Mittwoch, 30. Oktober 2013

warm - kalt

Realität:
Ich sitze in der Bahn. Neben mir telefoniert eine Frau Mitte 40
ganz aufgeregt:" Und? Und? Ja? Echt? Oh woooow, das ist ja SUPER! Herzlichen Glückwunsch!"
Aha, denk ich mir so, eine Prüfung bestanden.
Nur welche. Für Schule/Ausbildung ist es die falsche Zeit. Aber vielleicht ein Fernstudium oder ein Seminar.
Sie fragt weiter:" Und? Wie war es? Wo musstest du fahren?"
Aha, denk ich mir wieder, der Führerschein und sofort schießen mir Erinnerungen von meinen Fahrstunden und der Prüfung durchs Hirn.
"Oh!" meint die telefonierende Frau wieder "ich bin so stolz auf dich!!"
Hmmm, denk ich weiter, das hat zu mir noch nie jemand gesagt. Stelle ich recht sachlich/nüchtern/trocken fest.
Einige Beispiele der Reaktionen meiner Familie:
Vater freute sich schon auch so halb mit über meinen Führerschein, aber nie erreichte mich so eine Wärme, die ich bei der telefonierenden, fremden Frau spürte. Außerdem traut er sich nur im Radius von 20km um sein Haus zu fahren.
Mutter: Kein Kommentar, hat aus Ängstlichkeit nie einen Schein gemacht.

Goldmedaille im schwimmen:
Vater: kein Kommentar
Bei Muttern war das irgendwie selbstverständlich, immerhin ist ihr Vater Bademeister, das Schwimmgen liegt also in der Familie. Außerdem erinnerte sie sich schmerzhaft an ihre abgebrochene Sportkarriere, dank einer ungeplanten Schwangerschaft (meine Schwester). Sie erfreute sich einfach an dem Siegerfest, da gabs ja was zu saufen.

Mittlere Reife (später nachgeholte).
Ich durfte nämlich nicht auf die Realschule. Da war noch keiner aus der Familie, da solle ich mal nicht in Höhenflüge abschweifen. Lieber ein guter Hauptschulabschluß, als ein schlechter Realschulabschluß. So dachte, freut sich vielleicht wenigstens meine Schwester mit, doch die meinte nur sarkastisch: "Ja bist ja a ganz a gscheide."

Zusage für die Traumwohnung:
Mutter köpft die Sektflasche, füllt zwei Gläser und entschwindet mit ihrem hinauf zu den Nachbarn um DORT zu feiern. Völlig perplex und den Schmerz/Unglauben heftigst verdrängend, leerte ich die Flasche allein und beschloß, dass ab jetzt meine Mutter keine Bedeutung mehr in meinem Leben haben wird. (Seit dem sah ich sie auch nur noch 1x bei einer Feier).
Vatern täschelt meine Mutter (seit 16 Jahren geschieden) und meint: "war ja jetzt auch nicht alles leicht für dich!". Ich werde komplett übersehen.

(Das waren noch die leichteren Fälle, die anderen will ich gar nicht mehr herauf holen)

Gestern dann geträumt:
Ich bespreche mit bestfriend sein Geburtstagsessen (was real ja noch bevor steht) ich erzähle ihm von meinen Schwierigkeiten, da meint er ganz lapidar: "Naja so langsam könne ich ihm da aber schon vertrauen." Früher hätte ich alle Beschwichtigungsgesten (Kopf schief legen, lächeln, nicken und "Ja, klar!" gerufen und alles getan, was er wollte. Weil meine Gefühle, Grenzen, Bedürfnisse ja noch nie was wert waren.
Dieses Mal aber, bleibe ich bei mir und meinen Gefühlen und sage ihm ganz ruhig: "Weißt Du, ich hab übelstes Mobbing in der Familie erlebt. So schnell* trau ich keinem mehr!"

so schnell = ich kenn bestfriend nun etwas über 7 Jahre.

Kommentare:

  1. Übel :O Kannst du dich selbst etwas über deine Erfolge freuen, dich loben und das Defizit aus deiner Familiengeschichte etwas aufholen? Ich glaube, das wäre sehr wichtig, dich selbst nicht genauso zu behandeln. LG!

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    1. Ich arbeite dran, mich selber anders zu behandeln...und so manche Erfolge konnte sie mir einfach nicht mies machen...alles haben sie nicht zerstört...zum Glück ;)

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  2. Ja. Es braucht viel Zeit....

    Und doch... es ist ein Art des Vertrauens es so zu sagen und nicht die Beschwichtigungsgesten zu machen.

    Wir senden dir einen lieben sternengruß mit extraglitzerfunkeln

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  3. Das mit der "ganz gescheiten" kommt mir sehr bekannt vor...und es kam aus DEINEM Mund. Vielleicht auch mal überdenken, die Ähnlichkeit, hmmm?

    ;)

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    1. war doch in einem ganz anderen Zusammenhang.
      und: denk an die Zeit/Wortverschwendung :-)

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  4. ...kritische Selbstreflexion gehört auch nicht zu den Stärken Deiner Familie, kann das sein?

    Und keine Sorge: Ich bin bei vollem Bewusstsein, was die Zeit/Wortverschwendung angeht...gerade hab ich von beidem etwas über, da kann frau schon mal ein bisschen großzügig/verschwenderisch sein damit.

    ;)

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