Dienstag, 25. Januar 2011

Men in white

Ich kannte mal nen schnieke Zahnarzt, ich nenn ihn mal Marco.

Damals verdiente ich mein Geld noch vor der Kamera, wechselte aber langsam hinter die Kamera und suchte ein Model oder einfach nen Menschen der Fotos von sich braucht. Gegen reine Materialkosten (damals analoge Fotografie).

ER meldete sich. Wir trafen uns zum Brunch und zur weiteren Besprechung, was er sich so vorstelle, was ich zu bieten habe usw.

Er war spät dran und als er kam, war das ein filmreifer Auftritt: Eine Schrottkarre schoß mit röhrenden Auspuff um die Ecke, parkte schief und ein gigantischer blonder Wuschelkopf stieg aus!

Ein Schussel ohne gleichen, denn das ging so weiter: mal warf er den Zucker um, dann entbrannte zufällig neben ihm der ganze Adventskranz, er stolperte und verschluckte sich, was er anfassen wollte zerbrach..usw. Nee was hab ich mit dem gelacht!

Das Shooting war dann erste Sahne! Ich durfte in das Studio eines Freundes und los gings. Der Herr hatte vom Matrosenanzug bis zur durchlöcherten, verwaschenen Jeans (passend zum Six-Pack-Bauch!!) Reitstiefel und Hose, Hüte, Warnweste alles mögliche dabei. Und er agierte vor der Linse wie ein Profimodel, ich glaubte ihm nicht, dass er das zum ersten Mal machte!

War ich nicht mit meiner Kamera beschäftigt bog ich mich vor lachen! Der Kerl hatte es echt drauf!

Das lachen ging weiter, als wir uns wieder zur Fotobesichtigung trafen. Diesmal in einer urigen Kneipe und wir unterhielten die ganze anwesende Mannschaft. Marco war vom Ergebnis begeistert!

Ich war gern mit ihm zusammen und er mit mir anscheinend auch, denn kurz darauf fragte er mich ob ich mit fahren will. Er müsse geschäftlich nach Italien, 2 Tage. Gerne doch! Diesmal kam er mit einem schnittigen Sportwagen um die Ecke gebraust und los gings. (wär ich nicht gar so naiv gewesen, hätte mir schon dämmern können, dass er eigentlich ganz was anderes will: Sex! Aber wie ich später erfuhr, braucht es da bei mir wohl härtere Ansagen).

Also brausten wir gen Italia. Verfuhren uns (Navi gabs keins) und landeten in einem Hotel, dass mal ein Schloß war und wir waren die einzigsten Gäste! Irgendwo tief im Wald. Urromantisch, sauteuer (ging auf seine Rechnung, wie eigentlich alles während unserer Zeit) und überhaupt sehr nobel. Wir hatten unseren Spaß (nein keinen Sex) aßen fürstlich zu Abend und legten uns brav nebeneinander ins Bett, ohne irgendwelche Anstalten.(was dann seine schlechte Laune am nächsten Tag erklären würde) Irgendwie schade, denn: es war arschkalt! Diese miesen dünnen Decken in Italien, als ob es da immer 30 Grad hätte! Also schlief ich nicht und kam gar nicht auf die Idee mich an ihn zu kuscheln. Gegen 3 Uhr morgens hatte ich die Schnauze voll, verdrückte mich ins Badezimmer und ließ mich in die heiße Badewanne sinken.



Später wurde ich mit den Worten geweckt: „Boah irgendein Arsch ließ heut nacht ewig das Wasser laufen, da kann doch kein Mensch schlafen!“ Männer mit Sorgen am Morgen ..ohje. Und ich Dussel sagte auch noch:“ Äh das war ich, mich fror so!“ Anstatt fröhlich mit einzustimmen: „Aber echt, so ein Depp und ich dachte wir wären die einzigsten Gäste!“

Er verschmähte das überaus reichhaltige Frühstücksbuffett. 2. Minuspunkt für den Herrn.

Kurz vor seinem Termin warf er mir seine Autoschlüssel zu (alle Minuspunkte wurden sofort wieder gestrichen!) „da, vergnüg dich damit!“ Ich verzichtete aber. Fremdes Auto mit viel PS, italienische Stadt...neneee. Schnappte mir meine Kamera und zog zu Fuß los. Sein Geschäftspartner drückte mir noch einen Stadtplan in die Hand, wie nett. Ich marschierte so dahin und dorthin und...landete im übelsten Drogenviertel. Als ich das später kurz erwähnte, war das dem Kumpel von Marco so peinlich, dass er am liebsten im Boden versunken wäre, er hätte mich ja warnen können. Ja hätte...

Aber alles gut überstanden, auch die überaus haarsträubende Heimfahrt.

Kurz darauf eine SMS von ihm. Mit einem unmoralischen Angebot :) Ich sagte ja bereits: ich brauch klare Ansagen und nicht irgendwelche Spielchen. Ich antwortete dreckig zurück und am nächsten Abend traf ich ihn in seiner Villa. Und sogleich auch in seinem Pool, mit Champagner.

Mensch Junge, das hätteste auch eher haben können, aber ne da muss ja erst n Shooting her, dann ins Wellnessbad, dann nach Italien. Wer ist hier umständlich?

Na sieh mal einer an, ein äußerst schüchterner, schusseliger, humorvoller, lockerer Zahnarzt mit einem hübschen Aussehen. Wär ne gute Partie gewesen. Hätte er nicht 2 Dinge an sich gehabt, die ich absolut nicht leiden kann: Unpünktlichkeit und ein Alkoholproblem!

Irgendwann hatte ich ne Arbeitskollegin, die schwärmte mir vor: „Ach gestern hab ich nen tollen Typ kennengelernt! Und der bräuchte noch ne Assistenz, da würd ich viel mehr verdienen als hier!“

Sie erzählte und sülzte so vor sich hin, bis ich sie unterbrach: „WO haste denn den aufgegabelt?“

„Im K***!!“ (dem berüchtigen Lack-und Leder-Swingerclub) mein zweifelnder Gesichtsausdruck juckte die überhaupt nicht und so fragte ich aus Langeweile weiter und kam langsam aber sich drauf, wer das sein könnte.“Und was macht dein Held so?“ „Er ist ZAAAHNARZTT!“

Aha, da war er wieder, der liebe Marco. Ich bestellte liebe Grüße und übersah nun ihren zweifelnden Gesichtsausdruck.

Warum ich das alles erzähle?

Ich war heut beim Zahndoc, leider nicht bei ihm im Pool oder Bett, sonder da wo man hingehört: Auf den Behandlungsstuhl. Und tatsächlich wurde der Horror eines jeden Patienten wahr: Trotz Spritze tat es sauweh! Das kenne ich, das hatte ich schon mal, was den Doc mehr erstaunte als mich. Macht ja nix, ich hab ja die Schmerzen. Bei mir geht nie was normal, immer anders, immer komplizierter...ach mensch.

Dafür hab ich es nun hinter mir und der Riß im Backenzahn is gekittet. Dürfte heute aber noch fleißig rumoren, war die nette Voraussicht des Herrn in weiß.

Und deswegen mach ich heute: Nix mehr! Ah doch, mit Tee und Räucherstäbchen einen Tatsachenbericht über eine Auswanderung nach Kanada mit Huskys lesen. Denn das paßt ja wie die Füllung in meinen Zahn: Gestern kam ich meinem Traum: einen eigenen Hund zu haben, ein kleines Stückchen näher...und das freut mich wie blöd :-)

1 Kommentar:

  1. Da wärst du ja fast Frau Doktor geworden. Schöne Geschichte.
    Bei mir wirkt die Betäubung immer zu stark, ich bitte immer um eine niedrigere Dosis.

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