Donnerstag, 14. Juli 2011

Therapie

Verschmitzt grinsend öffnet mir meine Therapeutin die Tür: Antrag statt gegeben! 50 Stunden!

Uff, das ist sehr erfreulich, weil wir nun richtig einsteigen können. Die letzten Stunden ging es ja eher um Information, wie es um mich steht, welche Themen dran wären, um die Bedingungen im Außen (Job, Wohnung, Beziehungen...).
Es wird nun viel um alte Geschichten gehen. Meiner Geschichte. Zu vieles wurde da nur zugedeckelt, damit ich irgendwie (über-)leben kann. Der Deckel kommt weg, wir schauen hinein und überlegen, was wir damit nun machen.
Kommt aktuelles schwieriges dazu, hat das immer Vorrang. Wenn es JETZT brennt, kann ich mich nicht mit alten belastenden Sachen auseinander setzen.
Auch klar.

Das gute ist ja, die Thera kennt mich schon aus 10 Wochen Tagesklinik, wir müssen eh nicht bei 0 anfangen.
Heute erzählte ich ihr wieder ein Stück mehr von dem Verhältnis zu meinem Vater.
Ihre Antwort: Wissen Sie, wenn beide Eltern nicht verfügbar waren, übernimmt das Kind eine Versorgerrolle. Es tut alles, damit das wackelige Gefüge noch irgendwie zusammen bleibt, denn es ist ja auf die Eltern angewiesen. Aber das Kind hat weder die passenden Möglichkeiten zur Verfügung, noch die emotionale Reife, um diese große Aufgabe zu meistern. Es wird komplett überfordert.
(Diese Rolle hab ich vermutlich deswegen übernommen, weil ich sehr viel bei anderen erspüre und es damals als meine Aufgabe sah, die Familie zusammen zu halten. Es ist keine Frage von Schuld oder so. Ich war einfach sensibler als meine Schwester, die da viel schroffer und abgegrenzter ist)

Das ist mir nicht neu, das hab ich schon einmal gelesen.(z.B. bei Josef Giger-Bütler) Es ist aber etwas ganz anderes das aus ihrem Mund in Bezug auf meine Geschichte zu hören. Es tut gut, so wahrgenommen zu werden, wie es war und meine Rolle darin. Und es tut weh, dass es wirklich so chaotisch, schrecklich und einfach zuviel war.
Dass ich mich komplett hinten an gestellt habe, um für die Familie da zu sein!


Heute ist es anders. Meine Eltern sind geschieden, jeder lebt sein Leben und auch ich bin nicht mehr von ihnen abhängig. Nur mein Kind-Ich weiß das noch nicht und fühlt immer noch die existenzielle Bedrohung: Wenn ich jetzt auch noch mit Problemen komme oder an mich denke und nicht tröste, zuhöre, andere unterhalte, dann passiert was schlimmes!

Erfreulicherweise wurde in den letzten 2 Jahren auch mein Erwachsenen-Ich stärker und kann sich schon gut abgrenzen: ich mach meinen Stiefel und ihr den euren-basta! (mal mehr mal weniger)

Der Kampf um die Ablösung ist richtig schwer. Denn mein Vater weiß, welche Knöpfe er drücken muss, damit ich wieder springe und ihn nicht "allein" lasse. Ein Zwiespalt: ich soll klein und lieb und von ihm abhängig bleiben (verdien ja nicht dein eigenes Geld und bleibe immer in meiner Nähe wohnen!) und gleichzeitig für ihn sorgen: es kommen ganz klar Fragen: was würdest du da machen?..oder ihn trösten oder seine Einsamkeit vertreiben.

Wirklich schade ist nur, dass meine Eltern überhaupt nicht ahnen, wie sehr ich für sie da war und meine Bedürfnisse, Wünsche, Sorgen so sehr verdrängt habe (haben müssen), dass ich sie heute erst mühsam wieder suchen muss. Zu sehr hängen beide in Abwehrmechanismen und Sucht fest. MEMO an mich: es ist auch nicht (mehr) meine Aufgabe ihnen schon wieder etwas zu erklären oder immer noch glauben zu wollen, dass sie einmal EINMAL wirklich für mich da sein können und mich verstehen.

Damit die Erwachsene für mein Kind-Anteil da sein kann und in der Kraft und Stärke bleiben kann, werden wir hier EMDR einsetzen, um die innere Kommunikation zu stärken.
Ich bin sehr gespannt!

Kommentare:

  1. ich freu mich sehr dass deine Stunden genehmigt worden sind :) - und doppelt schön ist, dass ich heute auch das "weiter" der Therapie bekommen hab (wirds noch einen Artikel zu geben, muss das noch "ankommen" lassen bei mir)

    Auf eine gute Zusammenarbeit und ein gutes Weiterkommen - das wünsch ich dir sehr :)

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  2. Das hört sich echt gut an und ich wünsche dir dass es weiter geht mit innerlicher Kraft es umzusetzen. Das vertrauenverhältnis ist da.
    Nah da ist ein Stein gepurzelt dass die Stunden bewilligt sind jetzt.
    Ich habe 9 Jahre EMDR gehabt und ich bin froh dass ich das gemacht habe.
    Liebe Grüsse Elke

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  3. Das paßt ja, liebe Ilana :-)
    Dir wünsch ich auch einen erfolgreichen Weg!

    Liebe Elke, 9 Jahre? Wie bekommt man sowas bezahlt? Dachte auch, dass das EMDR noch gar nich so lange angewendet wird.
    Der Stein is eher aus dem Grund gepurzelt, weil ich heute wirklich die Verantwortung ggü. meinem Vater abgeben konnte (vielleicht hält das mal ein paar Tage mehr).
    Liebe Grüße

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  4. Das ist wirklich toll! Wir kennen das gut wenn man darauf wartet Therapie bewilligt zu kriegen! Bei unserer jetzigen Therapeutin haben wir das Glück das sie Ärztin ist und somit z.B. die 2 Jährige Pause anders abrechnen konnte und wir keine Zwangspause machen mussten.

    Wir wünschen einen guten weiteren Weg und das die Abgabe der Verantwortung sich festigt und stabilisiert!
    Herzliche Grüße
    anja und co

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  5. Danke Dir Anja, merke heute erst, wie es mich doch erleichtert, dass es nun bewilligt ist. ;-)
    Alles Gute auch Dir!

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