Sonntag, 4. September 2011

Einmal oben, immer oben?

Oder einmal unten, immer unten?
Selten geht ein Kind aus einer einfachen Arbeiterfamilie auf's Gymnasium.
Oder ein Kind aus reichem Hause auf die Hauptschule.

Ist Bildung wirklich alles?
Schafft es der Tellerwäscher zum Millionär?

Ich fand diese Reportage "Das Märchen vom sozialen Aufstieg" (2 Teile) sehr interessant.


Ich glaube allerdings weniger, dass es am ungerechten Bildungsystem liegt, sondern an dem "Familienklima". Wer jeden Cent umdrehen muss und die Kinder aus lauter Überforderung eher nebenher laufen lässt, hat andere Sorgen, andere Werte, eine andere Weltsicht, als der gut situierte.

Wer als Vater/Mutter selbst studiert hat und (emotionalen) Zugang zu z.B. Kunst und Literatur hat, wird sein Kind eher in den Klavierunterricht schicken.

Natürlich gibt es überall die Gegenläufer. Die wollen das was die Eltern ihnen vorlebten auf gar keinen Fall wiederholen.

Wenn ich so auf meine Familie schaue, da gab es viel Krankheit, viel Armut, viel Sucht, viel Gewalt und das unausgesprochene Verbot: werd auf gar keinen Fall besser als wir!
Oft ging es wirklich um das nackte überleben und so kann mein Vater nicht schwimmen, meine Mutter nicht Auto fahren und meine Oma hatte mit Müh und Not gerade mal lesen und schreiben gelernt, mehr auch nicht.

Wie ist das bei Euch?
Aus den vorgegebenen Spuren ausgebrochen oder den Weg der Eltern (bewußt/unbewußt) gefolgt?

Kommentare:

  1. Meine Freundin ist Lehrerin, ihr Kind geht auf die Hauptschule. Ein positives Beispiel, dass die Mutter nach den Fähigkeiten ihres Kindes gegangen ist und nicht nach dem "ich habe studiert, Du MUSST auch aufs Gymnasium" Prinzip.

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  2. Viele Kinder erfüllen die Träume ihrer Eltern unbewusst. Kann manchmal auch eine Art Fremdbstimmung sein. Ich denke, mein Vater wäre stolz auf mich, auch wenn ich nicht studiert habe und kein Latein in der Schule hatte. Aber: I did it my way - und das hätte ihm auf jeden Fall gefallen.
    Dass es Eltern gibt, die denken, dem Kind soll es mal auch nicht besser gehen, das liegt daran, dass sie sich, gesetzt den Fall, das Kind würde es schaffen, sich selbst noch minderwertiger fühlen würden. Denn das Kind hätte ja dann bewiesen, dass man es kann, wenn man will und dass alles nur an einem selbst liegt und wir die Schuld niemandem zuweisen können, weil wir selbst für unser Schiksal letztlich verantwortlich sind. So, das war mein Wort zumSonntag

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  3. Den eigenen Weg gehen ist aber auch nicht immer möglich - mit Hartz IV Musikunterricht oder Kunstkurse zu bezahlen - ist heutzutage kaum möglich.

    Oft scheitert es schon am Sportverein oder daran dass die Kinder da ja auch hin müssen (fehlendes Auto).

    Aber auch: ohne Gymnasium deutlich schlechtere Berufschancen - und damit so viel Druck und Zwang - in einem Alter wo es für Kinder eh schon schwierig ist.

    Ausbrechen ist möglich - ja - aber nur wenn das Kind da wirklich auch die (innere) Stärke hat für zu kämpfen (wozu es auch ein gewisses Alter braucht wenn keine Familie da ist die es unterstützt) oder eine Familie die auch über den eigenen Tellerrand hinausschaut.

    Selbst erlebt war es eher so, dass wir untere Mittelschicht waren, die Mutter aber gerne Oberschicht gewesen wäre und deshalb klar war - ich muss Abi machen (und beim kleineren Bruder die Steigerung - der wird Arzt oder Anwalt - da war er grad mal 6 Monate alt).

    Aber auch bei den Kindern meines Bruders - wo der Jüngere, der immer 1ser-Schüler war - trotzdem die Lehre als Automechaniker machen durfte die er so gerne machen wollte (auch wenn sich die Eltern mehr erwünscht hatten) - die einzige Auflage die von denen kam war, dass er die Lehre in einer Stätte macht wo er später Aufstiegschancen hat wenn er sie denn möchte (da er ja als 1ser-Schüler von allem mit Handkuss genommen wurde) und nicht in einer "Hinterhofwerkstatt".

    Es ist möglich - wenn das Kind ein eigenständiges Wesen sein darf, ein Individuum - und darin auch bestärkt wird.

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  4. Meine Eltern haben mich (und meine Schwestern) gelenkt, aber nie gegängelt. Und das war wichtig für uns. Wir haben alle 3 nicht studiert, aber wir haben unseren Platz im Leben gefunden. Meine Mutter war immer stolz auf ihre intellegenten Töchter, weil sie als junges Mädchen nie die Chance hatte, jemals einen richtigen Beruf zu erlernen (Kriegskind).
    Und doch bemerken wir, dass wir die "Lebensideale" unserer Eltern irgendwie leben.
    Ein Beweis, dass die Lebenweise unserer Eltern uns doch geprägt hat......obwohl wir das als junge Mädels niiiiieeeemals wollten.
    Wie schwer das Lenken ohne zu Gängeln ist, bemerke ich jetzt am eigenen Sohn.

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  5. Meine Voraussetzungen waren etwa so wie Deine, ich komme wirklich aus der alleruntersten Schicht (Eltern totgesoffen, Rest der Familie bekennende EnPeDe-Wähler ud B*LD-Leser) und habe zwei Mal studiert, was wirklich hart war, weil ich zur Finanzierung nebenbei immer arbeiten musste (abends/nachts/Wochenende). Daß die "Familie" stolz auf mich ist, erwarte ich schon lange nicht mehr, stattdessen werfen sie mir hinterrücks hier und da nochmal ein Stück Scheiße an die Hacken, weil ich ja "was Besseres" bin. Traurig, wirklich.

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  6. Interessante Fragen.

    Ich komme auch aus einer Arbeiterfamilie. Meine Eltern wollten immer etwas "mehr" für ihre Kinder, weil sie uns einfach ein leichteres Leben wünschten. Das taten sie, ohne allzu viel zu gängeln.

    Gerade heute sagte mein Vater zu mir, mein Bruder hätte bestimmt erfolgreich Musik machen können, wenn er sich da mehr reingehängt hätte. Mein Bruder macht zwar privat Musik, aber er hat eigentlich einen harten (Studium der Elektrotechnik) gewählt udn geht heute einem soliden Beruf nach. So wie ich. Ich würde nicht sagen, dass ich unendliche soziale Stufen empor geklommen wäre, aber ich habe mir das, was ich jetzt habe, hart erarbeitet. Ich habe auf dem zweiten Bildungsweg studiert um im Rahmen einer Bestenauslese das Studium von meinem Arbeitgeber finanziert bekommen. Das war natürlich ein Studium unter optimalen Rahembedingungen. Aber dafür habe ich vorher auch 10 Jahre lang alles gegeben.

    Was die Familiengründung angeht, sind mein Bruder und ich erstaunlicherweise beide andere Wege als meine Eltern gegangen. Wir haben beide keine Familie.

    Im weiteren Verwandtenkreis geht es auch eher "schlicht" zu. Aber die würden trotzdem sofort springen, wenn bei mir (der Cousine, die sich anscheinend für etwas besseres hält) Not am Mann wäre. Das ist eigentlich ganz cool.

    Im Übrigen: es gibt diese Fälle ja tatsächlich, in denen es gelingt, sich von dem zu lösen, was einem vorgelebt wurede. Als ich im Sozialamt arbeitete, habe ich mich immer gefreut, wenn Kinder aus Sozialhilfedynastien ihre Schule beendeten oder gar eine Ausbildung abschlossen.

    Aber - das muss ich wirklich sagen - es war sehr selten. Es hat ihnen ja auch wirklich niemand vorgelebt, wie das geht. Und die Erfahrung, dass es ja eigentlich auch ohne irgendwie geht, ist ihnen in die Wiege gelegt worden.

    Die Chancengleichheit kann m.E. durch Bildungssysteme gefördert werden, aber das Umfeld macht mind. genauso viel aus.

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  7. Wir waren nicht sonderlich reich, kamen aber finanziell über die Runden. Mein Vater war Arbeiter, meine Mutter Sekretärin. Meinem Vater war in meiner Erziehung das meiste wohl ziemlich egal, gelenkt wurde ich von beiden wenig bis gar nicht. Aber meine Mutter hat mich gefördert, wo es nur ging. Dank ihr habe ich mit 4 lesen und schreiben gelernt, war während der Grundschule eine beliebte Einserschülerin mit Tendenzen zur Klassensprecherin, mit 6 gabs Blockflötenunterricht, mit 8 Keyboard und Schwimmverein, mit 9 E-Orgel. Ich war extrem schüchtern, und sie wurde nicht müde, daran zu arbeiten, mir Selbstbewusstsein einzutrichtern.
    Als meine Mutter dann starb, war ich erstmal auf mich allein gestellt, mein Vater war mit der Alleinerziehung überfordert. An Liebe hat es nicht gemangelt, aber am Antrieb. Dadurch kam mir vieles abhanden, vor allem das Interesse an der Schule, aber auch an der Musik. Mein Schulabschluss war mittelmäßig, mein Berufsschulabschluss grauenhaft. Heute ärgere ich mich darüber, denn die Zeugnisse versauen mir viele Möglichkeiten, aber ich weiß, dass mir bis heute die Power fehlen würde, mich durchzubeißen, wenn ich niemanden habe, der mich unterstützt und antreibt.
    Ich bin ein Mensch geblieben, der viel Motivation und Anerkennung von dritten braucht und nur wenig Selbstbewusstsein hat, für seine eigenen Interessen einzustehen. Das habe ich zu Hause nie gelernt. Wäre meine Mutter noch da, vielleicht...
    Daher denke ich auch, dass das Umfeld wirklich sehr sehr viel ausmacht. Man sollte einem Kind in jedem Fall jede Möglichkeit geben, sich selbst immer wieder neu zu erfinden, sich selbst zu fördern, sein Interesse für neue Horizonte wecken, ihm Selbstbewusstsein, Streitkultur und Empathie beibringen. Das sind aus meiner Sicht die wichtigsten Elemente, die es braucht, um im Leben etwas zu erreichen. Und dafür brauchts nicht unbedingt viel Geld.

    LG
    Urmel

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  8. Vielen, vielen Dank für Eure offenen Anworten! Freut mich sehr :-)
    Teils erschreckend, teils berührend, wie es so zugeht.
    Den Satz meiner Mutter: "Lieber nen guten Hauptschulabschluß als ein schlechter Realschulabschluß" kann ich ihr nicht verzeihen. Weil sie anscheinend gar nicht daran dachte, dass ich auch einen guten Realschulabschluß geschafft hätte.
    Und den hab ich. Jetzt. Ich hab es auch nachgeholt, weil es mir wichtig war.
    Aber sonst? Was ich gern mache? Wo meine Talente liegen..usw. da herrschte immer schweigen.

    Ja, geht ja irgendwie. Aber nicht sehr befriedigend.
    Ich hab als Kinder-und Familienpflegerin auch beides erlebt: Den übermäßigen Drill und die Vernachlässigung.
    Und jetzt im Freundeskreis die Mitte: Die Kinder durften studieren, teils sehr lange und wurden unterstützt, obwohl die Eltern sehr einfache Arbeiter sind. Und das freut mich.

    Zu erkennen, dass ich jetzt frei entscheiden kann, egal was meine Eltern/Schwester dazu sagen, find ich immer noch schwer. Mich zu lösen. Weil auch immer viel Neid daher kommt, wenn ich "mehr" will oder was besseres machen möchte.

    Liebe Grüße!

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