Sonntag, 4. März 2012

Komm, laß uns tafeln gehn

Seit einigen Wochen geh ich nun auch zur Tafel.

http://www.tafel.de/

Zwei Jahre hab ich mich drum gedrückt. Irgendwie war da doch zu viel Scham.

Ich bräucht ja nur arbeiten gehen, dacht ich. Dass ich die 3 Jahre davor in bezahlter Beschäftigung ebenso ergänzendes Arbeitslosengeld2 beantragen musste, verdrängte ich mal dolle. Ebenso meinen katastrophalen, gesundheitlichen Zustand. Es ist noch nicht wirklich ins Bewußtsein gesickert, dass heute Arbeit nicht gleich heißen muss, dass man auch davon leben kann.

Naja, jedenfalls hatte ich es nun offiziell, dass ich gar nicht arbeiten gehen kann. Damit war die Hemmschwelle gesunken und der 1. Tag bei der Tafel kam. Ich war wahnsinnig nervös. Wer ist alles da? Wieviele? Wie läuft das ab? Ich hätte mich ruhig auf meine gute Beobachtungsgabe verlassen können. Ich erfasse sehr schnell was um mich herum so los ist und wie was funktioniert.

Ich tappte in kein Fettnäpfchen. Obwohl man das den Neuen natürlich zugesteht. Ich scannte natürlich die Leute und fand das höchst interessant, ich spürte wer Kinder hatte, ich sah alte Leute und welche mit billigen Haarfärbungen und mit Jogginghosen und auch welche die ihren sozialen Abstieg noch irgendwie zu verbergen suchten und mit Goldkettchen erschienen, sich aber aus Scham (?) hinter einer Zeitung versteckten.

Wie überall bilden sich auch hier Grüppchen. Leute die sich von woanders oder durch den wöchentlichen Treff bei der Tafel kennen, plaudern, rauchen zusammen, tauschen Neuigkeiten, Tips und Infos aus.

Anfangs wollte ich das Rudelverhalten nicht mit machen. Wie immer, ich halt. Aber so nach und nach ergab sich doch ein Gespräch, eine Raucherpause, ein gemeinsamer Heimweg. Das ist in Ordnung.

Da ich dieses Jahr wieder mehr in die Welt hinaus will, was ja auch meist mit weiteren Kosten verbunden ist, spare ich mir so jede Woche etwas Geld.

Und es ist eine gute Übung. Hier muss ich ganz klar sagen, was ich will oder nicht. Ich bin ja eh bescheiden, habe aber nun durchaus dort gelernt, dass ich nicht alles annehmen muss, nach dem Motto: Friß oder stirb. Hier wird Klarheit gefordert. Das tut mir gut und ich kann so weiter meiner inneren Stimme folgen.

Es gibt wirklich gute Sachen dort. Kein Müll. Und das Gesundheitsamt schaut auch regelmäßig vorbei. Ich las erstaunt, dass der Salat vom Nachbarhof kommt und die Eier tagfrisch vom nahen Biohof. Regional und bio. Das gefällt mir sehr.

Oft gibt es Gemüse, Tiefkühlwaren ect. die ich mir vorher nie kaufte (weiß gar nicht aus welchem Grund). Jetzt kann ich neues ausprobieren. Denn mit wenig Geld muss man kreativ werden. Das macht Spaß. Mir zumindest.

Auch darf ich hier lernen, mich zu wehren. Auch mal meine Ellenbogen einzusetzen. Es kann dort schon mal durchaus rabiat zugehen. Futterneid, Überlebenskampf, was auch immer. Selbst Höflichkeit ist manchmal Mangelware... man hat ja eh nix mehr zu verlieren ?!?! Ich will mich da nicht reinziehen lassen, das ist mir zu platt.

Im Vorraum gibt es immer Kleidung, Taschen, Spielzeug, Haushaltsgegenstände... die andere Mitbürger aussortiert haben und diese nun verschenken. Gut die Hälfte der Menschen stürzt sich da drauf, wie die Geier. Ich vermute mal eher, dass das daran liegt, weil es gratis ist und nicht unbedingt, weil die Leute das so dringend bräuchten. Auch hier schaue ich, ob mich der Sog mitzieht oder ob mir eher danach ist, mich in eine ruhigere Ecke zu verziehen.

Ziemlich erstaunt war ich, als ich mit bekam, wie manche doch enorm forderten. Von Bescheidenheit oder gar Dankbarkeit keine Spur. Da gab es von den ehrenamtlichen Mitarbeitern, die die Lebensmittel ausgeben, auch schon mal harte Worte. Zu Recht, wie ich finde. Ebenso bei der Verteilung von Bargeld, das auch mal bei besonderen Notfällen gegeben wird (dies wird in einem gesonderten Komitee abgestimmt) da wurde geschimpft, weil es nicht den vollen Betrag gab. Was teilweise echt an Frechheit grenzt. Auch dass man eben mal etwas länger warten muss, bis man dran kommt, können manche so gar nicht ertragen und werden laut. Wo ich mich frage, wieso so eine Hektik? Meckern, dass sie sich daheim langweilen und dann stressen, dass es so lang dauert. Haben doch eh nix besseres zu tun (was sie selbst sagen!).

Immer wieder gibt es zu dem normalen Angebot auch Extras (je nachdem was die Firmen/Mitmenschen eben spenden) und das ist jede Woche eine neue Überraschung und mich freut es immer wieder.

Vielleicht bin ich auch noch nicht abgestumpft genug. Aber das will ich ja auch nicht.

Im Angesicht wieviel noch essbare Lebensmittel hier auf dem Müll wandern, ist die Scham völlig unnötig. Vielmehr sollten sich die Leute/Geschäftsführer schämen, die diese Waren wegwerfen.

Kommentare:

  1. Allerdings, es sollte zur Pflicht werden Essensreste der Tafel oder ähnlichem zu spenden. Ich mein, wen nutzt es im Müll ? Niemanden, da ja der meisste Müllkontainer mit Schloss versehen ist , so das kein Einzelner was raus nehmen kann.
    Was für eine Verschwendung.
    Wir haben unseren Chef auch schon angehauen. Ist doch echt schade um so virl leckerein, Waschmittel, Spielzeug... nur weils angebrochen ist oder so...
    Schönen Sonntag Dir, bleib so bescheiden wie Du bist :-)

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  2. Nein. Zur Tafel zu gehen, dafür muss man sich nicht schämen.
    Schlimm genug, dass es so etwas im 21. Jahrhundert in Deutschland überhaut geben muss!!!!

    herzlich, Rachel

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  3. Super hast Du das beschrieben ...vielen Dank dafür ..... ich war noch nicht da aber so hab ich schonmal einen kleine Eindruck bekommen . Danke Dir sehr dafür! :-)

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  4. @ Bianca Und? Was hat Cheffe gemeint? Es wär ja kein weiterer Aufwand für ihn, die meisten Tafeln holen das selbst ab. Einfach anrufen - fertig. Ja ich bin da wirklich dankbar und zeige das auch gerne den ehrenamtlichen Leuten die da mithelfen, sind ja oft so ältere Frauen vom Muttertyp und ihre Fürsorglichkeit genieße ich einfach :-)

    @ Rachel Stimmt. Und eine Besserung ist nicht abzusehn, eher im Gegenteil. Immer mehr Leute sind auf solche Hilfe angewiesen...

    @ Paderkröte gerne doch ;) Ich kann Dich echt nur ermuntern es auszuprobieren, es erleichtert, denn finanzieller Druck ist nicht ohne. Läuft bestimmt nicht bei jeder Tafel gleich ab, aber wenn Du noch Fragen oder so hast, meld Dich einfach.

    Liebe Grüße und kommt alle gut in die neue Woche ^^

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  5. Nein mit blöden Ausreden....Ich war einmal mit, als Begleitung.Ich finde es eine richtig klasse Sache und es gibt super Ware! Schade nur das manche das ausnutzen und alles nehmen was Ihre finger greifen können obwohl die Nachbarin es nötiger hätte. Sowas habe ich da auch beobachtet.
    Allerdings wollte ich mal was der Arche in Berlin spenden, die haben aber weder was abgeholt, noch hätten die selber sortieren wollen.Ich hätte die Wäsche waschen sollen, extra nochmal, nach Grössen sortieren und hin bringen. Schade, ich finde wenn man viel hat, oder auch noch Möbel sollte man schon nen Abholdienst bekommen, denn es ist ja für die Allgemeinheit, für schlechter gestellte Menschen finanziell..Dennoch alles ne super sache , sollte mehr davon geben.
    Hier kann man seine Sachen im "Broki" abgeben um das andere es günstig kaufen können.Wer nicht so Geld hat geht dort rein und findet auch oft. Alles was in Wohnungen gibt, gibts da auch. Klasse. Wenn ich umzieh gebe ich dort auch noch recht viel hin, bevor es in den Rote Kreuz Container kommt, die die Sachen für viel Geld an Arme verkaufen....
    Schönen Nachmittag Dir :-)

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    1. Nunja Berlin is natürlich sehr groß und das alles zu organisieren ect. kann wahrscheinlich schwierig werden, mit dem abholen.
      Das mit den Containern stimmt, die Doku hatte mich mehr als aufgerüttelt. Heftig.
      Dir auch einen schönen Nachmittag :-)

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  6. Ich kann von meinem Halbtagsjob auch nicht leben.
    Seit letztem Sommer habe ich eine schwere Depression und war lange krank geschrieben.
    Ich habe sehr sehr lange gezögert zur Tafel zu gehen. Ich weiß auch nicht genau wieso. Ich glaube es war auch die Scham. Ich kann nicht für mich Allein sorgen, krieg meinen Alltag nicht auf die Reihe und andere Gerdankengänge.
    Es hat ungefähr 7 Monate gedauert, bis ich mich dann getraut habe zur Tafel zu gehen.
    Nachher habe ich gedacht"Wie dumm von mir"
    Es fällt mir immer noch schwer, weil ich mich selber unter Druck setze. Ich habe immer noch dieses Denken "Meine Güte, es wird doch nicht so schwer sein für dich selbst zu sorgen."

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    1. Ja liebe Luna, warum nicht früher? Hab ich mich auch gefragt. Nunja die Zeit kann man nicht mehr zurück drehen...
      Ich wünsche Dir, dass Du Dir selbst mit mehr Gelassenheit und Verständnis begegnen kannst. Mit einem gebrochenen Arm würdest Du auch nicht arbeiten können oder den Haushalt tiptop halten können. Das blöde an der Depri: man sieht sie nicht wirklich.
      Ich bin z.B. froh, dass hier auch recht junge und alleinstehende zur Tafel gehen, das mildert manchmal den Druck.
      Mir gehts oft genauso, wenn ich mal wieder gar nix hinkriege und meinen Rentenausweis sehe...meist wenn ich mich mit anderen vergleiche, das geht immer bös aus.

      Ich wünsch Dir das Beste! :-)

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