Sonntag, 8. April 2012

Eure Kinder sind nicht eure Kinder,

eure Kinder sind die Sehnsucht des Lebens nach sich selbst!
(Khalil Gibran 1883-1931)

Als ich die Bücher von Alice Miller in die Hände bekam, war da in mir ein großes Erkennen, eine Erleichterung, endlich Worte für mein Leiden gefunden zu haben.
Mit dem Buch *Die Masken der Niedertracht* erging es mir ähnlich und ich fand Antworten darauf, warum ich meine Mutter und meine Schwester meide. Sie sind -hübsch verpackt- einfach seelisch grausam, zu ihren Kindern und Freunden, Partnern und Geschwistern.

Die letzte Frage, die mir offen blieb, war das Thema mit meinem Vater. Warum meide ich auch ihn? Warum geht es mir nach jedem Besuch so schlecht? Warum werde ich immer depressiver? Warum kann ich seine Geschenke nicht ertragen? Bilde ich mir da was ein? Übertreibe ich? Meine ich da etwas zu sehen, wo vielleicht gar nix ist?

Und wieder einmal habe ich erfahren, dass ich mich sehr wohl auf meine Wahrnehmung verlassen kann. Die Antworten auf all die Fragen fand ich in dem Buch: *Symbiose und Autonomie von Franz Ruppert*.
Es gibt eine destruktive Symbiose deren Merkmale unter anderem sind:
  • ist eine illusionäre Liebe, sie macht krank, klammert den anderen an sich, setzt unter Druck, erpresst, rivalisiert und stellt Erwartungen die (vom Gegenüber)nur gegen die eigenen Bedürfnisse und Interessen erfüllt werden können. Erzieht den anderen so wie man ihn braucht und gerne hätte.

  • Bestimmte Themen dürfen nicht angesprochen werden, um nicht noch mehr Wut und Angst zu erzeugen

  • entstehen, wenn sich traumatisierte Menschen begegnen und sich mit ihren Überlebensanteilen abhängig machen.

  • Schaffen Denk-und Redetabus, verhindern so, dass vorhandene Traumata angesprochen werden

Und es gibt konstruktive Symbiosen (einige Beispiele):

gutes Miteinander mit deutlichen Abgrenzungen, niemand übernimmt mehr Verantwortung für den anderen als nötig, Selbstverantwortlichkeit bzw. deren Förderung hat höchste Priorität, jeder kann (und darf!) seinen eigenen Gefühlen trauen, seine eigenen Gedanken zum Ausdruck bringen und tun was er für richtig hält. Es darf Streit und Meinungsverschiedenheiten geben, aber kein Diktat und keine Unterwerfung.


Ich bin gerade dabei eine Zusammenfassung des Buches für mich zu schreiben. Weil es wichtig ist, weil ich die Wörter brauche, die Erklärungen, weil ich sonst weiter denke, dass ich übertreibe und alles mies machen muss.
Es ist anstrengend und manchmal packt mich der Rauchdruck ganz enorm. Ich sage mir, dass es nur für diese Zeit so ist, solange ich mich mit dem Buch weiter beschäftige und dann ist wieder Ruhe.

Dieses Buch erklärt Traumatisierungen sehr verständlich. Was da passiert in der Seele. Dass sie sich aufspaltet in verschiedene Anteile: In die traumatisierten (die reagieren, wenn sie getriggert werden), in die überlebenden (die lenken ab, kompensieren z.B. mit einer Sucht!, erzeugen Illusionen und kontrollieren alles) und natürlich bleiben auch gesunde Anteile da, die Gefühle ausdrücken können, emotionale Bindungen eingehen und die Realität offen wahrnehmen können.

Und das erfahre ich gerade hautnah: Sobald ich mich aus der Verstrickung zu meinem Vater löse: Äußerlich und innerlich! Geht es mir gut: Habe ich keine Ängste, muss nicht rauchen, bin lebensfreudig und abenteuerlustig! Also im gesunden Anteil !
Denn das steht auch deutlich im Buch: Solange der traumatisierte Mensch nicht an seinen Traumatisierungen arbeiten kann oder will, hat es keinen Sinn ihn retten zu wollen.
Ich weiß, dass meine Eltern ebenfalls schwer traumatisiert sind und beide hängen in den Überlebensanteilen mit Kontrolle, Unterdrückung und Sucht fest.
Um mich zu retten, bleibt nur der Abstand. Ganz großer Abstand! Mich aus den Verstrickungen lösen, in dem ich mich um mich selbst und meinem Trauma kümmere!

Bericht einer Frau über die ständigen Konflikte mit ihrer Familie:

„Ich weiß, dass ich alles probiert habe und mir nur noch die Wahl bleibt, zu gehen und mich abzugrenzen. Doch dann werden die anderen vorübergehend normaler und hilfsbedürftiger oder nett interessiert, wogegen ja nichts einzuwenden wäre, würde ich nicht nach erfolgter Zufriedenstellung ihrer Bedürfnisse, wieder massiv entwertet und nimmersatt angefressen werden.“

Ich merke, dass ich mich jetzt das erste Mal so richtig auf mein Leben, meine Bedürfnisse und meine Wünsche konzentrieren kann und darf!
Ich fühle mich leichter und lebendiger!


Seit 7 Monaten habe ich meinen Vater weder gesehen, noch gehört oder gelesen. Er schweigt. Er hat nicht einmal nachgefragt was eigentlich los ist.
Da hat wohl jemand Angst. Die soll er ruhig haben.
Ich hatte lange genug Angst. Auch wegen ihm.





Kommentare:

  1. Ich wünschte, meine Mutter würde auch schweigen. Aber das kann sie nicht. Sie kann es nicht ertragen, jetzt ganz alleine die Verantwortung für sich selbst zu übernehmen und versucht durch Briefe und Emails mich zu manipulieren. Wodurch sie mir jedes Mal aufs neue zeigt, wie sehr ich recht damit habe, mich von ihr abzugrenzen. Und die Schuldgefühle werden auch immer weniger... es ist so schön und befreiend, wenn man endlich für sein eigenes Glück und seine eigene Zufriedenheit handelt, und nicht um jemand anderen zufrieden zu stellen...

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  2. Hallo liebe Regenfrau,

    da bist Du ja sicherlich dem Grund auf der Spur, warum Du geraucht hast. Mit dem Rauchen - ich hab über viele Jahre auch geraucht - haben wir ja etwas zu inhalieren versucht, was wir nicht bekommen konnten, z.B. die Liebe des Vaters, der Mutter ...
    Du arbeitest ja an dem Buch vor allem im Zusammenhang mit Deinem Vater ... in dem Zusammenhang aktiviert sich das alte Suchen, die alte Sucht ...
    Vielleicht ist es so ...
    Ich finde es klasse, wie Du vorwärts gehst ... Du gehst so gut mit Dir um, so achtsam kümmerst Du Dich um Dich ... wow!

    Hinter dem realen Vater steht ja der archetypische Vater, hinter der realen Mutter die archetypische, die wir in den Märchen beispielsweise finden, wenn die Rede davon ist, dass einmal ein lieber König und eine liebe Königin waren, die einander so lieb hatten ...
    Im Grunde sind das ja die wahren Eltern unserer Seele, zu denen wir wieder gelangen ...
    Ich glaube, wenn wir zu denen gelangen - und für mich bist Du auch auf diesem Weg - helfen wir auch unserem realen Vater, unserer realen Mutter ...

    Alles Gute,
    Johannes

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  3. Erstmal Kompliment für diesen Eintrag - den hast Du wirklich toll geschrieben!

    Den Druck rauchen zu müssen hast Du grade auch bestimmt so stark, weil Du Dich mit den alten Verletzungen auseinandersetzt und die Bedürfnisse, die nie gestillt wurden, sich einen Weg bahnen wollen. Dies (das nicht zulassen/nicht erkennen der Bedürfnisse) mündet dann oft im Druck und der Druck führt dann in ein Suchtverhalten wie z.B. halt das rauchen usw.

    Ich kann Johannes nur zustimmen, Du bist auf einem sehr guten Weg und Deine Erkenntnis, dass Du Dich auf Deine Wünsche und Bedürfnisse konzentrieren darfst, wird Dir helfen, die Sucht und den Druck Stück für Stück ganz hinter Dir zu lassen.

    Lg
    Maja

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  4. @ Locke auweia, ja das kann ich mir stressig vorstellen. Ich hab mir eine neue Mailadresse eingerichtet, die meine Family nicht bekam und in meine alte Adresse schau ich nur ca 1x die Woche und NUR wenn ich mich grad stabil fühle, sollte eben Post da sein.
    Es ist halt nur ein Teil in mir traurig der von Papa gesehen werden möchte (hat er das jemals??) auf der anderen Seite bestätigt mich das genauso wie dich: da lag ich wohl richtig, dass ich den Herrschaften nur recht bin, wenn ich ihnen zu nutze bin. Traurig, aber wahr. Wünsche Dir eine gute Lösung und weiter die Kraft zur Abgrenzung!

    Hallo Johannes, ja es gibt soviele Interpretationen warum man raucht...das mit dem König machte mich gerade stutzig, denn: ich arbeitete mal mit einer Therapeutin mit Aufstellungen (mit Figuren, Gegenständen usw) und da war mal ein König dabei und ich kann mich noch gut an die Sitzung erinnern. Sehr spannend! :-)

    Danke liebe Maja, ja es geht wirklich ganz viel um Bedürfnisse. Und in einer Symbiose gibt es ja kein ich+ich (deine-meine Bedürfnisse) deswegen verdrängte ich meine immer wieder.
    Jetzt nicht mehr und da ist so viel Leben und Energie! Toll!
    Ich seh das aber auch bei Dir, gerade Deine Gedanken zu Deinem Körper...das ist genauso schön! Wie weit Du da schon bist! Wie Du ihn annehmen UND dann noch verteidigen kannst..*applaus* :-)

    Liebe Grüße an Euch alle!

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