Sonntag, 27. November 2011

Soziale Phobie

Es ist 5 Uhr morgens und seit einer Stunde ist meine Nacht vorbei.
Grund: Ein Albtraum: Der erste Tag in der Umschulung, Menschenmassen, der Besuch der Mensa raubt mir schier den Atem, ich kann doch unter so vielen Menschen nix essen, bin extrem nervös, will nix falsch machen, weiß, dass ich hier nicht einfach weg kann und nicht mal auf dem Zimmer bin ich allein, denn es sind 2-Bett-Zimmer.
Das mag recht harmlos klingen. Nicht für mich.

Zeit meines Lebens ringe ich mit diesem Problem und es ist erstaunlich wie lange man Gedanken und Gefühle abspalten kann. Man nimmt sie zwar wahr, aber nicht zu einem selbst zugehörig. Bis der große Knall kommt.

Schon mit 5 Jahren, im Kindergarten, traute ich mich nicht bescheid zu sagen, wenn ich auf Toilette musste. Hatte natürlich zur Folge, dass ich jeden zweiten Tag mit ner anderen Hose heim ging. Und ausgelacht wurde. Die Scham wuchs.
Jahre des Spießrutenlaufens in der Schule, Angst vorm mich und meiner Leistung zeigen, Herzrasen, Schweißausbrüche, Ausreden, Ausreden, Ausreden folgten.

Es gab auch eine Zeit in der all dies komplett weg war, ich in WG's wohnte, in den angesagtesten Clubs abrockte und Männer heim schleppte, ständig in Restaurants aß, verschiedene Jobs machte, sogar auf Bühnen stand.

Dann kam die Zeit in der es mir langsam dämmerte. Ich war stationär in einer Klinik. 2-Bett-Zimmer, kleiner Speisesaal, ständig Menschen um mich herum und wieder einmal die tausend Fragen, Befürchtungen und Ängste in meinem Hirn.
Mit mir am selben Tag, kam auch ein junger Mann an, der sein Problem als soziale Phobie beschrieb. Ich wußte sofort was das war! Das hatte mein Vater doch auch! (das ich das ebenfalls habe, war mir immer noch nicht klar, sich das einzugestehn braucht wirklich viel Kraft, eine Kraft die die Mauern zum einstürzen bringt). Die wenigsten Mitpatienten konnten mit dem Begriff soziale Phobie was anfangen, ich erklärte. Nannte hunderte Beispiele aus meinem Leben (nicht die von meinem Vater!).

Der Durchbruch, an dem ich selbst endlich checkte, was da mit mir los ist, kam ausgerechnet auf einem Betriebsfest. Mit Theater und Buffet. Oh graus. Einige Kollegen bekamen es natürlich mit, dieser heftige Panikanfall war wirklich nicht zu übersehn. Ich schämte mich in Grund und Boden.
Seitdem sind all diese jahrelang verdrängten Gefühle und Gedanken fast immer präsent. Das ist anstrengend. Ich kann mich nicht mehr durchmogeln.
Man kann damit leben: gut versteckt, so wie ich jetzt. Aber es hat NULL Lebensqualität.

Ich weiß, so kann es nicht weiter gehen.
Die Abspaltung funktioniert auch nicht mehr.
Hauruck-und-durch-Methode ist schädlich.
Es geht nur der Weg, der kleinen Schritte. Und wer weiß, vielleicht lässt mich diese Unsicherheit und Angst vor Menschen ja nie los? Und selbst wenn, dann bin ich zu alt für die Umschulung.

Man könnte daran schon verzweifeln...

Ein Artikel, in dem ich mich 1zu1 wieder fand:

http://www.berliner-zeitung.de/magazin/soziale-phobie-die-angst-und-ich,10809156,11164054.html

Kommentare:

  1. Was ich spannend finde, ist, dass du schreibst, das hatte oder hat dein Vater auch. Kann es sein, dass du da ein "Erbe" angenommen hast? Es ist ein sehr schweres. Kinder tun das manchmal aus Solidarität. Vielleicht ist es nicht der alleinige Grund, aber immerhin etwas, wo du sagen kannst: Nein, dieses Erbe schlage ich aus.
    Könnte ein Anfang sein. Es wäre auch der eigentliche Grund für eine Loslösung vom Vater. Und wo ich das schreibe, fällt mir grad was auf, was meine eigene Lebensgeschichte betrifft. Ist das nicht immer wieder verblüffend, dass man bei allen Weisheiten, die man von sich gibt, sich an die eigene Nase fassen darf? ;-)

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  2. Weisheiten, ja man zeigt den anderen wie man ist und nicht sein sollte.. die Angst genauso so zu sein und es nicht anders wird ist gross doch geht man einen Schritt vorwärts besteht doch die Chance das Karussel der verbundenheit zu unterbinden um sich selbst zu finden es an zuhalten, abzuspringen.. erst nackt und ängstlich doch es füllt sich merh wie man sich es vorstellen kann mit der Zeit die man nehmen sollte sich .. sein selbst das Ich bin das ...

    lieben Gruss Elke

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  3. Die Mensa an der Uni hat mich auch immer eingeschüchtert. Aber in der Einführungswoche bin ich irgendwie gleich in eine nette Clique hineingeraten und mit Freunden ging das dann. Naja.. war auch eine ziemliche Herausforderung mit ihnen anfangs, aber leichter. Aber wenn sie alle andere Kurse hatten... oft bin ich gar nicht essen gegangen oder hab da wie gehetzt gegessen.

    Oder Diplomarbeit. Mit dem Assistenten alles bequatschen... ich bin nur ein einziges Mal hingegangen mit dem Ergebnis, dass meine Arbeit total schlecht ausfiel. Und schon das Fahren zu den verschiedenen Büchereien fand ich schwierig. Anstrengend eben.

    Vor allem hatte ich Angst vor Männern. Frauen gingen ja noch. Aber beim Sport hatte ich dann irgendwann mal einen kennengelernt, der mich mit zum Tanzen in einer Gruppe nehmen wollte. Und mir dann erzählte, das sei so ein Freizeittreff, wo sich alle möglichen fremden Leute treffen und dass man da ja locker neue Leute kennenlernen kann. Da bin ich nie hin, aber seine Bewertung hat mir gut getan. Nicht so dass sind so Leute, die alle keine Freunde haben, sondern es ist toll, jemanden kennenzulernen. Und dass ein in meinen Augen zunächst cooler Typ sich auch einsam in Hamburg fühlte.

    Auf jeden Fall hab ich mich tatsächlich mit ihm verabredet, dann in einem Flirtchat angemeldet und super viele Dates gehabt und dadurch ist es sehr viel besser geworden.

    Aber mit Menschen, die ich immer wiedersehen MUSS. Bei der Arbeit etc. Und wo ich nicht weg KANN. Eben genau Betriebsfeiern etc. wo man dann auch noch sitzt etc., hab ich auch immer noch Probleme.

    LG :).

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  4. uff, also Frau Lebenskünstler nu blieb mir aber mal die Luft weg. Ich träumte in der Nacht nachdem ich meinem Vater sagte, dass jetzt erstmal kein Kontakt ist, dass ich auf einer Hochzeit war und da ganz entspannt mit den anderen war und aß undundund...das lässt mich seit Wochen nicht los! Sehr spannend, echt! Danke!

    Ja Elke sich finden is gar nich so leicht...und den Resetknopf gibts auch nich....

    Schön, Tina, wenn es besser wurde! Kleine Unsicherheiten und Ängste werden (leider) immer da sein, aber so groß, dass sie einem das Leben versauen, das braucht echt kein Mensch.
    Gehen könnte man ja immer, nur die Konsequenzen...
    und den druck den man sich selbst aufbaut.

    Liebe Grüße!

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  5. Danke für den Link. Es ist zwar irgendwie schon etwas erleichternd, wenn man nicht alleine mit dem Problem da steht und es auch bennen kann...aber so richtig Auswege daraus...naja, sehe ich noch nicht. Es ist auch klar, dass wenn A etwas hilft, muss es nicht zwangsläufig auch B helfen.
    Naja, Suche geht weiter. Irgendwie.

    Nen schönen 1.Advent! :)
    die prjanik

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  6. Hi prjanik, ja das stimmt, jeder muss da seine Mittelchen und Wege finden.
    Toitoitoi, nur nich aufgeben! :-) LG!

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  7. Regenfrau, aus meiner eigenen Erfahrung kann ich sagen, dass die rein örtliche und persönliche Trennung noch nicht hilft. Man muss sich wirklich jeden Tag sagen: "Nein, dein Leben ist nicht meins, ich bin nicht verantwortlich für dich! Und ich werde nicht mehr dein Leben leben."
    Es gibt dazu eine gute Körperübung, die das wirksam unterstützt.
    Das muss zum Mantra werden, wirklich. Wenn du das geschafft hast, dann kannst du auch wieder Kontakt haben zum Vater oder wem auch immer.

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  8. Ja das ist mir klar und habe da schon einige Dinge aussortiert, die ich ungefragt übernommen habe und nun festgestellt, dass ich die gar nicht will. Und das die innere Abgrenzung/Loslösung nur geht, wenn real kein Kontakt besteht, weil es mein Vater gar nicht begrüßt, wenn ich eigenständig leben will. Ich muss da erst innerlich so stark werden, dass ich mit ihm wieder Kontakt haben kann ohne das ich wieder in alte Muster falle und seine Dinge übernehme.
    Magst Du mir die Körperübung sagen?

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  9. Im Prinzip schon, aber nicht öffentlich. Die Übung ist ein Teil aus meinem Programm, das ich entwickelt habe. Ich arbeite nicht als Therapeutin, sondern nur als Lehrerin, oder wenn man so will "Coach". Trotzdem sind manche Übungen therapeutisch wirksam, wie viele Dinge aus der Schauspielerei.
    Ich kann dir aber ein Buch empfehlen: "Die inneren Fesseln sprengen" von Phyllis Krystal. Da steht zwar meine Übung nicht drin, aber anderes, was auch hilfreich ist, zumindest als Anregung.
    Liebe Grüsse!

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  10. Ich hätte da vielleicht auch einen passenden Buchtipp, der sich möglicherweise gut mit "Die inneren Fesseln sprengen" ergänzt ... (obwohl, immer diese Bücher ... aber immerhin, der Autor arbeitet selbst als Therapeut), also voila:

    Christof langholf: Ich lasse los.



    PS: Es ist übrigens technisch sehr schwer für mich, hier einen Kommentar zu hinterlassen - mal sehen, ob es heute klaptt ...

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  11. Ja, das stimmt: Immer diese Bücher...;-)
    Vielleicht kannst du deine Therapeutin fragen. Es gibt viele, die eine Zusatzausbildung in einer Körpertherapie haben. Das Klopfen ist nicht alles, was man tun kann.

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  12. @mkh danke für den Tip :-) is das mit der Technik auch bei anderen Blogs? Na hier hats funktioniert :)

    @ Lebenskünstler, die jetzige Thera hat das nicht, hatte Körpertherapie in der Tagesklinik, aber irgendwas stimmte da nicht, konnte mich null drauf einlassen und bekam eher noch mehr Angst als eh schon.

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