Freitag, 10. Mai 2013

Kaputte Menschen

 Ich stell mir manchmal vor, wie das so wäre ein Monotrauma zu haben. 
Also ein (ein einziges!) schlimmes Erlebnis, sagen wir mal einen Verkehrsunfall durch einen herabstürzenden riesigen Ast verursacht. Gut, man würde dann vielleicht nicht mehr selbst Auto fahren, würde sich bei jedem Sturm in die Hose scheißen oder bei jedem rumliegenden Ast rumzittern.
Is blöd, aber jetzt auch nicht dramatisch.

Jetzt stellen wir uns ein Kind vor, dass schon mit 7 Monaten in die Notaufnahme kam, weil weder Mutti noch Vater adäquat auf die Bedüfnisse eines Säuglings eingehen konnten/wollten und mich so lange schreien ließen, dass dies Kind nun zwei Leistenbrüche bekam (die man sich normalerweise holt, wenn man was schweres hebt), bei der OP wird auch noch eine falsche Narkose gegeben, so dass das Kind halb verreckt und auf die Intensivstation kommt.

In den nächsten 20 Jahren hört es von den eigenen Eltern, Geschwistern und teilweise Mitschülern nur Häme, Demütigungen, Beleidigungen und Herablassungen
außerdem wird es weiter emotional total vernachlässigt, für die Bedürfnisse der anderen missbraucht, in den Taltenten und Begabungen überhaupt nicht gefördert, von weiteren Ärzten malätriert.
Auch viele kleine Stiche machen aus einer Seele Hackfleisch.

Das nennt man dann Beziehungs.bzw. Entwicklungstrauma aus dem ein völlig geschrotteter Mensch hervor kommt. Von diesem Menschen wird erwartet, dass er genauso funktioniert und rund läuft wie 80% der Menschheit. Obwohl er schon Herzrasen bekommt, wenn beim Nachbarn nur die Tür aufgeht und absolut gereizt reagiert, wenn ihn nur ein Mensch zu lange anschaut.
Arschlecken!

 
Ich habe derzeit so etwas wie Lebensqualität. 
Nicht viel, aber mehr als früher. Ich fühle mich ganz oft schon richtig gut und das allein war schon harte Arbeit, wofür ich natürlich weder Geld noch ein Zeugnis bekam und das man im Außen noch nicht mal sieht.
Aber mich macht es zufrieden, für mich ist das Gold wert. 

Weil es absolut verboten war, mich zu fühlen, dann hätt ich ja gefühlt, dass das was Mama und Papa da mit mir machen, mir nicht gefällt und dann hätte ich mich gewehrt und dann hätten Mama und Papa kein Spielzeug mehr gehabt.
Wenn man jetzt aber einen zufriedenen Menschen sieht, denkt man sich: aha und warum geht die nicht arbeiten?
Ich sags euch, weil es ein täglicher Kraftakt ist, mich innerlich nicht wieder abzuschalten und das tun was andere von mir wollen, damit es IHNEN besser geht. 
Zu schnell rutsch ich ins alte Fahrwasser.

Trotz inneren Verboten (alten Stimmen) laß ich es mir das erste Mal im Leben gut gehen. Ich mache Sport wann und wie lang ich will, koche lecker, pflege meinen Körper, gönne mir lachen und Spaß haben und Nein sagen, schlafe viel, lese Bücher die mir gut tun, übe das Nichts tun, versuche nicht noch mehr Schulden zu machen, lerne verantwortungsbewußt mit mir umzugehen...
Das was für andere selbstverständlich ist, ist es für mich (noch) nicht.
Von Außen sieht das alles so locker aus.
Wie aus dem Handgelenk geschüttelt und man könne meinen ich sei pumperlgsund und einfach nur zu faul zum Arbeiten.

Tja, wie war das: 
Bevor du über einen anderen urteilst, laufe erst in seinen Mokassins?

Kommentare:

  1. Vielleicht hab ich es nicht ganz so schwer wie Du – aber schwer genug, um zu ahnen!

    Ich kämpfe auch gerade wieder mit den Schatten der Vergangenheit. Viel Kraft für Dich und für Dein Leben wünsch ich Dir.

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    1. Hallo Emil,
      ja die Schatten der Vergangenheit, das hilft mir gerade...mir vorzustellen, dass die Bilder und Gefühle grad wieder präsenter als sonst da sind, mich in ihrem Griff haben, aber dass jetzt nicht gleich wieder alles hinüber ist und ich NIE irgendwie auf einen grünen Zweig komme usw.

      Im Jetzt bleiben und somit erstmal was ordentliches essen und dann meditativ Küche putzen.

      Ach da wünsch ich Dir auch viel Kraft und gutes Durchkommen, durch so zähe Zeiten.
      Liebe Grüße!

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  2. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  3. Gute Zusammenfassung Frau Regenfrau. Ich setz noch nach: Du konntest dich als Kind gar nicht wehren, weil klar ist, dass du "Ernährer" brauchst. Als Kind bist du wirklich ausgeliefert.

    toller letzter Absatz, kannst stolz auf dich sein.

    LG

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    1. Ja das ist meist das traumatische an solchen Sachen: das nicht auskommen können, weder Flucht noch Kampf.
      Und auch kein helfender/wissender Zeuge wie es A.Miller immer so schön beschreibt. Einfach fatal.
      Tja nu...auch kleine Brötchen schmecken lecker und machen satt.
      Die große Torte ist vielleicht im nächsten Leben dran.
      Schönes Wochenende auch Dir!

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  4. du brauchst dich doch gar nicht rechtfertigen!

    das berührt mich gerade. es schmerzt mich, diese rechtfertigung von dir zu lesen (zweitletzter abschnitt). weil ich etwas von dem schmerz herausspüre, der dahintersteckt.

    im sinne von "bevor.jemand.was.sagt.rechtfertige. ich.mich.noch.schnell.für.mein.komplettes.dasein/nichtgenügen/nichtkönnen.

    . . .

    oh wie ich es hasse … weil ich es kenne …
    das wühlt was in mir auf.

    lg anne

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  5. Hallo liebe anne,
    ich meinte damit auch nicht die Leserschaft hier,
    deswegen habe ich das "euch" auch klein geschrieben,
    ich meinte die Leute hier in meinem direkten Umfeld die eine recht gesunde (äußerlich), gepflegte, junge, hübsche Frau sehen und sofort ihre Stempel und Schubladen heraus/herauf holen.
    Das ist keine Einbildung ich hab da schon genug Situationen gehabt.

    Für mein dasein rechtfertige ich mich nicht mehr..naja weniger...
    für mein nicht können, muss ich es noch öfter, um nicht unter die Räder zu kommen.

    Ich hoffe, Deine inneren Wellen haben sich wieder beruhigt :-)
    Liebe Grüße

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