Dienstag, 19. Februar 2013

Wie war das damals?

Ganga (http://ganga-salamander.blogspot.de/)
hat mich gefragt:
"darf ich dich fragen, seit wann du dir die Problematik mit  deiner Familie und dir genau ansiehst, dich wirklich intensiv damit auseinandersetzt?"
Logisch darfst Du :-)
Da ich gemerkt, habe, dass ich das kaum in einer kurzen Antwort schreiben kann und ich selber gerne ein wenig Rückschau halten möchte, gibt es nun eine ausführliche Rückschau:

2002 (ich war 22J. alt)fing es an. Monatelang kämpfte ich mich in die Arbeit, ich wollte nur heim oder draußen sein, aber allein. Bloß keine Menschen, alles war mir zu viel. Totale Erschöpfung.
Der Psychiater diagnostizierte das erste Mal: Depressionen. (Nicht das ich die erst ab da gehabt hätte, sie fingen schon mit 13 an und das hatte nix mit der Pubertät zu tun, sondern da ist der letzte Tropfen zu meinem Trauma-Fass dazu gekommen.)

Ich las alles was ich zu Depressionen finden konnte, ansonsten ernährte ich mich von Kaffe und Zigaretten und war endlich allein. Zuhause, draußen, egal. Ich war monatelang krank geschrieben.

Trotz guter Literatur kam mein altes Muster zum Vorschein:
"Ich mach irgendwas falsch, deswegen geht es mir so schlecht."
Also fing ich an Dinge zu tun, von denen ich hoffte, sie würden mir helfen: Umziehen, neue Jobs probieren (den alten hatte ich gekündigt), meinen Körper verkaufen, in schrecklichen WG's landen, Männer kennenlernen...
Ich hab nur im Außen agiert, dass da draußen sollte mir meine Depri wegmachen. Eine neue Haarfarbe, neue Kleider, ein anderer Lebensstil, Pflegestelle für Tiere, zu viel Alkohol, gar kein Alkohol.
 Und fleißig mit meiner Familie Kontakt gehalten.
IRGENDWAS muss es doch geben.
Aber die Depri ist ein Schrei der Seele. Und der ist das da draußen herzlich wurscht!
 Klar war mir, dass die Depris schon auch aus der Kindheit/Jugend stammen, aber: ist doch vorbei. Vergessen. Schwamm drüber. Nach vorne schauen.

Ich war auch bei einem sehr sehr schlechten Therapeuten. Das bekam ich in meinem Dunst noch irgendwie mit und sagte nach den Probesitzungen, dass er mich nie wieder sieht. GOTT SEI DANK!
Sonst gab es noch paar Antidepressiva. Immer wieder. Wir haben alle durch. Bei allen ging es mir noch schlechter (wolle gratis Achterbahn im eigenen Wohnzimmer fahren?) Boah, echt Hölle.
All meine kläglichen Versuche halfen natürlich nix. Im Gegenteil.
Irgendwann war ich wirklich am Ende.
Körperlich-geistig-finanziell.
Ich verlor meine Wohnung und flog in meinem Wahnsinn ins Ausland.
Was natürlich alles noch schlimmer machte und ich dachte das ginge kaum mehr.

Ahje.
Die Wende kam 2007. In einer psychosomatischen Klinik.
Deren Konzept war für mich gänzlich ungeeignet (ich brauchte wahrlich keine Disziplin lernen), aber die Menschen, das gut aufgehoben sein, die Abwechslung, zur Ruhe kommen usw. halfen mir.
Und: das allerwichtigste: Zu erkennen, wie meine Familie darauf reagierte. Da schlackerte ich mit meinen Ohren. Mein Vater flippte völlig aus. Heute weiß ich, dass es seine Angst war, ich könnte ihm entgleiten, mich abwenden, ich stand ihm nicht mehr zur Verfügung.
Ich veränderte mich!
Da hallen sofort die Wörter der Therapeutin in mir:
"Ihr Vater braucht Sie mehr, als Sie ihn."
(und das in keiner erwachsenen Art und Weise!!!)
Der Rest erkundigte sich nie nach mir. 6 Wochen lang Totenstille, weil ich es wagte mir außerhalb der heiligen Familie Hilfe zu holen!

Dann ging ich in die 12-Schrittegruppen für erwachsene Kinder von Alkoholikern.  Hammer! Was ich da alles erfuhr! Es war völlig normal, wie ich reagierte, drauf war, Probleme löste usw. Ich recherchierte weiter über Suchtfamilien. Ich redete, chattete, schrieb mit Gleichgesinnten: Hörte zu, verstand immer mehr, meine Ohren hörten das schlackern gar nicht mehr auf!
Ab da: erstmals kein Kontakt zu Muttern. Da sie weiter trinkt und keinerlei Einsicht hat.
Auch sonst brach ich immer mehr aus dem Gefüge *Familie* aus: Feierte Weihnachten mit Freunden in einer Disco, rief Pa an seinem Geburtstag nur an und besuchte ihn erst später, meiner Schwester stand ich immer weniger zur Verfügung usw.
Ich blühte auf und meine Familie versuchte mich mit allen Mitteln zurück ins Boot zu holen. Wahlweise wurde ich umschmeichelt und lieb versorgt, um im nächsten Moment beschimpft, ignoriert, angelogen usw. zu werden.
Zuckerbrot und Peitsche.
Mein ganze persönlicher S/M-Club.

Mir aber, wurde immer mehr klarer, dass dort viel eher der Punkt lag, warum ich immer wieder völlig zusammenbrach.
2009 ging es in eine Tageklinik. Dort wurde das erste mal das Wort Trauma genannt. Wieder gelesen, recherchiert usw. Wieder ähnliche AHA-erlebnisse wie in den Gruppen. Familie wieder völlig hysterisch.
Mein Vater hatte mich finanziell in seinen Fängen.
Ich gab ihm seine Bankkarte zurück. Eisiges schweigen.

Seit Jahren immer wieder Versuche mit ihnen allen zu reden, mich zu erklären, Hoffnung sie mögen sich auch auf den Weg machen.
Völlig sinnlos.
Auch viel gelesen über  Bindungstrauma, Vernachlässigung, psychische Gewalt, Mobbing in der Familie...immer wieder: völliges erkennen und irgendwann auch die Einsicht: es geht schon lange nicht mehr um das was mal passiert ist. Das ist wirklich vorbei. Es geht darum, dass ich weiter extrem gedemütig, benutzt und missbraucht werde und das auf  eine so perfide Art und Weise, dass nur ein Weg bleibt: Abstand. Ganz ganz viel Abstand!
2010 auch Kontaktabbruch zu meiner Schwester, da ich bei ihr starke pathogen-narzisstische Züge sah und mir das so richtig Angst machte.
Zu guter Letzt seit 2012 auch keinen Kontakt mehr zum Vater.

Und endlich der Blick zu mir.
Eine 180 Grad-Wendung.
Jahrelang hab ich versucht meine Eltern zu verstehen, zu analysieren, zu erklären, zu...
Jetzt versuche ich MICH zu verstehen, zu erfühlen, kennen zu lernen, meine Bedürfnisse zu achten und zu erfüllen,
denn DAS ist der Weg aus der Depression heraus. (für mich)

Kommentare:

  1. Eine ganz schöne Reise hast Du da hinter Dir, liebe Regenfrau! Schön zu lesen, wie Du dann sozusagen wach wurdest, erkannt hast, woran es liegt und den Fokus auf Dich gelenkt hast. Du kannst stolz auf Dich sein!

    Lg
    Maja

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke Dir ;)
      Tja irgendwann heißt es: so weitermachen wie bisher oder mal was neues probieren?
      Du kennst die Wege ja...leider.
      Das mit dem Stolz übe ich noch, davor kommt das annehmen, akzeptieren und das ist echt schwierig...
      Auch Dir liebe Grüße

      Löschen
  2. Liebe Regenfrau,
    ich bin sehr betroffen, das du das erleben musstest. Ich werde deinen Post noch einige Male lesen.
    Einige Dinge kenne ich von meiner Geschichte. Und wie du schreibst wie perfide dieses System abläuft, dass können nur Menschen verstehen die das auch ähnlich kennen. Sonst ist das oft unglaublich was sich hnter den Fassaden abspielt und alles für den Selbstzweck der einzelnen Familienmitliedern.
    Ja, das mit dem Aussen kann ich gut nachvollziehen, da verausgabt man sich dann noch mehr und irgendwann kommt durch die ganzen Erlebnisse der komplette Zusammenbruch.Aber was tut man nicht alles um sich über Wasser zu halten. Vor allem wenn man es nie gelernt hat.
    Wie lebst du überhaupt damit? Es ist einfach ein Wahnsinn, was du erlebt hast und mit was du dich auseinandersetzen musst.
    Du bist so anders als deine Familie. Wie hast du das geschafft?
    Ja, du hast ein Potenzial, dass du fördern wirst. Du entdeckst dich selbst und machst das was dir gegeben worden ist. Und das unterscheidet dich von den anderen Familienmitgliedern.

    Alles Gute,
    ganga

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo liebe ganga,
      jastimmt: ein ziemlicher Dschungel an verhaltensweisen den man kaum jemand im Außen erklären kann und auch dieser Selbstzweck, das konnte und wollte ich lange nicht sehen. Zu schmerzhaft. Wenn es nie um einen selbst ging, sondern nur um die Funktion die man zu erfüllen hatte. Wie ein Objekt: mal hervor geholt und dann wieder weggestellt.
      Ich glaube nicht das ich viel anders als meine Familie bin, nur bin ich die jüngste und bekam somit am meisten ab, hatte somit viel mehr Leidensdruck und...ach ich weiß nicht. Vielleicht die richtige Hilfe am richtigen Ort..?!!
      Zog ja mit 16 von daheim aus.
      Meine Tante hat sich auch auf den Weg gemacht, die hat zwei super Kinder, kaum Kontakt zu ihren Eltern ect. macht Therapie, hat mich sehr unterstützt und mir meine Wahrnehmung bestätigt..sehr heilsam!!!

      Wie ich damit lebe? Ich weiß nicht recht wie Du die Frage meinst...
      Jahrelang wollte ich überhaupt nicht mehr leben und tue das auch nur noch, weil ich wohl Schutzengel habe/hatte.
      Das ist heute weniger Thema, weil ich den Hauch mit bekam, wie Leben noch sein kann und das ist meine Antriebsfeder weiter zu machen, raus aus diesem Dreck.
      Ich kann die vielen Traumata die es seit Generationen in unserer Familie gibt nicht heilen. Aber mich.
      Ich freue mich über Kleinigkeiten, wenn ich mal einen guten Tag hatte, oder dass mir die finanzielle Unterstützung zukommt, weil ich nicht arbeiten kann, klar meine Wohnung liebe ich...

      Schönen Tag!

      Löschen
  3. Es gibt Eltern, die opfern lieber ihre Kinder, damit sie die eigenen Lebenslügen nicht in Frage stellen müssen.

    Liebe Regenfrau, ich wünsche dir Kraft, weiterhin.
    Dazu viel Licht und Liebe.

    雨の女 (ame no onna) - Regenfrau ...
    (Das war der Spitzname, den meine Geisha-Mama-san für mich ausgesucht hatte, 1989 in Kyoto)



    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Absolut wahr. Leider. Ein Gänsehautsatz den ich auch lange nicht sehen wollte.

      Danke Dir ;-)
      Ein schöner Spitzname :-) und wer weiß was es bedeutet.

      Löschen