Mittwoch, 27. März 2013

Dramaqueen

Gestern las ich weiter in dem Buch:
Wenn Frauen zu sehr lieben, die heimliche Sucht, gebraucht zu werden von Robin Norwood.
(ich finde es ja eine sehr unheimliche Sucht).
Es wurde die Geschichte einer Frau erzählt, die sich in Therapie begab.
Mir stockte der Atem.
Ich las meine Geschichte.

Das ganze Leben schon verlief hochdramatisch, chaotisch, aufregend.

Egal ob in der Kindheit in der alles unsicher war und man die Spannung fühlte, aber man nicht darüber reden durfte.
All die Unzuverlässigkeiten, die Demütigungen, die Double-bind-Botschaften, die Umkehrung der Eltern-Kind-Rolle.

Eine Kindheit ohne Zuneigung und Geborgenheit überfordert diese Kinder und lässt Depressionen wachsen.
Um diese nicht spüren zu müssen, sucht man den nächsten Kick, die nächste Aufregung, denn jeder Erregungszustand  führt zu einer Freisetzung von Adrenalin und verhindert somit zuverlässig das Hochkommen von Depressionen.
Das erklärt u.a. auch, warum trockene Alkoholiker gerne literweise Kaffee saufen. Kaffee pusht genauso.

Weiter ging's: Umzug, Scheidung der Eltern, neue Schule dort Mobbing, alle alten Freunde/Umfeld weg,  Alkoholismus der Mutter ist nun offen sichtbar, dem Stiefvater braucht man nach 15 Jahren Bundeswehr auch nix von Gefühlen sagen, er trinkt Unmengen an Alkoholika, beide arbeiten extrem viel, bin jahrelang völlig auf mich allein gestellt, deswegen  mein Auszug mit 16 Jahren zu einem 8 Jahre älteren Mann, wir spielen uraltes Ehepaar das sich nix mehr zu sagen hat, ich schmeiße allein den Haushalt und bin eine nette und liebe Bettgefährtin.
Immer wieder Jobs die mich entweder total unter- oder überfordern, oder die schlicht total unpassend für mich waren.
Ich hatte entweder 2-3 Arbeitsstellen oder gar keine.
Lebe in katastrophalen Wohnungen teils ohne richtige Heizungen oder in WG's die eigentlich eine Putzfrau suchten.
Suche mir süchtige (egal ob nach Arbeit, Alkohol, Sex...), verantwortungslose, lieblose, unnahbare, unehrliche Männer.
Besuchte diese mal im Knast, dann in der Psychiatrie.
Traf mich mit ihren Anwälten, Exfrauen und Arbeitgebern, um noch irgendwas zu retten.
Verbiege mich bis zur völligen Selbstaufgabe.
Dazwischen verschuldete ich mich selbst sehr hoch.
Versagten mir Autos wahlweise auf der Autobahn oder um Mitternacht am Hauptbahnhof.
Kümmerte ich mich so schlecht um meinen Körper, dass ich mehrmals im Krankenhaus landete (so schlecht spürte ich mich, dass ich erst den Notfall sah).
Wenn es zu langweilig wurde, wechselte ich einfach die Arbeitsstelle, den Wohnort oder fuhr mich 80 Sachen durch's Dorf, betrank mich, färbte mir die Haare rot, schwarz oder blau oder rasierte sie mir gleich auf 8mm ab, ließ mich tätowieren und piercen.
Prostituierte mich, spielte in einer Stuntshow mit, fuhr mit fremden Männern ins Ausland und haute regelmäßig ab.
Wurde von der Polizei gesucht und verurteilt.
Hatte Unfälle noch und nöcher.
Half allem und jedem der es brauchte oder auch nicht.
Das alles, um Gefühle zu vermeiden (was mir natürlich nicht bewußt war).
Ein Leben in Extremen. Immer Stress. Immer Action. Nie Beständigkeit. Nur ja keine Ruhe (da könnte ja was hochkommen). Immer und alles in wilder Aufruhr.
Bei mir war immer was los.

So viel in so kurzer Zeit, das hätte auch für ein ganzes oder gar zwei Leben gereicht.

Was passiert mit einem Gummiband, dass man ständig überdehnt?
Genau, es leiert irgendwann aus.
Und genauso fühle ich mich: Schlapp, ausgezehrt, fertig, müde und erschöpft.
Irgendwie auch kein Wunder.
Wie lange hält es ein Motor durch, auf der kleinsten Stufe aber mit Vollgas zu laufen?

Jetzt verläuft mein Leben ( wahrscheinlich das erste Mal überhaupt) in ruhigen Bahnen.
Keine kaputte Beziehung, der Schuldenberg ist fast geschmolzen, ich habe eine ordentliche, schöne, warme Wohnung in der alles funktioniert, ich lasse ärztliche Vorsorgeuntersuchungen machen, ich habe eine normale Frisur und nur noch ein Piercing.
Ich rauche nicht mehr. Ich fahre auch nicht mehr besoffen Auto.
Tanze keine Nächte mehr durch, um am nächsten Tag 500km am eigenen Steuer in den Urlaub zu fahren. Die Katastrophe, namens Familie, habe ich auch hinter mir gelassen.
Seit einiger Zeit gibt es einen stabilen Freundes-und Bekanntenkreis um mich. Seit über zwei Jahren gehe ich regelmäßig in Therapie....

Ich hab jetzt fast 3 Jahre nach der Ursache meines Zusammenbruches am 18.Juni 1012 und der ständigen Erschöpfung danach, gesucht.

Ich glaub, ich weiß es jetzt.

Kommentare:

  1. Ja.
    Das ist eine ganz Menge!

    Es gab früher eine Zeit da war es "modern" dieses Buch zu lesen. Es hatte so einige Frauen angesprochen / berührt.

    Wir senden Dir einen lieben Gruß und wünschen Dir gut Tage
    anja und die sterne

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  2. Es ist auch heute noch aktueller denn je.
    Absolut lesenswert :-)
    Euch auch alles Liebe

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  3. Das Buch hat mir vor bald dreissig Jahren einen saftigen Schlag auf den Kopf versetzt - oh Gott, das bin ich, oh je, was jetzt?
    Ein paar Monate später habe ich eine Therapie angefangen.
    Bin einen weiten, weiten Weg gegangen seitdem.
    Alles ist heute Anders.
    Aber alles ist noch da...
    liebe Grüsse
    Jan S. Kern

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    1. Ja mich hats auch ordentlich erschüttert. Aber auch heilsam ;)
      Tja Entwicklung dauert, aber ich finde :Wachstum macht das Leben erst so richtig schön, spannend, lebenswert...
      LG

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