Montag, 4. März 2013

Ich, Alkoholikerkind


Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit – wie erwachsene Kinder von Suchtkranken Nähe zulassen können.
Um diese Buch schlich ich mich Jahre! 
Viel zu heißes Thema. Jetzt aber wurde es Zeit. Ich kaufte, las und...heulte.
Der Untertitel ist sehr schlecht gewählt. Es ist nämlich kein Ratgeber.
Es geht rein um das Erkennen, wie die Alkoholikerkinder in Sachen Nähe/Beziehung so drauf sind und reagieren.
Es geht um die Wunde freilegen, unter all den Schichten der Abspaltung, nicht wahr haben wollen und selber süchtig agieren.
Es lässt mich verstehen, warum ich solche Beziehungsschwierigkeiten habe.

S. 10: Intim und verletzlich zu sein und Nähe zuzulassen widerspricht all den Überlebenstechniken, die Kinder von Alkoholikern sich angeeignet haben, als sie noch ganz klein waren.

Da mich schon die ersten paar Seiten heftig nach Luft schnappen ließen, musste ich erstmal das Buch und die Autorin abwerten:
„Pfff was von komplexen Thema schwafeln und dann selbst nur 120 Seiten dazu schreiben.“
Totaler Hohn: „Denken Sie beim Lesen an Ihre eigene Kindheit und ihre eigene Familie!“ Brüller oder?
Das Bild der Autorin ist auch so zum fürchten:
als ich dann las, dass sie schon tot ist, beruhigte ich mich wieder und konnte weiter lesen.

Die Macht emotionaler Verwicklungen ist größer als die Macht der Vernunft!

Ohja, könnte das mal bitte jemand dem Teil in mir klar machen, der ständig seinen Vater anrufen will?
Mir wurde nochmal klar, warum ich mich so schnell für alles und jeden verantwortlich fühle.
Wenn beide Eltern ausfallen, übernehmen die Kinder automatisch diese Verantwortung: Ich muss alles wieder in Ordnung bringen! Und wenn ich es nicht in Ordnung bringen kann, bin ich schlecht, tauge zu nix, geht alles den Bach runter, werde ich sterben...

Obwohl ich mich schon Jahre mit diesem Thema beschäftigt habe, hat es diese Auffrischung nochmal gebraucht. Zu erkennen, was in Alkoholikerfamilien abgeht. 

Das Buch half mir nochmal Klarheit zu gewinnen, über mich und meinen Umgang mit Beziehungen. 
Es werden alle Beziehungsthemen beschrieben. Von: Angst vor Selbstverlust über Grenzen bis hin zu Kontrolle.
Und ich fand mich immer wieder darin beschrieben. Was da abgeht in mir bei Nähe, bei sozialen Veranstaltungen, bei Unzuverlässigkeit, warum ich oft überreagiere...

Auch wird die Fragen aller Fragen unter die Lupe genommen:
Was ist denn überhaupt eine gesunde Beziehung? 
Ich kenne das nicht. 
Ich weiß nicht wie so etwas aussieht. 
Ich hatte keine Vorbilder dazu. 
Dieses Buch ist jetzt eine kleine  Anleitung.
Eine Gebrauchsanweisung sozusagen.
Ein Leitfaden.
Es ist auch ein Kapitel für den Partner dabei: wie sie erwachsenen Kindern von Alkoholikern ihre Liebe zeigen können.
Nunja, das war mir teils zu übertrieben. Demnach könnte ich mich wie ne Sau benehmen und dann groß gucken, mit den Schultern zucken und: "Mei, ich bin halt das Kind von Alkoholikern."

Das Thema wird mich noch lange begleiten und es kommt auch verstärkt in der Therapie zum Vorschein.
Da finde ich das Buch gut, als Hilfestellung zum durcharbeiten...

Wer noch ein wenig zu diesem Thema lesen will:
http://suite101.de/article/alkoholikerkinder---kleine-und-grosse-a132248#axzz2MUi9IuT5

http://www.beratung-caritas-ac.de/index.php?id=suchbelastung

Kommentare:

  1. Hi Regenfrau,

    mein Vater war auch Alkoholiker, bis zu meinem 4.Lebensjahr haben wir, meine Mutter und meine beiden älteren Halbgeschwister und ihc mit ihm zusammen gewohnt, nüchtern war er ein normaler Mann, nur wenn er getrunken hat, hat er herumgeschrien und meine Mutter immer wieder geschlagen, ich glaube mich daran erinnern zu können, dass sie einmal gegen einen Kasten gedonnert ist, während ich am Boden gesessen bin daneben, mich hat er nie geschlagen.

    Irgendwie glaub ich auch, davon eine Lättn zu haben, obwohl ich mich an so gut wie nichts erinnern kann, doch unterbewusst ist alles gespeichert....

    ich meine, welche Auswirkungen hat es auf ein Kind, wenn es merkt, dass es die Person, die es eigentlich beschützen sollte, eine Gefahr für Leib und Leben der eigenen Mutter (wichtigste Person überhaupt) ist??

    ES bleibt wohl immer diese Ambivalenz über, eigentlich wünscht man sich Nähe, hat aber gleichzeitig schreckliche Angst davor, was passiert, wenn man diese Nähe zulässt....

    zumindest mir geht es so...

    bis zu einem gewissen Punkt ist gut, darüber hinaus fährt mein Körper und meine Seele alle nur möglichen Abwehrmechanismen auf...brrrr

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  2. Liebe Sinisia (wie kamst Du eigentlich auf den Namen?)
    ja das sind immer sehr traurige Geschichten... und Kinder sind per se hochsensibel UND:der Körper speichert alles. Der kann sich erinnern und austicken und du hast rational null Erklärung dafür.
    Anfangs hat mich das wahnsinnig gemacht, inzwischen kenn ich die größten Auslöser.
    Es ist Horror für das Kind, wenn es sich nicht auf die Versorgung/Bezugsperson verlassen kann.
    Bei mir trinkt die Mutter und ab meinem 12.Lebensjahr kam noch ein trinkender Stiefvater dazu.

    Liebe Grüße!

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  3. Sinisia kommt von Sinisian East, das ist eine Inselgruppe auf den Philippinen, frag mich nicht, wieso dieser Name...ist mir eines Tages eingefallen, dann hab ich gegoogelt und gesehen, den Namen gibts ja wirklich...

    oje, dann hattest ja doppelt Pech, bei mir war wenigstens die Mutter toll, sie war ne Mama wie aus dem Bilderbuch, toll gekocht, immer geduldig, hat uns die schönsten SAchen gestrickt und war sehr sehr fleissig, leider nur Pech mit den Männern, ansonsten hätt ich mir keine bessere wünschen können...

    Das Problem bei ihr war nur, sie war dauernd am arbeiten Vollzeit und 3 Kinder alleinerziehend, dadurch chronisch müde, wer wäre das nicht gewesen! Die Liebe zu ihren Kindern hat sie halt immer auf Trab gehalten...

    Liebe Grüße!

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  4. Liebe Regenfrau,

    die eigenen Abwehr- Schutz- und Verteidigungsmechanismen, die man sich in solch einer Kindheit zugelegt hat, zu erkennen, ist Gold wert. Wie gut, dass Dir dieses Buch so weiterhilft. Ich erinnere mich an meine Zeit damals, als ich durch einige Bücher richtige "Aha-Effekte" hatte und aus dem Staunen gar nicht mehr raus kam. In meiner Familie war es nicht der Alkohol sondern einfach die Tatsache, dass bereits meine Eltern traumatische Erfahrungen gemacht haben und diese nie verarbeitet haben - der "Sack Flöhe" der sich daraus für uns Kinder ergeben hat, ist riesig.

    Ich kann Dir aber auch Mut machen - irgendwann wird es leichter und irgendwann kann man das Schutzschild auch stückchenweise sinken lassen.

    Liebe Grüsse!

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