Freitag, 15. April 2011

Phobische Bedürfnisse

Eine Bekannte erzählte, dass sie im Radio einen Gottesdienst belauscht habe. Dort wurde gesagt, dass es nun eine Sünde sei, das schöne Wetter nicht zu genießen!
Was ist denn das für eine Scheiße...und so wird das dann jedem eingetrichtert: Höre nicht auf Deine Bedürfnisse!
Ich entscheide, ob ich heute rausgehen möchte oder nicht, egal wie das Wetter ist.

Tja und da saß ich dann so auf meiner Couch und kam ein wenig ins nachdenken. Mir kam es, dass es derzeit in meinem Leben sehr viel freien Platz gibt und ich so eine Art Agoraphobie diesbezüglich entwickel. Ich traue mich nicht in diesen Freiraum. Ihn füllen, ihn gestalten, ich habe Angst. Ich gehe einen Schritt und nehme mir nur diesen einen Tag vor. Ich möchte mich nur auf diesen Tag konzentrieren. Einen Tag nach dem anderen und so füllt sich das Leben.

Weiter fiel mir ein, dass ich nun seit Wochen ja nicht mehr so enorm körperlich erschöpft bin. Letztes Jahr war ich das nur, dafür hatte ich meist recht gute Laune. Jetzt ist es eher so eine geistig/seelische Ermüdung und genauso zäh. Vielleicht habe ich (unbewußt) vieles unterdrückt, was ja auch viel Kraft braucht und nun kann ich den Deckel nicht mehr unten halten.
Ach was weiß ich.....
Genug gelabert.
Letztens fand ich noch ein schönes Gedicht:


Wer gegen die Gesetze dieser Gesellschaft
nie verstoßen hat und nie verstößt
und nie verstoßen will
der ist krank

Und wer sich noch immer nicht krank fühlt
an dieser Zeit
in der wir leben müssen
der ist krank

Wer sich seiner Schamteile schämt
und sie nicht liebkost und die Scham
anderer die er liebt nicht liebkost ohne Scham
der ist krank

Wer sich abschrecken lässt
durch die die ihn krank krankhaft nennen
und die ihn krank machen wollen
der ist krank

Wer geachtet sein will
von denen die er verachtet
wenn er den Mut dazu aufbringt
der ist krank

Wer kein Mitleid hat
mit denen die er missachtet
und bekämpfen muss um gesund zu sein
der ist krank

Wer sein Mitleid dazu gebraucht
die Kranken nicht zu bekämpfen
die um ihn herum andere krank machen
der muss krank sein

Wer sich zum Papst der Moral
und zum Vorschriftenmacher
der Liebe macht
der ist so krank wie der Papst

Wer glaubt dass er Frieden haben kann
oder Freiheit
oder Liebe
oder Gerechtigkeit

ohne gegen seine Krankheit
und die seiner Feinde und Freunde
und seiner Päpste und Ärzte zu kämpfen
der ist krank

Wer weiß dass er weil er gesund ist
ein besserer Mensch ist
als die kranken Menschen um ihn herum
der ist krank

Wer in unserer Welt
in der alles nach Rettung schreit
keinen einzigen Weg sieht zu retten
der ist krank
Erich Fried

Kommentare:

  1. Ein schönes Gedicht!

    Mal ganz davon ab, ich hatte mal eine Kollegin, die ist nie nie nie in die Sonne gegangen im Sommer, war immer weiss wie ein Käse.
    ABER sie sah wunderschön jung aus....von wegen raus in die Sonne und so...

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  2. Zu dem Gedicht habe ich gestern einen tollen Spruch in der Arztpraxis gelesen. Wollte ihn noch aufschreiben, hole ich das nächste Mal nach. Krieg ihn so nicht auf die Reihe.

    Aber zu Deinem Postinganfang:

    Im ersten Moment war ich erschrocken, wie Du auf die Botschaft reagiert hast. Ich sehe es nicht als Sünde im engeren Sinn, sondern als "Sünde" (doofes Wort) mir gegenüber, dass ich durch meine Ängste/ Gedanken dieses schöne Wetter oftmals nur eingeschränkt geniessen kann.

    Aber klar, Du kannst halt immer nur das tun, was in Deinen Möglichkeiten steht.

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  3. Oh da bin ich auf Deinen Spruch gespannt :)
    Witzigerweise war der Bekannten ebenfalls nich nach guter Laune und machte erbost das Radio aus *g*.

    Neeeee Schmedderling ich hasse es so weiß rumzulaufen, aber zum Glück werd ich schnell braun, muss quasi nur an die Sonne denken.

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