Dienstag, 23. November 2010

Versagerangst

Menschen mit einer Angststörung sind meistens Perfektionisten.
Ich nehm mich da nicht aus.

Ich war 2 Jahre Fahrerin für ein Schultaxi, mein Traumjob!
Ich hatte die längste Tour, war beliebt bei Kids, Eltern und Kollegen, kam nie zu spät, hatte keine Probleme im größten Schneesturm, fuhr auch im Krankheitsfall fremde Touren, hatte zig verschiedene Autos, keinen Unfall und wurde nur 2x geblitzt.

Und war nicht mit mir zufrieden.
Noch mehr-noch besser.
Bis gar nix mehr ging und ich wirklich ein Looser wurde.
Wovor ich also am meisten Angst hatte, trat ein.
Entspannung? Fehlanzeige.

Um dieser unbegründeten Angst zu begegnen und ihr Paroli zu bieten, meldete ich mich im Seniorenzentrum als Fahrerin, 1x im Monat - ehrenamtlich.
Und schob seit gestern Panik hoch 5.
Der Druck stieg..was wenn...und überhaupt.
Aber ich ließ mich nicht klein kriegen und fuhr heute wieder.

Der Tank war leer und ich stand an der Zapfsäule und bekam den scheiß Deckel nicht auf.
War ja klar.
Also in die Tankstelle gelatscht und gefragt, ob mir wer helfen könne.
Frau (schreit): "Boooris! Kannste ma der Dame helfen, die kriegt den Deckel nicht auf!"
*wusch* 5 Herrenköpfe die an der Kasse stehn, drehn sich zu mir im.
Ich lächle leicht debil.
Denke mir dann aber: "Ach wißt ihr Herrschaften, ich mach das nur für euch, damit ihr brav weiter denkt, dass Frauen keine Ahnung von Autos haben. Und überhaupt ich absolviere gerade ein Anti-Scham-Training, nur damit ihr es wißt, und solche Dinge wie hier, gehören da nun mal dazu..."
Und lächle etwas selbstbewußter.

Meine Angst nahm ich natürlich mit, die saß klein und zerknittert auf der Rückbank, stumm und leidend.
Hinter mir saß aber das Vertrauen: groß, ruhig, präsent, lächelnd.

Was soll ich sagen?
Es war eine tolle Fahrt mit einer wunderbaren 80-jährigen Frau, die so intensiv gelebt hat und so positiv in die Welt guckt, dass ich mir davon glatt ne Scheibe abschneide.

Achso, da is noch jemand...meine innere Schimpfkanone, was glaubt ihr was die getobt hat: Laß doch den Scheiß, warum soviel Streß--für nix? Bleib daheim, kriegst ja nich mal Geld....
Ich hab die Kanone gestopft: Weißte was, ich mach das für mich, als Angsttraining, weil ich gerne Auto fahre, weil ich auch gebraucht werden will, weil ich etwas mehr Sinn in meinem Leben haben möchte und weil ich mich hier in der Gemeinde wohl fühle und gerne dazu beitragen möchte, dass es so bleibt.

Früher hätt ich mich auf die Kugel gesetzt und wär von der Kanone ins Aus geschossen werden...
heute steigt nur eine dünne Rauchsäule empor....meine verrauchte Angst...
:-)

Kommentare:

  1. Wow. Toll. Ich find's klasse, dass du dich deiner Angst gestellt und sie besiegt hast. *hutzieh*
    Das Bild der kleinen, zerknitterten Angst auf dem Rücksitz und des ruhigen Vertrauens... das gefällt mir so gut. Mir hilft es immer sehr, sowas zu verbildlichen.

    Weiter so *tschakkaaaa* :)

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  2. Sehr schön. Kann ich genau nachvollziehen, mir geht das genauso. Das ist echt schlimm, dass man sich mit diesem Perfektionismus selbst fertig macht. Ich hab schon überlegt, ob ich einen Weiterbildungskursus mache, einzig um meine Belastbarkeit zu testen. Das ist eine super Strategie von dir und bringt sicher viel!!! Glückwunsch!

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  3. Der richtige Weg. Wenn man nichts ändert, ändert sich nix. Für ein langsames Absterben bist Du einfach noch zu jung, zu wertvoll und sicher auch liebenswert.

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  4. Kompliment! Ich finde es toll, dass du das machst. Für dich.

    Ich kaue gerade am selben Thema.

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  5. Danke Euch allen!! ;)
    Und ich kann Euch nur Mut machen auch in kleinen Schritten sich aus seinem Umfeld oder der Angst zu befreien!
    Das mit den Bildern funktioniert wunderbar und ich male dazu auch viel--künstlerisch eine Katastrophe aber darum gehts ja nich *perfektionismus-in-den-koffer-pack*.

    Mein Vorbild is einfach mein Vater, bei dem ging es soweit dass er sich 20 Jahre so gut wie nicht mehr aus dem Haus traute...NEIN so will ich nicht enden.

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  6. Glückwunsch!

    Sich der Angst zu stellen, ist auch nach meiner Erfahrung der einzig erfolgversprechende Weg. In kleinen selbstbestimmten Dosen: so weit gehen, daß es gerade noch auszuhalten ist. Wenn es wie in Deinem Erlebnis mit einem Erfolgserlebnis endet, verringert sich die Angst. Und beim nächsten Mal kannst Du noch einen Schritt weitergehen. Bei unbegründeten Schamgefühlen funktioniert das auch.

    Wenn andere Deine Angst oder Scham bemerken, kann es zusätzlich helfen, dazu zu stehen, also z.B. zuzugeben "ich bin gerade sehr aufgeregt". Das entkrampft in der Regel die Situation für beide Beteiligten, denn niemand ist perfekt. Und die meisten Menschen finden es sympathisch, wenn jemand anders kleine Schwächen zugibt.

    Die tiefere Ursache für Perfektionismus sind wohl häufig Minderwertigkeitsgefühle, die in früher Kindheit entstanden sind. Wenn Du die Angst als Persönlichkeitsanteil schon hinter Dich ins Auto setzen kannst, könntest Du ja zusätzlich noch Kontakt zu ihr aufnehmen - sie fragen, was sie befürchtet, sie beruhigen, trösten, in den Arm nehmen oder was Dir sonst noch so einfällt.

    Kennst Du die Arbeit mit dem Inneren Kind? Das hilft mir bei starken unangenehmen Gefühlen oft.

    Ach so, und daß Du das anziehst, wovor Du am meisten Angst hast, ist auch klar. Das passiert eben gerade, damit Du was daraus lernen und Dich weiterentwickeln kannst. ;-)

    Liebe Grüße,
    Louise

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  7. Ja Louise ich arbeite mit meinen inneren Anteilen und das hilft sehr gut :-)
    Die richtige Dosis is manchmal nicht leicht zu finden und oft auch nicht einzuhalten (wenn Vorgaben von außen kommen). Der kleine Weg zwischen Überforderung und geht-noch is manchmal eher ein Glücksgriff...

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