Donnerstag, 27. Januar 2011

Wie du mir...

Eine kleine Vorgeschichte.

Als ich noch die Schulkinder fuhr, war da ein Mädl dabei, das ich abends immer heim fuhr.

12 Jahre alt, sehbehindert, körperlich teils gelähmt und unglaublich hibbelig, aufgedreht und keine Minute still. Sie konnte einem wirklich den letzten Nerv rauben. Ich wußte aber auch ihre Hintergründe: Alleinerziehende Alkoholikerin mit psychotischen Zeiten als Mutter. Und dann ein behindertes Kind. Ich glaub eine noch ungünstigere Konstellation geht gar nicht mehr. Weil mir das alles aus meiner eigenen Kindheit bekannt vorkam, konnte ich das Mädl gut verstehn. Wie sie da so saß um Aufmerksamkeit heischend, emotional und sozial ziemlich verwahrlost.

Zur Beruhigung bekam sie erstmal einen Knautsch-Knet-Gummiball. Das gefiel ihr sehr gut. Des weiteren gab es 5 Schweigeminuten (auch für meine Nerven) aber ich sah auch, dass sie sich nach solchen Regeln sehnte, sie mit Freude aufgriff, nun wußte sie was sie durfte, was nicht. Es gab ihr Halt und Sicherheit. Dazu zählte auch, dass sie nur auf den Beifahrersitz darf, wenn sie einigermaßen ruhig ist. Nicht als Strafe, sondern a) zur Sicherheit (dass sie mir ins Lenkrad griff war gar nicht so unrealistisch) und b) damit sie selber mal ein bisschen zur Ruhe kommen kann.

Des weiteren fand sie es unglaublich toll, wenn sie mir sagen durfte, wie/wohin ich zu fahren habe.

Und das war eine verdammt lange Strecke, denn vor ihr mußte ich noch 5 weitere Kinder quer durch München kutschieren und daheim absetzen.

Traurigerweise wurde mir klar, wie sehr sie die Verantwortung für andere übernahm. Wie sehr sie Sachen mit trug, für die sie gar nicht zuständig war. Ohh auch das kannte ich sehr gut. Ich erklärte ihr also (als wir alleine im Auto waren), dass sie sich ganz entspannt zurück lehnen dürfe, ich wisse den Weg sehr gut, sie muss nicht drauf achten. Ich bringe sie sicher und heil und pünktlich nach Hause! Ab da sah ich sie des öfteren einfach verträumt aus dem Fenster gucken. Und genau DAS sollte sie auch machen!

Natürlich lachten wir viel, ich war aber auch konsequent, wenn es zu bunt wurde. Nach einiger Zeit kamen wir gut miteinander aus und sobald sie mich sah, schrie sie auf, humpelte zu mir her und umklammerte mich, als wär ich das letzte Stück Holz im weiten Meer. Alle Kollegen verdrehten die Augen, ließen mich wissen, dass sie froh waren, das Gör nicht zu haben (was natürlich das Gör auch merkte)..und irgendwann teils aus blödeln, teils aus Ernst fand sie einen neuen Spitznamen für mich: Mama!

Es war mir klar, dass sie sich nach einer anwesenden, spiegelnden, ermunternden, tröstenden Mutter sehnte. Also sagte ich nichts dazu. Und war ab sofort eine Mama, ohne je eine Schwangerschaft oder Geburt erlebt zu haben. Nunja :)

Natürlich bekam das auch Kollege O. mit. O. witzelte immer rum, ließ verletzende Spitzen los und ach alles doch nur aus Spaß. Jedem das seine. Bis er auch Mama zu mir sagte. Haha, sehr lustig. Ich bat ihn normal, dass er mich nicht so nennen braucht, ich das nicht will, ich ignorierte ihn, ich blaffte ihn an...half alles nichts, stachelte ihn nur noch mehr an, mich zu necken.

Bis wir wieder mal an einem Parkplatz standen. Und er:“ Na Mama, dann werd ich mal ein Stück vorfahren, damit du nachher gleich weg kannst!“ Ich zog den Schulranzen aus dem Kofferraum, sah ihn an, meinte:“Is recht Opa, mach das mal!“ haute den Deckel zu, nahm das Kind an die Hand und marschierte los. Ach ne, zuvor sah ich ihm natürlich noch ins Gesicht und da sah ich: Einen verdutzten, verwirrten Ausdruck mit herunter hängendem Unterkiefer! Ha! Nach ein paar Metern rief er mir fast beleidigt nach:“ Aber ich bin doch noch gar kein Opa!“

Ahja? Ich drehte mich wieder um und meinte:“ Siehste, und ich bin keine Mama!“

Die Moral von der Geschicht?

Er nannte mich seitdem keine Mama mehr, niemals nicht!

Was aus dem Mädl wurde? Nun, erstmal flog ich hochkantig raus (aus anderen Gründen),Chefin Nr.1 machte blöde Spiele, die ich nicht mitspielte. Da die Oberchefin mich aber nicht verlieren wollte, bekam ich Aushilfs-oder Krankenfahrten, also Springerin. So sah ich sie weiterhin ab und zu. Unser Begrüßungsritual wurde schief beäugt, aber ej uns doch wurscht, was die Leute denken.

Irgendwann stand eben Oberchefin vor mir, mit Tränen in den Augen, ich dacht mir: oh scheiße, jetzt kommt nix gutes. Sie gab mir wortlos einen Zettel. Ich las ihn und hatte dann auch Tränen in den Augen, denn: Das Mädl schrieb meiner Oberchefin einen herzzerreißenden Brief, dass sie mich unbedingt wieder einstellen müsse und das Chefin Nr.1 ja sowieso total blöd sei und ihr neuer Fahrer auch scheiße sei.

Das Mädl konnte ich nicht mehr fahren, die Tour war futsch, aber ich bekam eine andere, an derselben Schule und so sah ich mein Mädl weiter jeden Tag und diese Freude und das was wir erlebt haben, werde ich nie vergessen.

Kommentare:

  1. Puhh, da kommen mir vor Rührung die Tränen. Wie schön, wie schrecklich, wie dramatisch.
    Ich glaube, Du warst die tollste Schulbusfahrerin der Welt.
    (Außer "Inge", die fährt mein Kind).

    Deine Tini

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  2. eine wunderbare geschichte, auch wenn sie traurig ist! du hast sicher einen unauslöschlichen eindruck bei ihr hinterlassen.. einen hoffnungsschimmer in ihrem leben. anscheinend kann sie sich doch ein wenig auf ihre art durchsetzen...

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  3. Das Mädl wollte auch für dich die Verantwortung übernehmen, wollte dir helfen, auf ihre eigene Art. Hut ab!
    Ja, so reagieren Menschen, deren Verstand im Sandkasten geblieben ist, na danke Opa!!!

    AL. Rachel

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  4. Ja dies war der bewegenste, tollste, anstrengendste..u.v.m. Job den ich je hatte. Und der Abschied und das loslassen dauerte lange.

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  5. Gewinn ein Acrylbild bei mir ... ganz nach deinen wünschen und träumen

    http://rabenflugsanderswelten.blogspot.com/

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