Mittwoch, 21. September 2011

Daumen los lassen

Mittwoch morgen:
Die Nebelschwaden ziehen am Fenster vorbei, mir ist sauschlecht. Trotzdem würge ich das Frühstück hinunter, weil ich sonst spätestens in der Bahn umkippe.
Meine Hände zittern so sehr, dass ich die Kaffeetasse mit beiden Händen halten muss.
Die Frisur sitzt und gleich geht's zur ultimativen Entscheidung:
Wie geht's mit mir weiter?

Noch schnell eine rauchen, bis es los geht. Es geht aber nur das Telefon los:
"Hallo Frau Regenfrau, das Gutachten vom Amtsarzt ist noch nicht da, wir verschieben den Termin!"
FUCK!
Ich will wissen, was los ist. Ich will das morgen mit der Therapeutin besprechen, weil die dann für 2 Wochen im Urlaub ist. Ich will....
Die Schweine, die lassen mich doch mit Absicht so schmoren! Und ich frag noch, wie lang das dauert. Antwort: "Ach, das ist gleich bei denen."
Soso. Lügner! Idioten!

Wie oft, saß ich früher in meiner Arbeit und wünschte mir nix sehnlicher als frei zu haben. Draußen herum zu laufen. Daheim im sicheren Nest zu hocken. Meine Zeit frei einzuteilen. Nicht immer sich um andere kümmern müssen...
Und jetzt wo die Rente ins Gespräch kam, bekam ich Panik:
Will ich nicht! Auch nicht befristet!
Das Problem: Ich geb sehr schnell nach. Gestern dann die absolute Resignation: Sollen die doch mit mir machen was se wollen. Von mir aus auch Rente, dann muss ich keinem Chef mehr in Arsch kriechen, nicht früh aufstehen, mich abschuften, und nur in den mickrigen 6 freien Urlaubswochen wirklich leben.

Das weitere Problem in Sachen Arbeit: Ich bin übergewissenhaft, was dazu führt, dass ich mich regelmäßig regelrecht aufarbeite und zusammen klappe. Ich kann nicht einfach nur einen Job machen. Ich muss ihn perfekt machen!
Fehler waren früher untragbar. Mich haben die Schuldgefühle fast umgebracht.
Und ich hasse Fremdbestimmung. Da bekomm ich so große Angst, dass ich meine Sachen packe und abhaue.

Abhauen. Genau, das wär's. Wenn ich Rente bekomm. Schnapp ich mir nen bunten VW-Bus und schau mir die Welt an und und bleibe nur da, wo ich will.
Mich wegträumen. Auch das ein Überlebensmechanismus.
Ist okay, solange ich das nicht in die Tat umsetze.(was ich früher gern tat und schon einmal alles hinter mir ließ)

Also verschlang ich gestern am Nachmittag 236 Seiten: Nächsten Sommer. Ein Buch das nach Aufbruch schmeckt. Nach Abenteuer. Ein sehnsuchtvolles und witziges Roadmovie. Und mit verdammt vielen Ähnlichkeiten aus meinem Leben: der Freund mit Spitznamen Dio, der Heizungskeller, der Typ der behinderte Kinder fährt und ihm der autistische Bub besonders am Herzen liegt, die CD von Cat Power, die sie hören (und ich die Frau erst vor kurzem hörte und für toll befand!)die Sehnsucht nach mehr, der Frage was das Leben eigentlich ist und wozu man selbst da ist.
Können es so viele Zeichen sein? Oder ist das nur Zufall?!

Nur, dass ich keinen Onkel habe, der mir ein Haus in Frankreich vererbt.

Und weil ich schon so im träumen bin und mir vorstelle, wie das dann wird (was will ich denn hier noch, eingepfercht in der Miniwohnung..usw) muss auch gleich der Film Into the wild mal wieder geguckt werden. Gänsehautkino.

Ich weiß nicht was ich mache....nächsten Sommer. Es wird sich zeigen.

Und ihr seht mich als Punkt
am Horizont verschwinden,
um ein Stück weiter hinten,
mich selbst zu finden.
Thomas D.

Kommentare:

  1. das ist mist.

    Wäre es vielleicht eine Option, dass deine Therapeutin bei der Gutachterin anruft und fragt was sie geschrieben hat? Auch sagt, dass es für dich schwierig ist und sie dann in Urlaub und deshalb wichtig wäre wenigstens zu wissen in welche Richtung es geht?

    Ich denk fest an dich

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  2. Hm.. mir geht das leider genau so. Dieser Zwang alles perfekt machen zu wollen. Wo ich jetzt 2 Tage gearbeitet habe, meine Kolleginnen haben unendlich gequasselt. Ich habs beneidet, aber es viel mir sehr schwer, das auszuhalten und nicht zur Arbeit zu drängen. Und auch dieses Fremdbestimmtsein. Es fällt mir ja schon am schwersten, dass ich nicht einfach gehen kann, wann ich will. Aber Rente fände ich gut, wenn ich denn Rente bekommen würde. Obwohl es andererseits auch deprimiert. Aber im Grunde ist es ja eine Formsache. Das Problem ist nur, dass ich so wenig bekommen würde, da wäre ja Hartz 4 noch mehr. Wie sieht das denn aus bei dir? Könntest du davon leben? Und könntest du daneben immer noch deine Jobs auf 400 Euro Basis ausführen? Als ich arbeiten mußte, habe ich mich auch nach Freizeit gesehnt.. und dachte, ich kann damit unendlich was anfangen. Was wollte ich nicht alles machen. Aber das entsprechende Geld muß man für vieles halt auch haben. Viel Glück!

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  3. @ Ilana, DANKE das war eine super Idee! Die Thera versucht es, meinte aber, dass die Gutachterin wohl kaum am Tel. Auskunft gibt. Stimmt auch. Aber wir haben es versucht (mehr erfahr ich evtl. morgen) und das half schon aus diesem Gefühl der Ohnmacht! Genug geheult hab ich jetzt auch und die Radlrunde tat auch gut :-)
    Darf ich fragen wie das bei Dir war? Hast für oder dagegen gekämpft? Warst Du froh? Wie ging es Dir mit Thema Rente?

    @ Tina ich hab die Leute in der Klinik nie verstanden die sich gegen Rente wehrten. JETZT kann ich das. Das ist mehr als eine Formsache (für mich). Wer stellt einen danach noch ein, wenn man ausgenockt war als arbeitsunfähig? Und ach ganz viel, spielt sich da in meinem Hirn ab...ich hab eine ganz starke Seite in mir, die dem Arbeitsleben eh schon abgeschworen hat und sehr gern total alternativ leben würde (was mir dann die Obdachlosigkeit brachte)...davor hab ich einfach angst.

    Nö, leben könnte ich von reiner EU-Rente nicht, dann gäbe es zusätzlich die Grundsicherung, ich glaube die Höhe des Existenzminimums. Also so in etwa was ich jetzt Hartz4 hab.

    Die Jobs sind keine ganzen 400,- sondern weniger.
    Soweit ich das verstanden habe, geht nur Rente plus Minijob. Oder Rente plus Grundsicherung. Alles drei nich.

    LG

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  4. Das hast Du schon selbst erkannt.
    Rente ist Flucht.
    Ein Leben lang ein Flüchtling sein, ist doof.

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  5. Wär ja erstmal befristet.
    Andererseits gäbe mir das Zeit und Raum sehr intensiv die Therapie zu machen.
    Wer weiß was kommt...
    Und wenn ich Flüchtling bleiben soll, dann is das so.

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  6. Du liebe, meinte es auch nicht vorwürfsvoll - könnte man so lesen.

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  7. och die Rente - musste beantragt werden weil das Arbeitsamt es so wollte und wurde genehmigt obwohl wir nicht damit gerechnet hatten.

    Aber bei mir läuft das anders, weil ich nicht zum Gutachter kann (Retraumatisierung) und daher Gutachten bestehen, dass ich nicht begutachtungsfähig bin.

    Es war ein Schock - ich hab 6 Jahre gebraucht um mich damit abzufinden und noch heute hab ich da ab und an Probleme mit, bin aber überwiegend froh drüber, weil das Geld halt einfach sicher kommt.

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  8. danke Schmedderling, stimmt ich höre zu oft Vorwürfe raus. Alles gut :-)

    Liebe Ilana, verstehe das sehr gut. 6 Jahre? Uff. Ist das noch befristet bei Dir?

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  9. Noch was: Die Thera rief bei der Gutachterin an, wie erwartet durfte die nix sagen. Aber meinte, dass sie es - wie vereinbart- am nächsten Tag weg schickte. Also hängt es nun am Arbeitsamt. Gut zu wissen, wenn ich da nachfrage.

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  10. Hm. Ja ich wäre auch hin und hergerissen wohl. Irgendwie ist man so abgestempelt. Arbeitsunfähig. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich dann auch so fühlen würde. Vielleicht wollte ich mich auch überzeugen mit der Formsache. Also ob diese Bewertung von außen meine Selbstbewertung beeinflusst. Schade, also wenn du daneben noch nen 400 Euro Job haben könntest, wäre es besser. Und auch sinnvoller in meinen Augen. Ich war auch schon mal bei so einem Gutachter und hab auch geheult. Der sagte mir, dass ich arbeitsunfähig sei. Ich hab gleich geheult und mich später bei meinem Therapeuten ausgeheult. In dem Gutachten stand nachher aber, Teilzeit geht und keine Schicht etc. Keinen Plan, wieso. Ich hab dann ja auch Teilzeit gearbeitet etwas später und es klappte lange ohne Probleme.

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  11. Naja Schicht is ja noch mal belastend.
    Aber vielleicht könntest Du die erwerbsgeminderte Rente beantragen, und Teilzeit arbeiten wenn der das damals eh schrieb. Und somit wär es finanziell auch etwas besser.

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