Donnerstag, 16. Februar 2012

Gnadenlose Selbstüberschätzung

Hab ich letztens nicht noch groß getönt (nicht hier), dass ich an meinem Therapietag keine weiteren Termine ausmache?
Auch wenn es heute Abend was schönes wäre, aber Menschenmassen, geschlossener Raum, spätabends erst heimkommen ist heute definitiv nicht drin.
Schade, sehr schade, aber ich weiß ja nun wie es ist, wenn ich mich "überrede".
Hat 0,0 Sinn! Eher 80% Schaden.

Obwohl ich heute in der Therapie eher um's heiße Eisen schlich, war es sehr, sehr anstrengend. Manchmal kamen wir sehr nah dran, was es sofort wieder schwierig machte und ich zurück ruderte. Das kann ich auch so stehen lassen und muss mich nicht noch weiter abwerten.
Wir waren schon bei dem Thema "soziale Angst" aber eher was hier derzeit gut läuft. Auch das ist in Ordnung.

Und ich habe anfangs etwas angesprochen, was mich irritierte. Ich will nicht das sehr gute Verhältnis durch so Kleinigkeiten Stück für Stück zerstören (früher sagte ich da nix und wieder nix und der Berg oder das Faß wuchs und irgendwann macht's *peng*).

Auch glaube ich, dass meine Therapeutin da nicht so das richtige Bild von meiner Symptomatik hat.(wenn ich ehrlich bin, komm ich mir da erst selber auf die Schliche).
Denn die typische Sozialphobikerin bin ich ja nicht. (oder rede ich mir das nur weiter schön...)

Einerseits war sie erstaunt, was ich in den letzten Tagen machte (das bin ich auch, aber noch viel eher sage ich mir: ja! Endlich! SO kenn ich mich-eben viel entspannter, offener, kontaktfreudiger, gesprächiger usw. - wirklich? oder war das schon immer meine Maske?)
Und ebenso erstaunt war sie hier: Tatort Gruppe, andere zeigen sich mit ihren Ängsten, handeln vielleicht so wie ich es manchmal auch gern tun würde-mich aber nicht traue und nur in sehr kleinen Dosen mit meinen Themen heraus rücke.

Warum?
Das sei doch ein sicherer Ort! SICHERER ORT?!?!? An dem ECHTE Menschen sind? Nein, das ist für mich (gefühlt) nie sicher. Manchmal reicht ein Wort, eine Bemerkung, sogar eine Geste kann Panik auslösen. Manchmal weiß ich selbst nicht genau, was es war, weil es z.B. eine ganz kurze Gesichtsmimik meines Gegenübers war!
Einen sicheren Ort gibt es für mich nur im Inneren, mit der Imagination.
(und den sollte ich wesentlich öfter aufsuchen, fällt mir gerade ein).
Ich hab mich in der Gruppe schon öfters hinaus gewagt und es jedesmal bereut, weil es zuviel war, weil da keine Profis sitzen und ich nicht entsprechend aufgefangen werde, sondern mit dem aufgerissenen Thema heim fahre und weil es dann meist 22h ist, ich eigentlich schlafen will - was dann natürlich nicht klappt.

Ein kleines Beispiel: Ich behaupte von mir, dass mir Telefonate nix ausmachen. Gut, muss jetzt nicht stundenlang sein, aber im Großen und Ganzen ist das ok.
Mein Körper sagt was anderes: Oft rauche ich 3 Zigaretten hintereinander, was ich erst danach merke, oder ich sitz schweißüberströmt da.

Es IST Streß. Es IST eine latente Bedrohung für mich da.
Jetzt wo ich ehrlicher mit mir umgehe und sehe, was wirklich los ist, kann ich mich auch viel besser verstehen. Das es keine Einbildung ist. Das es verständlich ist, bei meiner Geschichte. Ich bekomme ein Mitgefühl für mich selbst-kein Mitleid!
Ich gehe es an. Ich übe. Ich gehe öfters hinaus, in die Welt, zu Menschen.
Ich gebe da mein Bestes.
Und kann mir so nun eher meine menschenfreien Zonen gestatten.
Da fällt mir der Kommentar einer Mitpatientin aus der Tagesklinik ein, (es war so, dass ich dort bis zu 2x am Tag das Gebäude verlassen musste, weil der Streß mit Menschen zu groß war) :
" Es hat minus 10 Grad! Was muss da für ein Druck in dir sein, dass du trotzdem hinaus gehst!"
Heulend ging ich meine Runde...weil sie so Recht hatte und ich mich gesehen fühlte, in meiner Not.


Leute mit Flugangst fliegen auch nicht ständig durch die Welt.

Bei einem waren wir uns heute einig: Dass dieses aufrecht erhalten (Maske: Pff macht mir nix aus, mir gehts gut, Panik unterdrücken usw.) mich ständig in Situationen begeben, die mich eigentlich überfordern plus die vielen Gedanken dazu, extrem viel Kraft brauchen.
Endlich hab ich hier mehr Klarheit.

Ich fühl mich, wie dreimal durch die Mangel gezogen. Platt.

Ich werde das nächste Woche ansprechen, wie es mir damit geht und wie wir weiter machen wollen. Ob es eine gesunde Pause wäre oder ein davon laufen, wenn ich ein Stop einlege, bzw. einen Schritt langsamer.
(Nachtrag: Es IST eine gute Selbstfürsorge das nach meinem Tempo zu machen, "davon laufen" das meinen die alten Stimmen von früher.)

Kommentare:

  1. Liebe Regenfrau, mach es bitte in Deinem Tempo. Das hat nichts mit Weglaufen zu tun, aber sich ständig nur zu konfrontieren - das kostet immense Kraft, die einem dann am anderen Ende fehlt. Es geht nur in Deinem Tempo und das ist schnell genug - egal was alle anderen dazu sagen. Ich hab ja die Agoraphobie und es gibt Tage, da weiss ich - wenn ich jetzt rausgehe, dann leide ich ohne Ende. Wenn ich dann trotzdem rausgehe, dann ist es ein Spießrutenlaufen und immer verliere ich dabei und bin hinterher nur erschöpft und das wars dann. Das hat mich über die Jahre echt fertig gemacht, immer dieses kopfgesteuerte "Sie müssen üben" - aber heute weiss ich, auch das Üben kann ich nur in meinem Tempo machen. Alles andere ist kontraproduktiv und hilft mir auch nicht wirklich weiter! Wenn ich es aber in meinem Tempo mache, dann hab ich die tollsten Erfolgserlebnisse wie vor ein paar Stunden, als ich raus ging und völlig angstfrei war und das so richtig geniessen konnte. Dieses positive Gefühl nehme ich definitiv mit und das führt dann auch dazu, dass die Momente öfter kommen, an denen ich angstfrei raus kann. Und so wird es auch bei Dir sein - aber lass Dir die Zeit, die DU brauchst. Du spürst in Dir, was für Dich stimmig ist und danach handle auch. Vermeidung wäre, wenn Du es gar nicht tust, aber das weisst Du selber :)
    Viel Erfolg weiterhin auf Deinem Weg!
    Lg
    Maja

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    1. Danke Maja! :-)
      Ja mir fiel es rechtzeitig noch ein..denn ich erinner mich an meine schlimmste Zeit, als einkaufen fast gar nicht ging und wenn es ging nur in bestimmten Läden. Das akzeptierte ich und orientierte mich daran, das klappte so gut, dass ich irgendwann völlig entspannt in einem der streßigen Läden stand :-) Ohne Zwang ohne Druck. Heute ist das kaum mehr Thema.
      Das ist schade, dass zuviel gesagt wird: nicht weglaufen, sich der Angst stellen, die Angst vergeht usw. was ja leider auch in Kliniken massiv durchgezogen wird.
      Gut, dann bleiben wir bei unserem Tempo und passenden inneren Gefühl! :-)

      Liebe Grüße

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    2. Hmm gehört das nicht zu dem "sich stellen" - das im eigenen Tempo? Denn wenn man sich überfordert ist es ja kein "sich stellen" sondern wieder mehr ein "funktionieren" - also das alte Muster, das man ja aufbrechen möchte.

      Aber ich kenn das - die meisten Leute puschen (vielleicht weil die meisten das auch eher brauchen), statt mal nachzufragen und zu bremsen, weil jemand von sich aus eh meist zuviel und nicht zu wenig macht.

      Innerhalb der letzten 4 Wochen haben mir 2 Leute (Physiotherapeut und ein Arzt) gesagt, dass es wichtig ist das zu wissen, weil es in der Regel eben umgekehrt ist, dass sich die Leute nicht stellen, dass sie eher ausweichen wenn etwas unangenehm ist (muss jetzt nicht Angst sein, kann auch die körperl. Anstrengung oder Schmerz sein) - und daher meist wirklich eher ein puschen angesagt ist - und es schwierig ist, da ein gespür zu bekommen ob man grad an jemand gerät, der das schon viel zu viel mit sich selbst macht) - weil die das dann ja nicht sagen - die machen einfach und man freut sich das alles so gut läuft - nur dass das für denjenigen nicht so ist.

      Der mag zwar mit einem (manchmal gequälten) Lächeln dasitzen - aber macht und sagt "schon ok". Und das gequält sieht man nur bei denen, die nicht gelernt haben, dass es "echt" aussehen muss.

      Mein Thera hat früher immer gesagt, dass das eigene Tempo mit zu dem "sich stellen" gehört - und manchmal auch ein Innehalten, nicht immer weiterpreschen, ein sich setzen lassen - damit es dann weiter gehen kann.

      Sorry für den langen Kommentar

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    3. Liebe Ilana, Du musst Dich für gar nix entschuldigen!
      Ja genau so ist es und meine Therapeutin erkannte das von Anfang an, also noch in der Tagesklinik, dass für mich die normale Angsttherapie kontraproduktiv ist.
      Ich werd mich erstmal bremsen.

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