Freitag, 29. Juni 2012

Die andere Seite

Nur zu gern glaubt man nur sich selbst und seiner Wahrheit.
Das es auch anders sein könnte? Wie oft fragt man sich das?
Aus irgendwelchen Gründen tue ich das derzeit immer öfter. Ich schaue nicht nur mich und meinen hübschen Bauchnabel an, sondern auch die anderen. Sind die wirklich so wie ich meine?

Mein Vater hatte immer Probleme mit den Nachbarn.
Egal welche. Alle waren ihm zu laut. Er machte "laut" zurück.
Half natürlich überhaupt nicht, außer, dass sich die Fronten verhärteten und er immer wieder umzog. (jetzt nicht mehr, jetzt wohnt er im eigenen Haus).

Ich musste feststellen, dass ich das Verhalten nachahmte. 
Die blöden, bösen Nachbarn! Sind immer laut! Ich fühlte mich persönlich angegriffen! Die machen das mit Absicht! Mein Herz jagte, meine Nerven immer dünner...
Ich wollte schon "laut-zurück" machen, (was die wahrscheinlich überhaupt nicht gejuckt hätte!).
 Das ging bis zu den Gedanken an Sachbeschädigung (ganz dem Vater halt...)

Rüber gehen und ansprechen? Niemaaals! 
Auf meinem Schirm gab es keine Alternativen. (außer in die Walchei ziehen, wo ich all die blöden, lauten Menschen endlich los wäre!)
z.B. dass denen vielleicht gar nicht bewußt ist, wie laut sie sind.
Oder dass die einfach leben, wie man halt lebt...

Man kann schon sagen, dass ich einen ziemlichen Hass gegen "diese Leute" entwickelte.
Letztens ging ich rüber. Freundlich gesinnt. Problem ansprechen. 
Der Lärm blieb, aber meine inneren Aggressionen schaukelten sich nicht so hoch.
Jetzt waren die auf einmal weg. "Diese Leute". Und die Blumen im Flur trockneten so vor sich hin.
"Na", dachte ich, "kannste jetzt auch nicht so ignorieren!" und goß die Pflänzlein.

Heute kam ich mit "diesen Leuten" ins Gespräch. Sie freuten sich sehr, dass die Pflanzen noch grünten. Sie hätten sich nicht recht getraut, mich zu bitten (ähm ja, kommt ja auch nicht von ungefähr *räusper*).
Wir redeten weiter. Jetzt weiß ich warum die Lärm machen.(und das hat sogar Sinn, weil es eine wichtige Baumaßnahme ist) Ja sie wissen sehr wohl, dass das Haus sowas von hellhörig ist, ja es tue ihnen leid, sie sagte schon ihrem Mann, dass bald Nachbarn klingeln, sich beschweren, wenn wir so weiter machen (und prompt kam ich!).
Wir plauderten weiter. Über das Haus, das Wetter, die Pflanzen, unsere Wohnungen, ihren Urlaub...

Es tat gut. 
Es war ein näher kommen. Ein verstehen, eine Nachvollziehbarkeit, lachen, erkennen: es sind auch nur ganz normale Menschen, die weder böse noch ignorant sind, sondern auch ein möglichst angenehmes Leben haben möchten...mit ihren Mitmenschen.

Unglaublich. Ich schaffe es nach über 5 Jahren Wohnzeit hier, noch mit meinen Nachbarn sowas wie Nachbarschaft aufzubauen :-)
Und es fühlt sich gar nicht bedrohlich an!

Ich hätte das auch gern meinem Vater gegönnt.
Er hat zwar jetzt seine Ruhe, dafür aber auch die Einsamkeit.

Kommentare:

  1. Wunderbar!

    Ich hatte mal Nachbarn, deren jugendlicher Sohn Zimmer an Zimmer mit mir (Freiberuflerin, Homebüro) öfter mal elend laute Musik spielte. So laut, dass mit Arbeiten nix mehr war..

    Ich klopfte an die Wand. Das half für kurze Zeit. Ging rüber, klingelte, bat um "leiser" - der Junge war genervt, sagte, er wolle sich auch mal gehen lassen in der Musik...

    "Komm mit!", forderte ich ihn spontan auf, führte ihn in mein Arbeitszimmer, in dem sein Techno-Rythmus dröhnend wummerte. Er war sichtlich getroffen, erstaunt...

    DAS hat geholfen!

    (Schade, dass man hier nicht mit Name/URL posten kann)

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    1. Hallo Claudia,
      ja super, nur so kann man den anderen jeweils verstehen.
      Wie war das mit dem Urteil über andere, dass man das erst fällen kann, wenn man in seinen Mokassins gelaufen ist? :-)

      Wie meinst Du das mit Name/URL nicht posten?
      Du kannst es ja drunter schreiben
      oder in Deinem Profil veröffentlichen...

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