Sonntag, 7. Oktober 2012

Dein gerettetes Leben

Aus dem gleichnamigen Buch von Alice Miller:

Frage einer Leserin:

Besteht nicht die Gefahr, die Eltern zu hassen und sie sogar nicht mehr sehen zu wollen, wenn man realisiert hat, wie sehr sie uns leiden ließen?

Antwort A.M.: 

Meiner Meinung nach existiert dieses "Risiko" nicht, weil der berechtigte Haß, der erlebt und verstanden wurde, sich auflöst und uns für andere Emotionen frei werden läß - es sei denn, man zwingt sich zu Beziehungen, die man nicht will.
Dann begibt man sich nämlich in eine Abhängigkeit, die die Ohnmacht des mißhandelten Kindes wiederholt. Und gerade diese Ohnemacht stand ja am Ursprung des Hasses. Dennoch haben viele Menschen Angst, die Liebe für ihre Eltern zu verlieren, wenn sie deren Grausamkeiten realisieren. Ich sehe das nicht als Verlust, sondern als Gewinn. Die Seele des Kindes brauchte die Liebe zu den Eltern, um zu überleben, sie brauchte auch die Illusion, geliebt zu werden, um nicht zu realisieren, dass sie in einer emotionalen Wüste aufwuchs.
Aber der Erwachsene kann mit seiner Wahrheit leben, un sein Körper ist ihm dafür dankbar. Es ist in der Tat nicht nur möglich, sondern in bestimmten Fällen unbedingt notwendig, diese "Liebe" zu verlieren oder sie sogar aktiv aufzugeben, denn ein Mensch, der endlich in der Lage ist, das Kind, das er war, zu verstehen, kann nicht den Peiniger lieben, der es mißhandelte, ohne sich zu belügen.
Viele Menschen meinen, ihre Liebe zu den Eltern sei stärker als sie selber, das ist aber ganz und gar nicht wahr, wenn es um den Erwachsenen geht. Die Vorstellung, man sei an diese Liebe ohnmächtig gebunden, entspringt der kindlichen Sicht.
Der Erwachsene ist frei, seine Liebe da zu investieren, wo er seine echten Gefühle leben und äußern darf und kann, ohne dafür leiden zu müssen.

Die fortgesetzte  Beschäftigung des (erwachsenen) Kindes mit seinen Eltern kann sein Leben zerstören

Viele Eltern sehen in ihren eigenen Kindern ihre eigenen Eltern und versuchen dort das zu bekämpfen, was sie bei ihren Eltern nicht tun durften. z.B.: all die Wut gegen die Ungerechtigkeit bekommen nun die Kinder zu spüren.

Dein Körper sagt die Wahrheit. Deine Wahrheit. Dem sind Moral oder das 4.Gebot egal!

Schläge bei Erwachsenen nennt man Folter.
Bei Kindern Disziplinierung und Erziehung.

Kommentare:

  1. Hab ich gerne gelesen, da mich das Thema auch immer beschäftigt. Ich denke auch immer, meine Mutter liebt mich nicht und trotzdem fällt es mir schwer, die Beziehung zu ihr aufzugeben, auch wenn es ihr sogar sicher lieber wäre.. sie will nur nicht Schuld dran sein und es zugeben. Ich glaube, sie würde mich gerne einfach vergessen und damit, wie sie mich behandelt hat und wie es ihr damals ging. Danke für die Denkanstöße :).

    LG :).

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    1. Ja ist auch ein schwieriges Thema. Ich merke, dass mich die schmerzhaften bewußten Gefühle nicht umbringen, sondern nur die unbewußten, verdrängten sich in allen möglichen Symptomen zeigen.
      Dann noch was zu lesen:
      http://www.alice-miller.com/artikel_de.php?lang=de&nid=73&grp=13
      Liebe Grüße

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  2. Liebe Regenfrau,

    vieles gute geschieht bei Dir! So empfinden wir es.
    Für uns ist es auch Heilsam keinen Kontakt zur Herkunftsfamilie zu haben.

    Liebe Grüße von uns,
    anja und co

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    1. Hallo Anja und Co,
      ja das stimmt und danke für Eure Rückmeldung, manchmal meint man ja, man ist der einzigste der keinen Kontakt zur Familie hat. Weil es auch ein verdrängtes Thema ist...
      Euch alles Gute!

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