Samstag, 10. März 2012

Jetzt fängt's wieder an

Gestern abend ging ich noch mal los. Spazieren. Hinter dem Sportplatz den Feldweg entlang, einen kleinen Berg hinauf und einer knallorangen Sonne beim untergehen zusehen. Wow! Die Vögel zwitscherten ihr Abendlied, ein würziger Duft stieg von der feuchten Erde hoch, kein Auto, kein Mensch weit und breit. Sah nach Frieden aus. Den ich nicht hatte. In mir.

Ich hab schon ängstlich auf das Gefühl gelauert, dass mich vor allem abends, wenn die Tage wieder länger werden, beschleicht. In der Früh hatte ich das noch nie und auch Winterabende machen mir nix aus. Jetzt war es also da. Ziemlich früh im Jahr.

Ich wuchs auf dem Land auf. So richtig in der Pampa, nicht wie jetzt im Außenbezirk einer Großstadt. Das Dorf war sehr kinderreich und so fand sich immer jemand zum Ball spielen, Hütten und Staudämme bauen, Kühe eintreiben, Holz aufschichten, Hasen einfangen, den Berg runterkullern, Johannisbeeren klauen und noch vieles mehr. Die Hälfte des Jahres waren wir draußen.

Und von einem Tag auf den anderen war all das weg. Umzug in die Stadt, Vater und Schwester weg. Natur weg. Freunde weg. Kindheit weg.

Das Gefühl jetzt, ist eine Mischung aus Einsamkeit (fehlende Dorfgemeinschaft) und der dumpfe Schmerz über den Verlust durch den Umzug. Problem erkannt – Problem gelöst. Dachte ich vor Jahren und glaubte daran: Wenn ich nur wieder auf einem Bauernhof wohne, mit lieben Menschen und so weiter, dann wird das wieder. Also zog ich los, mein Glück zu finden. Doch was ich fand, war nur ein warmer Abklatsch von damals oder eine Katastrophe! Und der Schmerz blieb.

Letztes Jahr war ich noch zu sehr mit dem Schmerz identifiziert. Saß heulend in der Prärie und flehte nur, dass doch bitte bitte jemand die Zeit zurück drehen soll! Ich wollte sofort wieder Kind sein und verbotenerweise im Heustadel hüpfen!

Darum geht’s. Den Schmerz wahrnehmen, anschauen, da lassen, atmen. Also stapfte ich gestern mit lehmverkrusteten Schuhen weiter durch die Felder, schnaufte wie eine Schwangere und die Tränen tropften nur so runter. Muss nicht gerade der beste Anblick gewesen sein, denn mir kam ein Schäferhund ohne Leine und ohne Besitzer entgegen, sah mich, duckte sich weg, sah nochmal zu mir und rannte im Schweinsgalopp wieder zurück. Besser ist das, dachte ich und schnaufte weiter.

Dieser Schmerz wird sich wahrscheinlich noch öfter zeigen. Logisch, hab ihn ja viel zu lange nicht beachtet. 20 Jahre lang. Also wird er jedesmal angesehen, wenn es nach Heu duftet, Kuhglocken bimmeln, Kinder auf der Straße spielen oder ich mich an langen Sommertagen einsam fühle. Aber gegen die Einsamkeit kann man was machen, was ich ja schon tue.

Sommer du kannst kommen, ich bin bereit.

Kommentare:

  1. Der letzte Satz ist doch genau die richtige Einstellung. Die helle Jahreszeit bringt vielleicht manches ans Licht, aber bei mir auch viel Optimissmus und Elan.

    Ich freue mich auf die hellen warmen Tag, wenn die Natur und zum Fühlen einlädt

    Ich wünsche ein schönes Wochenende
    Liebe Grüsse
    Resunad

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  2. Hmm, ist das der Grund wieso ich dauernd umziehe ?!
    Die Sehnsucht nach etwas was ich verloren habe ?
    Dein Blog lässt mich oft mal nach innen schauen, doch ich kann nichts hören, bin zu abgelenkt vom Vorwärts schauen und im Jetzt kämpfen.
    Ich sollte entspannter meiner Zukunft entgegen blicken und lernen zu wissen was ich will...
    Jetzt habe ich nur von mir geredet, sorry.
    Deine Beschriebung der Natur in der Du spazieren gingt weckte Sehnsüchte, denn man konnte es fast anfassen, die feuchte Erde fast riechen.
    Geh raus, es ist schön da draussen, die Sonne lacht und ruft indem sie die Vögel vorschickt...
    Schönes Wochenende wünsche ich Dir

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  3. Naja also von Freude kann ich noch nicht wirklich reden... :-/

    Ach Bianca, das geht leider auch nicht von heut auf morgen, wenn man jahrelang nicht in sich gelauscht hat. Mach weiter, dann wirste schon was hören ;)
    Bei mir kam dieses ruhelose definitiv daher, dass ich etwas wichtiges verloren habe, aber eigentlich hätt dann ICH in die Schweiz ziehen sollen, um das Heidigefühl wieder zu haben ;)
    Heut hab ich eher geschlafen, hatte Nachholbedarf.

    Euch auch ein tolles Wochenende ^^

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  4. Ich kann das sehr gut nachempfinden mit der fehlenden Ruhe in einem drin, obwohl es um einen herum so schön und auch ruhig ist. Ja, den Schmerz zulassen, ihn fühlen und vorbeiziehen lassen - das hilft, ist aber auch anstrengend. Du bist auf dem besten Wege, diese Trauer über den Verlust Deines Zuhause zu überwinden. Es braucht halt alles seine Zeit... Ich wünsch Dir einen schönen Sonntag! Lg, Maja

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    1. Danke den wünsch ich Dir auch! Vor allem einen entspannten Sonntag :-)
      Ich hab gemerkt, dass ich mich im entspannten Zustand z.B. viel besser und einfacher abgrenzen kann.
      Aber so richtig angekommen ist es noch nicht, da die Gedanken noch sehr präsent sind: wenn ich alles kontrolliere und zum Sprung bereit bin-also angespannt bin, dass ich dann besser die Gefahr abwehren kann.

      Ja anstrengend ist es wohl, sowohl die Anspannung als auch den Verlust zu verarbeiten.
      Liebe Grüße :)

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