Dienstag, 5. Juli 2011

Ein kleines Spiel

Gestern abend mich mit einer anderen Sozialphobikerin unterhalten. Und wenn man einmal seine Eigenheiten und Gedanken laut ausspricht, hat das schon was komisches.
Wie bescheuert denk ich mir, mir das Leben selber so schwer zu machen!
Ich denke an Woody Allen der alte Neurotiker und glaube, dass man als hoch ängstliche Person auch einen ziemlich schwarzen Humor hat (haben muss um das zu überleben?).
Jedenfalls ist es immer wieder unglaublich was mir durchs Hirn rattert, wenn ich mich aus der Haustür begebe:
Sieht mich jemand? Was denkt der über mich? Jetzt nicht stolpern oder blöd gucken! Nicht zittern und aufrecht gehen!
Der Sozialphobiker kann nicht einfach etwas entspannt tun. Alles wird zerdenkt.

Als ich so mit dieser netten Dame im lauen Sommerabend stehe und plaudere, erzähle ich ihr von meinem neuen Spiel:
Immer wenn ich irgendwo stehe oder gehe und andere Menschen sind um mich herum und ich merke, dass ich mich sehr unwohl fühle, fange ich an, mir auszudenken, was diese Menschen für Probleme haben könnten! (die Dame hats vor lachen fast zerrißen :-))
Somit konzentriere ich mich nicht nur auf mich. Die De-reflexion die V. Frankl beschrieben hat, tut wahrlich gut!

Meine Phantasie überschlägt sich fast:
Der könnte sich immer ekeln, wenn er Geld anfassen muss, die hat Minderwertigkeitskomplexe wegen ihrer Nase, dort die Frau ist vielleicht alleinerziehend und verkauft ihren Körper damit sie überleben kann, der Afrikaner ist illegal hier und muss immer bangen entdeckt und abgeschoben zu werden, dort der Kerl ist vielleicht vor einer Woche aus dem Knast entlassen worden, dem alten Mann ist gestern seine Frau weggestorben, der S-Bahnfahrer hat heute seinen ersten Arbeitstag nach langer Krankmeldung, weil ihm vor ein paar Monaten ein Mensch vor den Zug gehüpft ist...usw.

Und schwupp merke ich, wie ich leichter werde und spüre: Jeder hat sein Päckchen und oft trügt der Schein den die Leute ausstrahlen. Somit fühle ich mich verbundener mit den anderen Menschen und fühle mich weniger als Alien oder Aussätzige!

Kommentare:

  1. Wow - die Idee ist klasse - vorhin gleich ausprobiert - vielen vielen Dank dafür!!!!!!

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  2. Das freut mich sehr!
    Herzlichste Grüße :-))))

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  3. danke für deinen kommentar bei mir :)

    ich bin wegen meiner medikamente natürlich dieses jahr und vllt auch nächstes jahr noch nicht in der lage, den jakobsweg zu gehen.

    aber ich werde es tun, da bin ich mir ganz sicher, es ist mit mein größter wunsch :)

    meinst du nicht, dass es dir auch irgendwann körperlich besser gehen wird, sodass du das in angriff nehmen kannst?

    und ich glaube fest, dass es der psyche auf diesem weg besser gehen wird... dass dieser weg einen sehr stark machen kann...

    außerdem habe ich schon von vielen kranken und sogar sehr alten menschen gelesen, die den camino oder einen teil davon gehen, die schaffen es auch, weil sie es wollen :))))

    also hol' diesen wunsch bitte irgendwann wieder hervor ;)

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  4. Mit der Sozialphobie beschäftigt ich mich auch schon ewig. Ich sag mir dann immer, es gibt keine Menschen, die selbstbewußt sind. Alle haben Selbstzweifel. Mal mehr und mal weniger.
    Und je arroganter, je kühler, desto kleiner ist der Mensch.

    Ich grüße Dich lieb.

    Deine Tini

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  5. Der Jakobsweg bleibt in meinem Hinterkopf keine Sorge ;) Und wenn dann würd ich eh lieber den nördlicheren Weg gehen, der is zwar etwas anstrengender aber näher am Meer!!! Die Ausrüstung hab ich schon zusammen, weil ich schon mal in Spanien mit Rucksack und zu Fuß unterwegs war ;)

    TINI!!!!!!! *umknuddeln* schön von Dir zu lesen *hüpf* ;)
    Ja ich hab in meinem Bekanntenkreis so einen Prahlhans und frag mich da auch immer, ob er in Wirklichkeit nicht auch richtig viel Angst hat.

    Liebste Grüße!! ^^

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