Montag, 3. Juni 2013

Ganz schön komplex

 Zu Mono-und Mehrfachtrauma hab ich schon mal was dazu geschrieben: 

Heute Nacht dies gefunden:
"Im Gegensatz zu einem Monotrauma durch eine Vergewaltigung als einmaliges Ereignis seien jahrelanger Missbrauch oder Misshandlung schwerer zu überwinden, erklärt Traumaexperte Dr. Georg Pieper. Das seien Komplextrauma und tiefer gehende Störungen. Er sagt: „Die gesunden Grundlagen von Selbstwert und Sicherheit sind nicht nur erschüttert, sie fehlen oft vollkommen“. Der nachträgliche Aufbau einer gesunden, emotionalen Belastbarkeit bedeute jahrelange harte Arbeit.“
Hier gefunden:
Ich glaube, dass die Forschung und vor allem die Therapien noch nicht so sehr diesbezüglich ausgereift sind. Meine Therapeutin, die sich auf komplexe PTBS spezialisiert hat und sich ständig weiterbildet, verfällt manchmal in theoretische „Machbarkeit“, da kommt sie mir mit kognitiven, logischen Gründen und...und das ich dies und jenes ja auch schon geschafft hätte.

Ja aber...
und ringe dann die Hände, wie sooft. Wenn mich Hilflosigkeit übermannt, wenn ich mein Leiden und meinen Schrecken nicht begreiflich machen kann, ihn selber kaum in Worte fassen kann, was in mir los ist, warum genau dies und jenes jetzt nicht geht...wie man sich fühlt nach jahrelanger, familiärer, psychischer Gewalt.

Die letzten 4 Jahre ertrug ich fast keine körperliche Nähe. Selbst die eine Minute beim Blut abnehmen war eine Katastrophe und bescherte mir davor eine unruhige Nacht.
Jetzt ging Sex mit einem fremden Mann. Aber eben nur, weil er fremd war.
Emotionale Nähe ist auch schwierig, weil ich auf beiden Ebenen Gewalt erfuhr. Wenn ich mich also mit einem Mann emotional einlasse, mich ein Stück weit innerlich zeige, ist keine Körperlichkeit mehr möglich. Ist ja sozusagen doppelte Nähe, emotional und körperlich. Too much!

Auch dass bei frühen jahrelangen Traumatisierungen das Selbstbild fehlt, las ich in dem Trauma-Report. Das drückt endlich dieses Gefühl aus, das mich immer begleitet, dieses: wer bin ich? Oft habe ich Klassenkameraden bestaunt, weil die so selbstverständlich mit sich umgingen, wußten was sie wollten und eine Integrität ausstrahlten, von der ich nur zu träumen wagte. Vor allem im Landschulheim wurde mir das deutlich, ich fühlte mich immer ein wenig hilflos, was ich tun sollte und tat das was alle machten, ohne aber ein stimmiges Gefühl dazu zu haben. Ich hatte kein Gefühl für mich.

Noch heute sehe ich z.B. Frauen die sich so selbsverständlich die Haare machen (ich kann das anders nicht ausdrücken), ich gehe manchmal mit meinem Haaren um, als wären sie mir über Nacht gewachsen und ich wüßte noch nicht so recht wie ich sie am besten anfasse. Sich selbst fremd sein.

Aber langsam ergibt sich ein Bild von mir selbst. Stück für Stück. Ich finde heraus, was mich ausmacht, was ich brauche und gern mache. Es fühlt sich nach einem ganzen Leben an. Nach meinem ureigenen, selbst gewählten Weg. Und der ist gar nicht so spektakulär, wie ich ihn immer haben wollte :-)
Egal, darum geht es nicht. Sondern darum, dass ich mich mit mir selber wohlfühle!

Als ich heute Nacht so dalag und ein wenig nachdachte, wieder aufstand, was aß, wieder versuchte zu schlafen und das immer wieder, kam so eine Wärme in mir auf...ein Mitgefühl für mich selber (kein Selbstmitleid) ein Verständnis warum ich so bin, warum ich so Probleme habe, warum einiges (noch nicht oder nie) geht.
Von keinem anderen, der meine Geschichte gehabt hätte, hätte ich das verlangt und gefordert, was ich jahrelang von mir knallhart und ohne Rücksicht von mir verlangt und gefordert habe.

Es wird Zeit liebevoller und nachsichtiger mit mir umzugehen :-)

Kommentare:

  1. Antworten
    1. Danke :-)
      Ich bin da auch recht zuversichtlich...

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  2. Tolle Erkenntnis, liebe Regenfrau :)

    Das Problem besteht ja darin, dass man bei dem, was wir erlebt haben, nicht einfach über das kognitive gehen kann - da ist viel mehr nötig und deshalb kann Deine Thera dann auch nichts erreichen, weil man sich nämlich nicht einfach mit Vernunft all die Hürden und inneren Barrikaden wegdenken kann, die sich da immer mal wieder automatisch aufstellen.

    Du bist auf einem sehr guten Weg, es dauert eben seine Zeit aber mit viel Liebe und Akzeptanz wird es sich so richten, wie es für Dich stimmig und gut ist.

    Liebe Grüsse
    Maja

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    1. Die Thera macht das zum Glück nicht immer, aber manchmal da verfällt sie eben in eine logische Theorie. Doch sie erreicht sogar was damit, nämlich dass ich da noch mehr auf mich höre und nicht auf sie indem ich mich dann selber wieder pushe und mich mit der "Logik" und "eigentlich müsste/sollte/kann ich...." nieder und klein mache.
      So stärkt es mich sogar....

      Ja Zeit braucht es und Geduld war schon ausverkauft :-)

      Schönen Tag!

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  3. Wie so oft beschreibst Du das alles auf ganz eigene Art, und ja, unbedingt: Liebevoll und nachsichtig. (Man sagt, sich selbst die Mutter sein, die man nicht hatte, oder so ähnlich.)
    Liebe Grüsse,
    Jan

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    1. Danke, ohja mütterlich mit sich selbst umgehen...aucb ein schönes Bild.
      LG

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