geröngt.
Wieder hoch in den 3. Stock zum Lungendoc, alles besprechen.
Immerhin taten die Untersuchungen nicht weh. Ist ja auch schon mal was....

Wer chronisch krank ist und dem man seine Krankheit nicht ansieht, kennt die dämlichen Sprüche seiner Umgebung.
Von: man sei ja nur faul, bis: ach kenn ich auch/hatte ich auch mal (der Ton klingt stark nach: nicht so schlimm!!!) mach mal Yoga, Pause oder einen Selbstverteidigungskurs hin zu: lies mal das Buch, iss kein Fleisch mehr ect..pp...
Als ob 
man das alles
 nicht schon selbst
 ausprobiert hätte.

Der Lungendoc hatte nen neuen Spruch auf Lager:

"Wenn ich Sie gesund mache, bekommen Sie auch keine Rente mehr!"

Hammer, oder?
Ich nehm es nicht persönlich(also nur ein klitzeklein wenig), sondern hau ihm innerlich, also vodoomäßig mal kräftig gegen's Schienbein und ein paar auf's Maul.

Seinen Job scheint er sonst gut zu machen.
Er erklärt mir:
Die Lungenfunktion ist nicht ganz so wie sie sein sollte. 
Wahrscheinlich ein verstecktes/beginnendes Asthma.
Dafür bekomme ich ein Spray, soll schauen, ob es damit besser wird.
Außerdem soll ich einen Allergietest und einen Provokationstest machen lassen (in seiner Praxis) und dann:
"Schlafen Sie allein? Hat da jemand mal was beobachtet?"
Ich  sage, dass ich seit Jahren allein schlafen MUSS, weil das gar nicht anders geht.
Hier wäre das 2.Referat an der Reihe, über Traumafolgestörungen, aber die Durchschleuser müssen eben noch andere als mich durchschleusen.
Er guckt mich an mit einem SEHR mitleidigen Blick und ich seh die Denkblase über seiner Halbglatze: 
"Mädl..vielleicht ist DAS das Problem?!?!?!!"
Ich hätt fast geantwortet: "Keine Sorge, untervögelt bin ich nicht!"
Also bekomm ich auch noch einen Termin für einen Schlafapnoe-Test (Atemaussetzer im Schlaf).

Und dann sehn wir mal weiter...

Ich bin so froh, dass ich seit 2 Jahren nicht mehr rauche.
Würde ich es jetzt noch, bekäme ich so einen Druck, dass ich doch jetzt aufhören muss, dass ich mir vor lauter Streß gleich noch eine anzünden würde.
Weil eben Druck gern Gegendruck erzeugt.

In diesem Sinne:
Gut Luft und frohes schnarchen!

Kommentare:

  1. Liebe Regenfrau, sende dir gute Genesungswünsche für deine Lunge :)

    Ich finds gut hast du deine Symptome ernst genommen und es hat sich ja auch bestätigt dass da "was" ist.

    Das mit der Angst vor erneuter Traumatisierung durch Ärzte kommt mir seht bekannt vor. Ich glaub man braucht da einerseits Mut, den Mund aufzumachen, wenns Not tut und sich zu wehren... und man braucht den Mut es ansonsten möglichst gelassen zu überstehen ohne die Durchschleuserei und manche verbale Unsensibilität als persönlichen Affront zu nehmen.

    Bin immer froh wenn ich auf (wenigstens teilweises) Verständnis stosse. Der absolute Killer ist, wenn ich erwähne, dass ich Depressionen hatte, ab da wird vieles nur durch die psychosomatische Lupe angeschaut.. ;)

    LG Anne

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  2. Danke liebe Anne, ich richt es ihr aus :-)

    Ich habe mich genau für diesen Doc entschieden, weil er schonmal aussieht wie eine Mischung von explodiertem Einstein und Peter Lustig von *Löwenzahn*, seine Kommentare an die Arzthelferinnen waren jetzt auch nicht besonders liebevoll/nett/ect...

    Ja das psychische hab ich erst gar nicht angesprochen, aus denselben Erfahrungen wie Du sie gemacht hast. Hab einfach chronische Erschöpfung und das ich grad versuch heraus zu finden woher das kommt. Is ja nicht mal gelogen ;)
    Ich bin froh, dass er die weiteren Untersuchungen angesetzt hat, leider halt erst in 2 Monaten. Nunja.

    Machs gut!

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  3. Liebe Regenfrau, war ein bisschen erschrocken, als ich das gelesen hatte und will Dir (und Deiner Lunge) unbedingt alles Gute sagen! Was mir spontan noch dazu einfällt: Manchmal muss man sich so gut wie möglich selbst beschützen, indem man nicht so viel von sich preisgibt - besonders unsensiblen Menschen im Gesundheitswesen.Da kann ich ein Liedchen von singen, und viele andere Leute bestimmt auch. Paradox ist es schon, denn in solchen Lagen wünscht man sich Einfühlsamkeit und Fürsorge und landet damit manchmal bei Menschen, die sich mit Kälte und Zynismus vor genau diesen Anforderungen schützen. Die waren vielleicht auch mal anders unterwegs....trotzdem will ich mir meine Sensibilität nicht abtrainieren. Man muss vielleicht besser aufpassen, wen man in sein Herz schauen lässt. In diesem Sinne - herzliche Grüße!

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  4. Hallo Karin, danke auch Dir! Die Krankheiten die in betracht kommen (weitere Untersuchung Mitte März) sind blöd, aber gut behandelbar. Von daher bin ich da grad gelassen :-)
    Ich hab ja gar nicht viel gesagt diesbezüglich und das mit der Rente musste ich ihm sagen weil *immer müde* gern als recht harmlos/unbedeutend abgetan wird. Wenn ich sage: so müde, dass ich arbeitsunfähig bin, ist das was anderes.
    Aber ja, auch ich hab gelernt, bei manchen menschen lieber meinen Mund zu halten.
    Ich glaub man kann diese Sensibilität auch gar nicht abtrainieren, nur verleugnen und dann wird man wieder krank und landet bei schroffen ärzten...also auch doof :)
    Bleib so :-)
    Herzliche Grüße back!

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