Sonntag, 10. März 2013

Ich, Alkoholikerkind Teil2


Ich beschäftige mich derzeit intensiv mit meiner Coabhängigkeit, der Sucht gebraucht zu werden. Dazulese ich das Buch: Wenn Frauen zu sehr lieben.
Bei uns zuhause gab es nicht einfach so Liebe.

Liebe gab es eigentlich gar nicht, sondern nur Pseudozuwendung, nämlich dann, wenn ich meinen Eltern was geben konnte. 
Wie: ein offenes Ohr für ihre Probleme, den Rücken kraulen wenn dieser weh tat, einkaufen, Geschenke machen.
Meine Mutter war das Kind, eigentlich noch ein Baby denn sie hing auch an der Flasche.

Das Leben in so einer kranken Familie ist eine Achterbahnfahrt. Immer aufregend, man weiß nie: geht es hoch oder runter, häng ich gleich kopfüber oder in der Kurve? Immer gab es die kleinen Kicks: wenn man doch einmal gesehen, wahrgenommen wurde, wenn man selbst im Mittelpunkt stand.

Wenn man schreckliches erlebt, gibt es oft danach auch so eine Art Hochgefühl. Das Adrenalin durchflutet den ganzen Körper und man fühlt sich wichtig, alles kreist nur ums überleben, das ganze Leben wird komprimiert, man ist euphorisch, braucht nix zu essen und wenig Schlaf...alles ist in Hochspannung.
Nach diesem Kick kann man süchtig werden.

Nun ist es so: wenn man in einer alkoholkranken Familie aufwächst, steht an erster Stelle der Alkohol. Ganz klar. Dann kommen noch andere Sachen wie der Partner, Tiere, vielleicht noch der Job,  schwerkranke Verwandte und irgendwann die Kinder. 
Diese Kinder hungern emotional immer. Und nun stellen Sie sich vor, gibt es einmal alle paar Monate eine richtig große Torte (bedingungslose Liebe) was das für ein Rauschgefühl auslöst!
Man will natürlich mehr. Denn hart erkäpfte, verdiente Liebe macht umso mehr Spaß, ist gefühlt so viel mehr wert wie „einfach so geliebt“ zu werden. 

Und man kämpft hart. Unerbittlich um diese Liebe. Irgendwann muss er/sie (Mama/Papa) mich doch lieb haben! Ich will auch nur ein kleines Fitzelchen! Das kann soweit gehen, dass 60-jährige gestandene, selbstständige, verheiratete Frauen ihrer 85-jährigen Mutter immer noch in den Arsch kriechen. Für ein Krümel Liebe. Irgendwann begnügt man sich mit dem kleinsten, trockensten Stück, da redet schon gar keiner mehr von Torte!

Die meinen und hoffen und bitten und betteln wirklich, dass vielleicht JETZT endlich einmal die Mutter zeigt, wie sehr sie ihr Kind lieb hat. Aber das tut sie nicht. Das tat sie 60 Jahre nicht. Aber die Hoffnung aufzugeben, wäre wie der Tod. Und so hofft man weiter und tut alles, bis zur Selbstaufgabe um einmal noch der Mutter zu gefallen, damit diese...Sie wissen schon.


Jetzt stellen Sie sich weiter vor, wie dieser Mensch immer um Liebe, Zuneigung und Aufmerksamkeit kämpfen muss. Alles erfüllt was der andere will. Sich selbst total vergisst, nur damit es dem anderen gut geht, immer wieder um Liebe zu betteln...
Und dann kommt eines Tages ein netter, anständiger Mann daher und gibt seine Liebe, einfach so, weil er sie mag, auch einfach so. DAS finden sie dann völlig abartig. Und zum sterben langweilig. Gott, einfach so Liebe zu bekommen, wie fad ist das denn? Das Leben bietet soviel mehr!

Und weil diese erwachsenen Kinder aus suchtkranken Familien nur Action und Adrenalin in Beziehungen kennen, suchen sie sich Knastis, wieder Süchtige (nach Sex, Arbeit, Geldspiele, Alkohol..) oder ganz einfach emotional unzulängliche Partner, an denen sie sich wieder bis zur gnadenlosen Erschöpfung abarbeiten können.
Für ein Quentchen Liebe. (Die Liebe kriegen sie dann meist in Form eines Veilchens).
Die eigenen Gefühle kennen sie nicht, sie sind innerlich leer. Wissen aber ganz genau was der andere braucht und wie man ihm helfen kann.
Deswegen sind so viele Frauen mit einem Arschloch zusammen. 
Sie kennen es nicht anders.
Oder sie leben alleine und fröhnen ihrer Sucht gebraucht zu werden (um endlich etwas wert zu sein) in ihrem Beruf als Krankenschwester, Kinderpflegerin, Therapeutin...bis zur völligen Erschöpfung.
Oder sie holen sich immer wieder die selbstgebaute Action ins Leben, wie Schulden, ständige Umzüge, Jobwechsel...

Kommentare:

  1. Hi Regenfrau,

    ja, die Veilchen hatte ich schon....und jetzt überleg ich ob ich in den Pflegebereich gehen soll (als Heimhilfe)...

    wie schön, wie ich mich in deinem Text wiederfinde!

    schönen Sonntag!

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  2. Dann empfehle ich Dir das Buch umso mehr.
    Man kann es nämlich auf alles anwenden, ob es die Beziehung zur Nachbarschaft/Freunde/Familie oder eben zum Partner ist, macht so gut wie keinen Unterschied.
    Schädlich ist diese Selbstverleugnung aber überall!!
    Paß auf Dich auf ;)

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