Sonntag, 24. Oktober 2010

Lenor-Seelen

Es gibt Menschen, die sind ständig und immer gut gelaunt...

...und zuckersüß.

Immer (falsch) grinsend, mit einem halben Herzinfarkt fragen sie, ob das denn wirklich sein hat müssen, wenn man eine Fliege zerklatscht hat und fast heulen, wenn ihnen ein künstlich angeklebter Nagel abbricht, die es nicht ertragen, wenn man miese Laune hat und ihnen das auch zeigt.

Harmoniesüchtige Waschlappen.

Die klingen als ob sie zuviel Lenor geschluckt haben: so weich gespült.

Die um einen herum schleimen und besänftigen wollen.

Ich krieg da die Krise. Vor allem, wenn ich mich nicht aus deren Dunstkreis bewegen kann.

z.B. auf einer Arbeitsstelle.

Da gab es so eine Frau, nennen wir sie Irmgard.

Jeden Morgen/Mittag/Nachmittag/Abend hörte man sie nur süßlich rumsabbeln, vornehmlich mit abgespreizten kleinem Finger und gespitzten Lippen.

Ein Schwuler könnts nicht besser.

Ich bin nicht gewalttätig, aber da juckts mich dann schon in den Fingern.



Irgendwann kam sie mit einem blöden Spruch.

Ich holte gerade Luft, lief schon lilablaßblau an und wollte gerade lospoltern, als sie mir sofort beruhigend auf die Schulter tippelte, mich schief angrinste und zuckerlieb säuselte: „Relax!“

Ich implodierte.

Dann explodierte ich:

Ich stand so ruppig auf, dass der Stuhl nach hinten flog und brüllte wie von Sinnen:“ Weißt du was, du eklige Kackbratze, ich r*e*l*a*x wann ICH will!!!“

(ich glaub ich war da schon so überreizt, denn "dank" meiner Sozialphobie kommen solche Gespräche eher selten vor)

Sie, ganz die Coole: „Ach Süße, reg dich doch nich so auf!“

Mir bogen sich lautstark die Zehennägel nach oben.

Bevor schlimmeres passieren konnte, ging ein anderes Weibchen zwischen uns.

Und das war gut so.


Später nannte sie mich mal: Meine Liebe.

Worauf ich sie fragte, wo sie denn heute ihr Tüdü-Röckchen gelassen hätte.

Verstand sie nicht.


Bei so einem Getue verkleben sich meine Ohren allein vom zuhören,

mir poltern die Wörter wie „scheiße, Arsch lecken und Wichser“ nur so heraus, weil ich weiß, dass sie bei jedem dieser Schimpfwörter Ausschlag bekommt,

ich bekomme Mordphantasien

und Brechreiz,

ich muss meine Augen starr auf ein entferntes Objekt richten, damit sie nicht immer nach oben rollen, sonst schiel ich irgendwann

und immer tief ausatmen und mir vorbeten:

Ja es gibt solche widerlichen Schleimbeutel, ich kann das nicht ändern...einatmen...ausatmen...

Kommentare:

  1. Interessant! Du hast ihre versteckten Aggressionen auf dich projizieren lassen. Und irgendwie werde ich den Gedanken nicht los, dass sie wiederum deine geheime Sehnsucht nach Harmonie für dich karikiert hat ;-)

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  2. Ja da is einiges verstrickt, wir haben uns dann auch *normal* unterhalten und festgestellt was beim anderen da los geht. Alte Muster und so. Aber immer wenn wir zuoft Kontakt hatten knallte es, da konnten wir beide nich ran.
    Ich ergreife heute noch lieber die Flucht, ich kann nich anders ;)

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  3. Da geht es dir wie mir mit meiner Schwester.
    Morgen gibts dazu ein "Blog-Special" bei mir dazu :-)))

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  4. Japp, solche Lenor-Menschen sind Scheisse.
    Obwohl ich natürlich auch darüber nachdenke, warum ich manche Menschen so ätzend finde - ob da ein Strickmuster auf mich deutet.

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  5. Sicherheitshalber muss ich mich nochmal melden!
    Das heutige Post auf meinem Blog soll KEINE Antwort sein auf diesen Post, denn ich habe das schon länger geschrieben, aber noch nicht veröffentlicht. Es ist nur die umgekehrte Situation von dem, was du schreibst und aus einer ganz anderen Situation. Sozusagen das Gegenstück zur Lenorseele, der Stinkbolle! Beide Extreme sind nicht angenehm :-)

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  6. Hehe ich sehe das genau wie Lebenskünstler. Eine frühere Freundin von mir hatte auch so einen Freund. Er war immer nett und kam überall an. Aber ein total zurückhaltender Mensch. Wir spielten z.B. Poker, ich dachte, das war ein toller Abend, den nächsten Tag kam meine Freundin immer wutentbrannt an, worüber ihr Schatzi sich alles geärgert hat und wie unmöglich sich doch der und der benommen hat. Einmal beobachtete ich ihn, wie er mit einem Gast lange über seine Bücher redete und dachte, aha, er kann ja doch reden, man muß nur das richtige Thema treffen! Sie unterhielten sich blendend in meinen Augen. Am nächsten Tag beschwerte sich dann meine Freundin, wie sehr ihr Schatzi von der Frau genervt worden war.

    Meine Freundin war überall unbeliebt wegen ihrer aufbrausenden Art und ihr Schatzi mußte seine Wut null empfinden und nichts tun, sie hat ja immer alles für ihn empfunden und geregelt. Während er nie unangenehm auffallen mußte....

    Ich denke auch, solche Fälle, wo einen jemand richtig aufregt, zeigt Sehnsüchte und Neid, den jeweils anderen Part auszudrücken, was man sich nicht zugesteht aus irgendeinem Grund.

    Werd mal bei Lebenskünstler lesen ;).

    LG Tina

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  7. Es lebe das Leben der ehrlichen Emotionen. Wir sind kulturell völlig impulsunterdrückt. Impulsivität ist gesund, passt aber schlecht in unsere gesellschaftlichen Gewande.

    Ich bezweifle hier doch mal sehr, dass gewisse "Über"-Reaktionen angesichts emotional relativ verpanzerter und impulsiv eher ausgebremster Naturen per Definition auf ein geheimes Neiden der [vermeintlichen] Ausgeglichenheit des Gegenübers gehen soll.

    Nein - da treffen einfach konträre Temperamente aufeinander. Direkte Impulsivität trifft auf charakterbedingte Zurückhaltung. "Bioenergie" auf emotionale Verpanzerung. Das ist nicht immer kompatibel.

    Und die "Direkten" haben zweierlei: ein hohes Maß an Potenzial, gesellschaftlich anzuecken, aber auch: Schaffenskraft und Authentizität, die nur in die "richtigen" Bahnen gelenkt werden müssen. Eine Lenkung, die sich in einer impulsunterdrückten Akkulturation halt bissel schwierig gestaltet, leider.

    Aber nichtsdestotrotz ist das ein Potenzial, das (gerade?) auch für diese Gesellschaft wichtig ist!

    Okay, okay, das war nun ein wenig plakativ. Undifferenziert. Ausbaufähig. Diskussionswürdig. Und direkt.

    Ich selber versuche im übrigen, meinen Weg irgendwo in der mittigen Balance zu finden. Die Findung muss jedes Mal aufs neue vorgenommen werden. Nicht immer leicht. Aber besser als sich dauerhaft auszubremsen. Was ich auch gar nicht (mehr) könnte, selbst wenn ich es wollte, will es aber gar nicht.

    Selbstverfreilich meine ich damit nicht, unkontrolliert seinen Gewalttrieben oder noch Schlimmerem nachzugehen. Dies wäre dann die nächste emotionale Schräglage. Die hier aber nicht Thema sein soll.

    Good luck!

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  8. Liebe Tina, ja da sind wohl zwei Gegensätze zusammen, aber die sollen sich ja bekanntlich auch anziehen ^^.

    Lieber mkh: einfach nur *ganzbreitgrins*
    Da is was dran. Wär die goldene Mitte doch immer so einfach zu finden. Und nein, ich bin auch nich für das andere extrem, der Stinkbolle wie Lebenskünstler so schön meinte.
    Aber abundzu mal die Faust auf den Tisch krachen lassen, hat was ungemein befreiendes :))

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  9. Gegensätze... - der Fall oben (aufbrausende Freundin und impulsunterdrückter Schatzi) klingt für mich eher nach einer "symbiotischen Beziehung".

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