Samstag, 8. Juni 2013

Psssst! Schweig!

Das man in dysfunktionalen Familien nicht offen sagen darf, was da abgeht, ist ja bekannt.
(Wie solch Kommunikation oder eher Gehirnwäsche funktioniert,  kann man gut in "Die Masken der Niedertracht" nachlesen).
Mir zumindest wurde immer wieder eingetrichtert, dass es ja nicht so schlimm sei, es schon wieder heilt - noch bevor ich heirate, es nicht so gemeint war, das doch gar nicht so sei usw...
Nie gab es eine Bestätigung meiner Gefühle, vor allem nicht wenn es um Trauer, Schmerz und Angst ging. Oder um Empörung ob der Manipulationsspielchen!

Dieses Verbot schleppt man also ständig mit sich herum und findet "passenderweise" wieder Menschen, die das weiter führen, dass man bloß nix sagt oder tut.

Bei mir waren das recht schnell neben der Familie auch Mitschüler. Ein älterer Kerl (tja 3x sitzen geblieben) griff mich in den Pausen immer körperlich an. Nicht zu knapp.
Sagte ich was? Nein.
Holte ich mir Hilfe? Nein.
Ich ertrug es Tag für Tag, Woche um Woche (mind. 1 Jahr, ob länger weiß ich gar nicht mehr...)
Bis der Arsch endlich die Schule verließ.
(später fing er als Hilfskraft in der selben Firma wie meine Mutter an und diese war ganz angetan von dem netten und arbeitsamen Kerl! Ich weiß nicht, ob sie seine Vorgeschichte kennt, ich vermute ja. So sadistisch schätze ich meine Mutter schon ein).

Weiter ging es mit M. bei dem ich wohnte und ich schnell merkte, dass ich mich unwohl fühlte. Ich überging ständig meine Gefühle, nur damit er nicht sauer, enttäuscht oder wütend wurde. Das ist so ekelhaft. (Ich tu mich heute extrem schwer, Dinge zu tun, die ich absolut nicht will. Da hilft auch kein: das muss jetzt sein, das dauert nur kurz ect. ich hab zu oft Dinge getan, die ich nicht wollte. Zuviel Zwang von außen.)
So tun, als ob man ihn gern küssen, anfassen, mit ihm zusammen sein will, ja Schatz ich freu mich auch auf unseren Urlaub, nein Schatz es ist nix, ja wir können gern zusammen baden... obwohl alles in einem schreit: Iiigiitttt, weg von hiiiieer!!!

Aber das war das Dilemma: Ich wußte nicht wohin! Ich war noch minderjährig und nach Hause wollte ich nicht mehr.
Ihn verlassen? Na, da konnte ich mich aber auf was gefasst machen.
Wie er da reagierte, erfuhr ich erst später: Eine Frau wollte ihn mal verlassen, sprach das an...und er? Drehte durch, prügelte sie halb tot.
Ich spürte das, bevor ich dies wusste. Also plante ich meine Flucht. Nix zeigen, nix riskieren, lieb lächeln, alles heimlich...noch 2 Wochen...die längsten meines Lebens. Und dann endlich: WEG! Er drehte wieder durch, aber ich war in Sicherheit.
Mit monatelangem Personenschutz. Kein Schritt allein!

Nie wieder möchte ich von einem Mann oder sonst wem so existenziell abhängig sein!
Nie wieder möchte ich mich so verkaufen und verbiegen müssen, damit ich nicht z.B. auf der Straße steh.
Aber heute weiß ich auch: es gibt immer eine Lösung, um aus solchen Abhängigkeitsverhältnissen raus zu kommen!

Jetzt ist es so, dass wenn einmal ein Verhalten sinnvoll oder nützlich war, wird das meist in ähnlichen Situationen wieder hervor gekramt.
Ich kann bis heute schwer meine Grenzen aufzeigen. Aus purer Angst. Denn nun weiß der andere ja, was ich nicht will, was mich verletzt oder einfach anwidert. Da macht der das doch dann erst recht! Aus reiner sadistischen Freude! Was? Man soll doch auch das Gute im Menschen sehn? Sorry Märchenstunde ist seit mindestens 2 Jahrzenten bei mir vorbei!

Nein, bis heute mache ich nur aus der Ferne-in Sicherheit "Schluß".
Oder spreche da Dinge an, die angesprochen werden müssen.

Ich fragte mich außerdem (ja genau heute Nacht, weil der Schlaf mal wieder Urlaub macht, die Sau..) ob bei Gewaltopfern, die sich zumindest zu wehren versuchten, die ihre Trauer, ihren Schmerz in Worten, Lauten oder Handlungen ausdrückten, andere Folgen haben,
als solche die in Erstarrung fallen und nix tun, aus lauter Todesangst?!?
Nochmal kurzer Umweg: Nun verstehe ich auch, warum Vergewaltigungsopfer oft still halten: Aus Angst, dass dann der Täter so richtig sauer wird und einen schlicht und ergreifend umbringt. Da wägt man sehr schnell ab, was das kleinere Übel ist.
Richtig fies und blöd und absolut bescheuert ist es, weil den Opfern genau das Verhalten zum Strick wird: "Warum haben Sie sich nicht gewehrt?"
Das Muster der Erstarrung ist immer noch nicht in den Köpfen der Staatsanwälte und noch nicht mal bei einigen Ärzten und andere "Mitspielern" angekommen.

Letztens habe ich mich gewehrt.
Ein Typ meinte, mich äußerst dämlich verbal anmachen zu müssen, natürlich inkl. begrabschen.
Ich war eh schon auf 180 an diesem Tag und somit raste meine Wut nicht erst durch das gut konditionierte Raster "da war doch nix, der meint das einfach lieb und ist ein wenig tollpatschig" sondern direkt auf den Depp zu und sagte laut und deutlich und mit richtig Wumm dahinter, dass ich das nicht will!
Ich sprach mit 3 Leuten darüber (auch das: früher unmöglich, weil Schweigegebot) UND hab mir klar gemacht, wenn der noch einmal blöd kommt, hol ich mir Hilfe.
Denn ich seh den Typ. Jede Woche. Bei der Tafel.
Und heute, heute hätt ich keine Skrupel mehr zu der Leitung oder zu anderen Obrigkeiten zu gehen.

Ich merke den Unterschied, wie es sich anfühlt, wenn man still duldet und mitmacht,
oder sich wehrt.
Ich fühle mich stärker, weniger hilflos,
ich fühle mich mächtiger und weniger ohnmächtiger,
ich spüre eine Selbstbehauptung und keine Angst.
Ich gehe aufrecht dort hin,
denn schon viele Leute haben versucht mich klein zu machen und zu halten, sie haben es nicht (dauerhaft) geschafft,
das wird der Typ auch nicht schaffen.

In diesem Sinne ein mutiges: Tschakka! Wehret den Anfängen!



Kommentare:

  1. liebe regenfrau

    das mit den schweigegeboten ist mir erst mit der zeit aufgefallen. manches heisse thema anzusprechen, löste in meiner familie stress aus, deshalb liess ich es, um nicht selber stress zu bekommen. inzwischen setze ich mich über dieses gebot hinweg. es war anfangs wie sterben, ich schwitzte blut und wasser, klappte fastzusammen. daher kann ich das sehr gut nachvollziehen.

    lg anne

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  2. PS und gleich wieder diese innere, beschwichtigende, süssliche stimme, die meint, dass sei doch alles gar nicht so wild und schon ok gewesen. ?! diese meinung höre ich in meinem inneren die letzten tage immer wieder, scheinbar pickle ich an gerade doch noch an ein paar weiteren tabus in meiner psyche …

    stark bleiben!

    das wünsche ich auch dir!

    lg anne

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    1. Hallo anne,
      ich hab das eine Zeit liebend gern provoziert, mal so richtig schön den Finger in Wunden zu legen und dann auflaufen lassen. Aber ich hatte daran keinen Spaß (zum Glück).
      Jetzt lass ich es eh, weil eben gar kein Kontakt mehr.
      Ja süßlich genau *schüttel*
      Gutes weitergehen,
      herzlichst,
      Regenfrau

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  3. Ja, das kann auch ich sooo gut nachfühlen...bei mir lösen solche Situationen leider bis heute erst mal das Gefühl aus, ich sei wahnsinnig und verrückt, weil das, was ich spüre, nicht mit dem übereinstimmt, was man mir zu verstehen gibt...
    Ich wünsch' Dir, dass Du so bald wie möglich, sowie gestärkt, aus dieser schwierigen Periode rauskommst...
    Liebe Grüsse,
    Jan

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    1. Das ist leider auch der Sinn des ganzen: den anderen verrückt machen, dann kann man ihn besser händeln.
      Auf Worte geb ich inzwischen nicht mehr so viel. Eher auf Taten.
      Und gerade bei Doppeldeutigkeiten paß ich ganz extrem auf und lausche, meist nach innen. Weil ich inzwischen meiner Wahrnehmung immer mehr traue.
      Danke ja, heute gings ganz gut, aber es würfelt mich schon noch.
      Liebe Grüße

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  4. same here.

    family: sobald ich sagte, was ist - feindseliges keifen und fauchen. 'liebes'-entzug. sobald ich sagte, dass es mir nicht gut geht - themenwechsel. oder, ganz perfide: "warum sollte es dir besser gehen als uns?!"

    eine freundin erzählte mir mal von ihrer verwandtschaft. da hing auf dem WC ein schild "lerne schweigen, ohne zu platzen". das war ganz ernst gemeint.

    gutes durch- und aufatmen wünsche ich dir heute!

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    1. Ahja Themenwechsel, leider auch sehr beliebt, da ist *auf einmal* das Nudelwasser fertig, die Katze macht Blödsinn oder es muss mitgeteilt werden, dass der Nachbar grad übern Hof gefahren ist...
      Der Spruch ist Hammer, gut dass er schon am Klo hängt, zum ko****
      Gute Zeit Dir!

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  5. Ich kenne das Buch auch. Super Inhalt, stimmt eins zu eins.
    Kannst stolz auf dich sein.

    Liebe Grüße
    ganga

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    1. Danke, immer wieder ein harter Weg, aber die sonnigen Abschnitte werden länger.
      ciaooo

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