Mittwoch, 15. Mai 2013

Alte Geister

Es gibt auch gute Tage bei der Tafel,
ohne großen Lärmpegel,
ohne grapschende Männer,
mit lachen
mit entspannt "einkaufen".

Zuhause schnell alles verstaut, mittag gegessen und ab auf die Couch für meine 20 Minuten Ruhepause, bevor es zum nächsten Termin gehen sollte.
5 Minuten lag ich so und konnte auch erstaunlich gut entspannen (es ist echt eine Sache der Übung!),
da klingelte es.
Mein liebster aller Paketboten trötete in die Gegensprechanlage.
Wir strahlten uns wie immer an.
Ich war so im Entspannungsmodus, dass mir gar nicht klar wurde, dass ich gar kein Paket erwartete, ich unterschrieb einfach, nahm das Paket, verabschiedete den süßen Boten und schloß die Tür.
DANN erst sah ich den Absender.

Von meinem Vater.
Oh.
OH!

Eigentlich dürfte ich es ja erst morgen aufmachen, aber das hielt ich nicht aus.
Auf dem Wohnzimmerboden packte ich behutsam aus.
Naja nix überraschendes.
Wie immer in den letzten Jahren war im Geburtstagspakt Schoko, Tee, was fürs Radl, was zur Deko, ne Kerze, Geld und ne Karte.
Die Karte haute mich diesmal um.
Er hat sich tatsächlich die Mühe gemacht eine mit einem passenden, mehr als passenden, Spruch auszusuchen.
Heulend saß ich da.
Super.
In 10 Minuten sollte ich die Bahn nehmen,
um zu einem Probearbeitstermin zu fahren.
Ich sag ab.
NEIN! Genau das war immer der Punkt: dass ich mein Leben vernachlässigte, sobald mein Vater in der Nähe war.

Der Kontaktabbruch zu ihm, vor 1,5 Jahren, fiel mir am schwersten.
Er war nie böse, nie aggressiv, nie herablassend, sehr wenig grenzüberschreitend (und das auch erst die letzten10 Jahre).
Das Problem mit ihm ist, dass sich unsere Rollen vertauscht haben.
Ich übernahm bei der Scheidung die emotionale Verantwortung für ihn. Ich war 12 Jahre alt und er tat mir so leid. Er war so hilflos.
Er war nie wirklich der Erwachsene.
Und auch als Erwachsene war ich bis zum Kontaktabbruch die Bezugsperson Nummer 1 für ihn.
Es gab nie mehr eine Frau in seinem Leben. Freunde auch kaum.

Deswegen brauchte ich Abstand.
Brauchte?
Ich brauche den immer noch, aber vielleicht keinen so großen mehr.

Der Probetag verlief super.
Keine Panik, keine Minderwertigkeitsprobleme, sehr nette Leute.
Ob sie mich nehmen, erfahr ich die Tage. Aber es sieht gut aus.
Jetzt bin ich aber auch erledigt.

Und morgen...morgen feiere ich meinen Tag.
Mit einem Ausflug.
Ich freu mich schon sehr.
Ich feiere mich und mein Leben, dass ich so lange immer wieder wegwerfen wollte.
Ich feiere, dass ich immer noch lebe!
Ich feiere 33 Jahre 100% Regenfrau :-)

Kommentare:

  1. Erstmal herzlichen Glückwunsch zum gut überstandenen Probetag! Ich drück mal die Däumchen, dass es klappt!

    Ach Mensch, ich kann mir vorstellen, dass das nicht leicht ist mit Deinem Vater. Gerade wenn jemand einem eigentlich nix wirklich böses getan hat sondern selbst so hilflos ist und nen Halt sucht, fällt es einem besonders schwer.

    Du weisst, was Dir gut tut. Und vielleicht wärs ja mal einen Versuch wert, etwas mehr Kontakt zu haben? Muss ja nicht gleich volle Kanne sein.

    100 % Regenfrau - das gefällt mir :)

    Lg
    Maja

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    1. Ja das ist echt nicht einfach, ich glaube der wichtigste Schritt ist die Unsicherheit bei ihm zu lasen und diese nicht immer abnehmen. Wie beim Alkoholiker: Hilfe durch Nichthilfe.
      Ich werd ihm auf alle Fälle einen Brief schreiben.

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  2. Ich wünsche dir alles Gute zum geburtstag! ich hoffe, du feierst schön und dein Ausflug wird toll. Ich kann übrigens gut nachvollziehen, wie bedrückend die Situation sein kann, wenn Elternteile nur ihre Kinder als Bezugspersonen haben. meine Mutter hatte nach dem Tod meines Vaters (1988) nie mehr einen partner gehabt und anfangs auch kaum Freunde. Freundschaften hat sie erst nach ihrer Krebsdiagnose vor 4 jahren intensiviert... Liebe Grüße!

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  3. Danke liebe Phoenix :-)
    Ja alles gelungen!
    Was ich so über 100 Ecken mitbekommen habe, ist dass sich mein Vater wohl nach meinem Kontaktabbruch wohl Dingen gewidmet hat, die er seit langem anpacken wollte (Haus renovieren und so) das freute mich sehr, dass er aktiv wurde und nicht noch mehr im Rückzug versumpft ist. Ich bin mir sicher, dass das alles einen guten Grund hat/hatte...
    Auf der anderen Seite, auch schade, wenn man das erst schafft, wenn es kurz vor Knall steht wie bei Deiner Mutter..
    LG

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