Dienstag, 15. November 2011

Einsam ist man sehr alleine

Wenn mich nicht die soziale Phobie daran hindert am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, dann sind es die fehlenden Mittel.

Es würde mir wirklich gut tun, mehr unter die Menschen zu kommen.
Doch wenn man sich dreimal überlegen muss, ob man sich diese Woche noch eine Fahrt mit der Bahn leisten kann, hat man schon gar keine Freude mehr daran.
Ein kleiner, kurzer (ich bin ja wahrlich sehr genügsam!) Tapetenwechsel würde mir auch mal nicht schaden.
Aber oh weh, wo kämen wir denn hin, wenn die "Hartzler" nun auch noch fröhlich in Urlaub fahren würden? Die sollen gefälligst rund um die Uhr schauen, dass sie aus ihrer Misere heraus kommen (das klingt immer so nach: selber schuld!)

Naja und die Fröhlichkeit ist schon weggefahren und kommt nicht mehr wieder.
So gestern festgestellt.
Zum Glück hab ich zumindest eine Möglichkeit mich kostenfrei unter Menschen zu bewegen: Unsere Selbsthilfegruppe darf in einem noblen Meetingszimmer des 4-Sterne-Hotels residieren, selbstverfreilich mit freien Getränken. Die Anfahrt übernimmt immer eine Freundin, bei der ich mitfahren darf. (die immer fuchsteufelswild reagiert, wenn ich ihr mal einen kleinen Benzinausgleich mitbringe und faucht: ich fahr doch sowieso, ob nun allein oder mit drei Leuten!)

Doch ich saß da: Eher schweigend. Was soll ich nur sagen? Als ob ich langsam das reden verlernen würde. Schrecklich!
Und wenn ich was sagte, kam das so trocken raus, dass alle um mich herum in gröhlendes Lachen verfielen und ich mich wiederum fragte: Was ist daran so lustig? Und konnte so gar nicht mitlachen.
Man sagt ja, dass man für die Komik auch die Tragik braucht. Muss das sein?

Heute morgen, ich rauchte meine erste Zigarette wie immer auf dem Balkon, dröhnte der Laubbläser der hiesigen Gemeinde durch die Straßen. Ein trauriges Bild, wenn die bunten, schönen Blätter so weggefegt werden und nichts als grau-brauner Matsch übrig bleibt, kam mir in den Sinn:
Die Wiesen vom Laub befreit
versinke ich
in der Einsamkeit.

Aus der Wanduhr tropft die Zeit.
Stehst am Fenster. Starrst auf Steine.
Träumst von Liebe. Glaubst an keine.
Kennst das Leben. Weißt Bescheid.
Einsam bist du sehr alleine -
und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.

Wünsche gehen auf die Freite.
Glück ist ein verhexter Ort.
Kommt dir nahe. Weicht zur Seite.
Sucht vor Suchenden das Weite.
Ist nie hier. Ist immer dort.
Stehst am Fenster. Starrst auf Steine.
Sehnsucht krallt sich in dein Kleid.
Einsam bist du sehr alleine -
und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.
Schenkst dich hin. Mit Haut und Haaren.

Magst nicht bleiben, wer du bist.
Liebe treibt die Welt zu Paaren.
Wirst getrieben. Musst erfahren,
dass es nicht die Liebe ist ...
Bist sogar im Kuss alleine.
Aus der Wanduhr tropft die Zeit.
Gehst ans Fenster. Starrst auf Steine.
Brauchtest Liebe. Findest keine.
Träumst vom Glück. Und lebst im Leid.
Einsam bist du sehr alleine -
und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.
Erich Kästner 1947

http://www.gegen-hartz.de/
Eine übersichtliche Seite mit aktuellen Infos über Harzt4 (auf der rechten Seite kann man den Newsletter bestellen, 1x die Woche erfährt man so alle Veränderungen, Erneuerungen, Gerichtsurteile ect.!)




Kommentare:

  1. Ein verdammt, wahres Gedicht....hab grad Gänsehaut bekommen.

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  2. ja es sind viele wahre tatsachen in den gedicht

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