Sonntag, 26. Juni 2011

Bitte höre, was ich nicht sage

Diese Zeilen kursieren schon lange im Internet. Es ist von einem unbekannten Studenten. Seit Jahren les ich es, immer wieder, meist dann, wenn ich mich wieder in so einer Zwickmühle befinde:

Keine Kraft mehr, die Masken aufrecht zu halten. Keinen Mut, die Masken fallen zu lassen. Ich laufe davon, vor anderen und vor mir selbst.

Mal wieder. Das wurde mir heute morgen in aller Frühe bei einem stillen Regenspaziergang klar.

Zurück zum Start. Ohne 4000 €uro einzuziehen.

Bitte höre, was ich nicht sage!

Laß Dich nicht von mir narren. Laß Dich nicht durch das Gesicht täuschen, das ich mache, denn ich trage Masken, Masken, die ich fürchte, abzulegen. Und keine davon bin ich. So tun als ob ist eine Kunst, die mir zur zweiten Natur wurde. Aber laß Dich dadurch nicht täuschen. Ich mache den Eindruck, als sei ich umgänglich, als sei alles heiter in mir, und so als brauchte ich niemanden. Aber glaub mir nicht! Mein Äußeres mag sicher erscheinen, aber es ist meine Maske. Darunter bin ich, wie ich wirklich bin: verwirrt, in Furcht und allein. Aber ich verberge das. Ich möchte nicht, daß es jemand merkt. Beim bloßen Gedanken an meine Schwächen bekomme ich Panik und fürchte mich davor, mich anderen überhaupt auszusetzen.

Gerade deshalb erfinde ich verzweifelt Masken, hinter denen ich mich verbergen kann: eine lässige Fassade, die mir hilft, etwas vorzutäuschen, die mich vor dem wissenden Blick sichert, der mich erkennen würde. Dabei wäre dieser Blick gerade meine Rettung. Und ich weiß es.

Wenn es jemand wäre, der mich annimmt und mich liebt... Das ist das einzige, das mir Sicherheit geben würde, die ich mir selbst nicht geben kann: daß ich wirklich etwas wert bin. Aber das sage ich Dir nicht. Ich wage es nicht. Ich habe Angst davor.

Ich habe Angst, daß Dein Blick nicht von Annahme und Liebe begleitet wird. Ich fürchte, Du wirst gering von mir denken und über mich lachen. Und Dein Lachen würde mich umbringen. Ich habe Angst, daß ich tief drinnen in mir nichts bin, nichts wert, und daß Du das siehst und mich abweisen wirst.

So spiele ich mein Spiel, mein verzweifeltes Spiel: eine sichere Fassade außen und ein zitterndes Kind innen. Ich rede daher im gängigen Ton oberflächlichen Geschwätzes. Ich erzähle Dir alles, was wirklich nichts ist, und nichts von alledem, was wirklich ist, was in mir schreit; deshalb laß Dich nicht täuschen von dem, was ich aus Gewohnheit rede.

Bitte höre sorgfältig hin und versuche zu hören, was ich nicht sage, was ich gerne sagen möchte, was ich aber nicht sagen kann. Ich verabscheue dieses Versteckspiel, das ich da aufführe. Es ist ein oberflächliches, unechtes Spiel. Ich möchte wirklich echt und spontan sein können, einfach ich selbst, aber Du mußt mir helfen. Du mußt Deine Hand ausstrecken, selbst wenn es gerade das letzte zu sein scheint, was ich mir wünsche. Nur Du kannst mich zum Leben rufen.

Jedesmal, wenn Du freundlich und gut bist und mir Mut machst, jedesmal, wenn Du zu verstehen suchst, weil Du Dich wirklich um mich sorgst, bekommt mein Herz Flügel, sehr kleine Flügel, sehr brüchige Schwingen, aber Flügel!

Dein Gespür und die Kraft Deines Verstehens, geben mir Leben. Ich möchte, daß Du das weißt. Ich möchte, daß Du weißt, wie wichtig Du für mich bist, wie sehr Du aus mir den Menschen machen kannst, der ich wirklich bin, wenn Du willst.

Bitte, ich wünschte Du wolltest es. Du allein kannst die Wand niederreißen, hinter der ich zittere, Du allein kannst mir die Maske abnehmen. Du allein kannst mich aus meiner Schattenwelt, aus Angst und Unsicherheit befreien, aus meiner Einsamkeit.

Übersieh mich nicht. Bitte übergeh mich nicht! Es wird nicht leicht für Dich sein. Die langandauernde Überzeugung, wertlos zu sein, schafft dicke Mauern.

Je näher Du mir kommst, desto blinder schlage ich zurück. Ich wehre mich gegen das, wonach ich schreie. Aber man hat mir gesagt, daß Liebe stärker sei als jeder Schutzwall und darauf hoffe ich.

Wer ich bin, willst Du wissen? Ich bin jemand, den Du sehr gut kennst und der Dir oft begegnet.

Kommentare:

  1. Als Schauspielerin mit einiger psychologischer Erfahrung kann ich dir sagen, dass wir Menschen immer viele sind. Die Masken gehören dazu und sind Teil unserer Wahrheit. Du bist in hohem Maße selbstreflektierend, weshalb ich davon ausgehe, dass du verbunden bist mit deiner Wahrheit. Und das ist schon mehr als viele andere sind!
    Wer sensitiv ist, kann nun mal vieles nicht so gut aushalten und schützt sich auf die eine oder andere Weise. Das ist eher gesund als krank. das Sensible mit einer Maske zu schützen halte ich erstmal für richtig. Man kann den Schutz erst fallen lassen, wenn man innerlich die Kraft dazu hat. Geduld, die Kraft wächst :-)

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  2. Wow, besser hätte ich mein Ich nicht beschrieben können.Wahnsinn wie sehr man sich in diesem Text wieder findet und wie wenig doch davon wahr werden kann. Man kann es nur jedem Wünschen das die rettende Hand da ist wenn man sie am stärksten braucht.
    Das wünsche ich auch Dir !
    Lg

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  3. @Lebenskünstlerin:
    natürlich sind diese Masken wichtig - und Schutz
    Das Problem ist, wenn man nicht mehr die Wahl hat, weil die Masken überlebenswichtig waren und man sie gar nicht mehr ablegen kann, zwar weiß dass es nur Maske ist, aber keine Kontrolle mehr drüber hat - und das - das ist nicht mehr gesund - und tut weh - so wird die Maske (oder werden die Masken) zu einem Gefängnis - bei dem man jemanden braucht der die Hand hinstreckt und hilft - sich zu befreien.

    @Regenfrau: ein sehr schöner Text (den ich auch noch nicht kannte)

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  4. Ja genau, es fühlt sich wie ein Gefängnis an. Die Sehnsucht sich zu öffnen und gleichzeitig die pure Angst, ja fast Panik davor. Schrecklich.
    Vor allem dieses *andere-wegschlagen* weil man deren Nähe oder sogar Liebe oder nur Hilfe oder nur eine kleine Einladung zum Spaziergang nicht erträgt. Das tut verdammt weh.
    Es sind nicht die alltäglichen Masken, die wir gebrauchen und die auch ok sind.

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