Samstag, 12. November 2011

Jenseits der Norm

Hochbegabt und hochsensibel. Ein Buch von A. Brackmann

Also das ich hoch sensibel bin, weiß ich nun zur Genüge. (auch wenn ich es manchmal vergesse und mich wundere warum ich jetzt so nervös und gereizt bin und die Reizüberflutung mal wieder nicht erkenne/wahr haben will.) aber hoch begabt? Ne glaub ich nicht. Für mich heißt Hochbegabung, dass diese Leute z.B. sehr leicht und schnell Klavier lernen oder Mathe schnell kapieren ein ein 5-jähriger Knips Schach spielt.

Also so richtig schlau eben. Das, so sagt man, sind 2-3% der Bevölkerung. 15-20% sind hoch sensibel.

Soweit so gut. Nun wirft die Autorin alles mal in einen Topf: Hochsensible sind auch gleich hochbegabt. Und das finde ich stimmt eben nicht. Es kann sein, dass alle hochbegabte auch hochsensibel sind, aber nicht zwingend andersrum.

Das war dann für mich verwirrend, denn die gute Frau nannte die Eigenschaften der hochsensiblen als die Eigenschaften der hochbegabten. Den Unterschied ließ sie wohl unter den Tisch fallen. Oder ich war zu blöd das richtig zu verstehen.

Was mir gefiel, war ihr Versuch Autismus unter den Aspekt der Hochbegabung zu sehen. Ich finde ja das Thema Autismus sehr interessant, weil ich mich da oft wieder erkenne und in meiner früheren Arbeit einen autistischen Jungen hatte. (im übrigen gibt es auch einen Test, in dem man heraus finden kann, wie hoch der Autismusquotient bei einem liegt)

Desweiteren sah sie die Borderline-Symptomatik ebenso unter dem Licht der Hochbegabung. Dies klang auch verständlich und nachvollziehbar. z.B. das die beschriebenen Symptome von andauernder Leere und Langeweile auch Unterforderung sein könne. Außerdem dass frühe und lang andauernde Traumatisierungen dazu beitragen können, dass man schneller reifer wird. z.B. Mimik gut lesen, um die drohende Gefahr durch Mechanismen (z.B. nicht weinen, reden, flüchten...) abzuwenden.

Außerdem wird aufgezeigt, dass Hochsensibilität eben auch eine Traumafolgestörung sein kann! Viel öfter wird erklärt , dass es vererbbar und angeboren sei und deswegen ganz normal. Die Folgen des Traumas können auch vererbt werden, die Traumatisierung kann auch schon im Mutterleib und/oder bei der Geburt geschehen (gerade bei der Geburt!).

Nun kann man sich natürlich streiten, was zuerst da war: Trauma oder Hochsensibilität? Huhn oder Ei?

Jedenfalls las ich bezüglich Hochsensibilität im Zusammenhang mit Trauma ein wenig im Internet und kam auf eine Seite, wie denn mit so hochsensiblen Kindern umgegangen werden sollte.

Da spielte sich in meinem Hirn folgendes ab: Wie ich eine Tochter hätte, die so ist, wie ich war. Und wie ich mit der umgehen würde. Ein Schwall von Mitgefühl kam in mir hoch und so war es kein großer Schritt, eine Verbindung zu dem inneren Kind-Anteil herzustellen, den ich ja wirklich (also mich) so behandeln kann, ohne dass es eine reale Tochter geben muss.

Das war einfach wunderbar, ein sehr warmes Gefühl!

Was ich absolut nicht ausstehen kann, sind Schubladen. Also Kategorien wie hochbegabte sein könnten. Obwohl sie natürlich dazu schrieb, dass sich die Typen auch untereinander mischen können und man nie ganz rein ein einzigster Typ ist. Mich nerven solche Einordnungen, das ist so amerikanisch. Vor allem weil sie noch dazu schreibt, dass hochbegabte oft Nonkonformisten/Individualisten seien. Und genau sie versucht sie in eine Form zu pressen.

Sie schreibt auch, dass mit steigender Introvertiertheit der Intelligenzquotient steigt. Das klingt für mich ebenso nach Schublade. Ich kenne mehrere Leute die sehr intelligent sind, aber von Introvertiertheit keine Spur zu sehen ist.

Was mir gefiel: Sie beschreibt ihre Haltung gegenüber ihren Patienten (sie ist Psychotherapeutin). Dass es weniger um die Methode gehe. Dass sie ihre Patienten ernst nimmt, selbst authentisch ist und mit dem Menschen gemeinsam neue Lösungen erarbeitet und das auf gleicher Augenhöhe. Sie schafft eine Atmosphäre der Gleichheit, keiner ist besser als der andere. Vielleicht nur anders.

„Dass ein Mensch unter einer seelischen Erkrankung leidet, bedeutet nicht zwangsläufig, dass er weniger bei Verstand wäre als der Therapeut.“

Achja, die Sylvia Plath taucht auch in diesem Buch auf. Erstaunlich wie oft und unterschiedlich ihr Buch Unter der Glasglocke interpretiert wird. (ich selbst habe es noch nicht gelesen). Ich fand Zitate aus dem Buch wieder in anderen Büchern zum Thema Depression, Dissoziation und nun eben Hochbegabung. Was haben alle drei gemeinsam? Man fühlt sich fremd, nicht heimisch in dieser Welt und anders als die anderen.

Interessant ist das Buch allemal, besonders wenn man sich ein wenig Psychologie beschäftigen will. Gut verständlich ist es außerdem.

Kommentare:

  1. Danke für dieses Posting!
    Herzlichst
    Anne

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  2. Ich frage mich in letzter Zeit verstärkt, ob nicht die sogenannten Hochsensiblen völlig normal sind in ihren Reaktionen und die anderen die Hochabgestumpften sind...
    mir ist es nämlich unerklärlich, wie man auf manche Reize, wie z. B. extrem laute Musik, nicht mit Schreikrämpfen reagiert oder einfach davonläuft. Aber vielleicht bleibt für die meisten eben nur der Ausweg Abstumpfung. Und das wird dann als gesund erklärt. Kopfschüttel.....

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  3. Frei nach M.Lütz *wir behanden die Falschen*? Ja, das wär mal was :-)
    Ich kann das oft auch nicht fassen, wenn man Bahnhof ein Zug in voller Fahrt vorbei rauscht, allein das dröhnen der Lok keine 2m entfernt und alle tun so, als wär da nix.
    Während ich mich wegdrehe und die Ohren zuhalte.
    Man kommt eben (anscheinend/bzw.erstmal) weiter, wenn man wie ein Roboter funktioniert.
    Bis sich dieses Denken wieder verabschiedet, wird es noch dauern....

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  4. Oder, wie mein Mann zu sagen pflegt: Wenn alle die gleiche Krankheit haben, nennen sie es Gesundheit! :-))

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