Montag, 4. Juni 2012

Psychiatrie

Ich besuchte gestern eine Bekannte zuhause, die derzeit unter der Woche auf einer psychiatrischen Station lebt.

Wir finden immer irgendwas zum Quatschen und auch zum Lachen und wenn es paßt kommen auch mal die düsteren Gedanken auf den Tisch.

In den letzten beiden Jahren entglitt ihr Leben..Stück für Stück.
Erst die Ehe und eine ihrer Töchter, dann ihr selbst aufgebautes Geschäft, dann wurde sie aus dem nachfolgenden Job gemobbt, irgendwann kamen Herzinfarkt und Schlaganfall und danach auch diese Heulkrämpfe.
Wundern tut mich das nicht.
Aber sie. Weil sie eine sehr energievolle, extrovertierte, lebenslustige Frau ist.
Eigentlich. Im Moment eher nicht.

Jetzt ist sie also auf dieser Station. Es tut ihr gut dort zu sein.
Immer in Gesellschaft, etwas Bewegung, etwas Beschäftigung und Tabletten. Viele Tabletten. Wegen diesen Heulkrämpfen. Und weil diese nicht aufhören gibt es nun neue Medikamente. Mit allen grauslichen Nebenwirkungen.
Und ich finde es grauslich, dass sie ihren Körper oder ihrer Seele nicht zuhören will. Dass diese Tränen zu Recht fließen und beachtet werden wollen!
Sie will davon nix hören. Gut, jedem das Seine. Aber es ist schade.

Als sie mir so von ihrem neuen Alltag dort berichtet, denke ich mir wieder einmal: Ich bin so froh, dass ich damals auf die psychosomatische Station konnte.
Denn 1.:
Wenn meine Zimmernachbarin seid 2 Monaten meine, sie sei Sissi...
ehrlich, ich würd meine Koffer packen, egal wie es mir gehen würde.

Ich wüßte nicht wie ich damit umgehen sollte.

Und 2.: Zu Tabletten hatte ich schon immer eine Abneigung und das scheint in der Psychiatrie anscheinend immer noch gang und gäbe zu sein, diese massenhaft zu verteilen.

Ich fuhr einmal einen Bekannten zur psychiatrischen Krisenstation. Auf dem Weg dorthin fragte ich: "Hast du nicht Angst davor oder ein mulmiges Gefühl?"
Antwort: "Nein, für mich ist das wie nach Hause kommen..."

Ahja. 
Nunja. 
Jedem das Seine...

Kommentare:

  1. Ich glaube, es dauert bei jedem eine Weile, bis er versteht, dass diese "Heulkrämofe" nicht aus dem Nichts kommen. Ging mir nicht anders damals...
    Und die Psychopharmaka sind wirklich nicht so ganz ohne. Aber am Anfang um aus der gröbsten Phase herauszukommen und für Therapie empfänglich zu sein... da gibt es wohl kaum Alternativen derzeit. Oder?

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  2. Ich stimme Dir voll und ganz zu - in der Psychiatrie hätte ich nicht landen wollen, für kein Geld der Welt! Leider ist es auch bei Psychiatern Gang und Gebe, dass man mit Psychopharmaka abgefüllt wird und wenn man dann richtig schön dicht ist, nichts mehr fühlt, soll man Therapie machen. Eine Aufarbeitung ist so fast unmöglich - weiss ich aus eigener Erfahrung. Wenn Gefühle nicht fliessen können, sich nicht zeigen dürfen, hilft die Therapie einfach nicht. Dann kann man das alles mit dem Intellekt durchkauen, aber die emotionale Ebene fehlt und die ist dringend notwendig für die Verarbeitung. Aber erklär das mal den Leuten, die nicht hinschauen wollen! Und erkläre das mal einer den Ärzten, die glauben, mit bunten Pillen könnten sie das chemische Lebensglück erzeugen - was für eine Lüge! Als ich in der psychosomatischen Reha war, waren dort Leute, die seit 10 Jahren regelmässig dorthin fahren, um sich für ein paar Wochen im Jahr lebendig zu fühlen. Und was ist mit dem restlichen Leben? Wenn Du mich fragst, erzeugen viele Psychiater und die dazugehörigen Einrichtungen mehr Abhängigkeit, als dass sie den Menschen helfen, zu heilen. Daraus schaffen es wohl nur jene, die stark genug sind, um ihren Weg selbstbestimmt zu gehen und die ihr Leben auch aktiv verändern - und nicht nur Tabletten schlucken. Hach ja, ich red mich wieder in Rage, sorry :) Lg, Maja

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  3. Hallo Keks, stimmt ich hab ja meine Panikattacken auch fröhlich fleißig ignoriert, bis ich doch mal etwas genauer hinsah...
    Ich weiß es nicht ob es Alternativen gibt, für mich gab es die: Eine sehr gute Begleitung in Form von Therapie und Selbsthilfegruppe, beide waren/sind Gold wert. Und zur Not (nicht der Dauerbeschuß) Tabletten, bei mir eben starke Beruhigungsdinger, damit ich überhaupt wieder klar denken konnte...
    Ja, jeder muss da seines finden :)

    Liebe Maja
    Du darfst hier reden, philosophieren, schwadronieren, wie es Dir beliebt :)
    Ich finde Deinen Kommentar super, da gibts nix mehr hinzuzufügen!
    Ich komme langsam erst immer wieder ein Stück näher an meine Gefühle, was das Zeit braucht! Das erste Mal beim Psychiater und in Selbsthilfegruppen ist über 10 Jahre her!
    Und auch die Leute die sich nur unter der geschützten Käseglocke wohl fühlen, kenne ich..die drehtürpatienten.
    Für mich habe ich das so geregelt: wenn jemand offen ist oder bereit versuche ich ihm meine Sichtweise zu erklären.
    Aber bei der Bekannten die noch ganz am Anfang ist, schweige ich oder rede ihr gut zu, mache Mut. Meinen Stempel muss ich ihr nicht aufdrücken, die hat grad soviel im Kopf, da is man froh, wenn etwas Ruhe einkehrt. Kenn ich ja auch...

    Liebe Grüße

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  4. Ich glaube an Psychopharmika ich nehme seit sechs Jahren Risperdal ohne Nebenwirkungen war nie in der Psychiatrie wobei ich dazu sagen muss ich htte bei meiner Krankheit viel Glück sie wurde rechtzeitig behandelt.

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    1. Hallo Peter Pan, danke für Deinen Kommentar und Deine Sicht.
      Ja eine Bekannte hatte schwerste Depressionen, seit Jahren, hat alles mögliche ausprobiert und jetzt wirkt endlich ein AD, sie hat wieder Lebensqualität und es ist ihr egal, wenn sie diese Tabletten für den Rest ihres Lebens nehmen müsste (weiß man ja nie) und ich gönn es ihr, soviel Leid, das braucht keiner.
      Liebe Grüße!

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