Montag, 18. Oktober 2010

Ich bin Viele-eine ungewöhnliche Heilungsgeschichte

Über 400 Seiten hat dieses tolle Buch über eine junge Frau mit einer mutiplen Persönlichkeit.
Es ist sehr gut verständlich geschrieben und man kann sich gut in die jeweiligen Persönlichkeitsanteile und in die Therapeutin versetzen.

Auf der anderen Seite ist es auch erschreckend, diese Krankheit kennen zu lernen.
Wenn man liest, wie der eine Anteil sich nicht daran erinnern kann, was der andere tat. Und wie sich selbst Stimme, Gesten, Kleidung und Vorlieben dermaßen voneinander unterscheiden, dass man kaum glauben kann, dass all diese Facetten in einem Körper stecken.

Ich bin nicht multipel, so extrem gespalten ist mein ICH und meine Seele zum Glück nicht.
Aber ich erkenne viele Brüche in mir und dass ich oft Schwierigkeiten habe, diese alle unter einen Hut zu bekommen.

Denn sobald ein Teil vernachlässigt oder unterdrückt wird, kommt er umso gewaltiger und unberechenbarer hervor. Was dann wirklich ein Problem wird.
(Erklärung von Dr. Peichl – der auch einige Trauma-Bücher schrieb:
Ego-State-Disorder: Das man für sich ,innere Persönlichkeitszustände bemerkt, aber nach außen nicht „switcht“ d.h. Das Verhalten, die Stimme oder Eigenarten werden nicht verändert, wie es bei der dissoziativen Identitätsstörung auftritt.)


Das Buch half mir in dieser Hinsicht sehr, wie man damit umgehen kann.
Zum Beispiel genug Zeit und Raum den verschiedenen Anteilen und deren Bedürfnissen zu geben:
Wo kann mein kindlicher Teil unbeschwert spielen und mit was?
Wo kann ich gefahrlos meine Aggressionen und meine Wut heraus lassen?
Wo und mit was fühlt mich mein jugendlicher Anteil in der schwersten Pubertät (gefühlt) wohl?
Welche Bedürfnisse hat welcher Teil in mir..wie kann ich das erfüllen?

Aus dem Buch:
„Andere Leute - meine Mutter und mein Vater – haben Sachen mit mir gemacht, die mir das Gefühl gegeben haben, dass an mir alles nicht stimmt.“sagte Joe von einer weiteren warmen Welle, neuen sicheren Wissens getragen.
„Früher, zu Anfang der Therapie, habe ich mich manchmal so sehr bemüht dahinter zu kommen, was ich tun musste (Anm. von mir: damit man mich endlich liebt und erkennt), dass ich mir vor lauter Bemühen, selbst abhanden gekommen bin.

Das will ich jetzt nicht mehr tun. Ich weiß, dass ich okay bin.
Ich bin okay, so wie ich bin!“


Auch das war ein wichtiger Aspekt auf meinem Heilungsweg und ist es immer noch.
Und auch, dass wie die (multiple) Patientin eine sehr einfühlsame, kompetente Therapeutin fand, die sie so annahm wie sie war, ihr Unterstützung, Geborgenheit, Sicherheit, Vertrauen und Verständnis gab und absolut ernst genommen wurde. Ohne Abwehrhaltung.

Das fand ich so heilsam:
Das ich das erste Mal wirklich gesehen und gehört wurde und dass darüber nicht gelacht und gespottet wurde oder schnell verharmlost/getröstet wurde.

Das mir bestätigt wurde, dass es ganz normal war wie ich mich verhielt und reagierte, bei so schweren Traumatisierungen aus meiner Vergangenheit.

Das ich verstanden wurde. Und ich die Kontrolle über meine Handlungen behalten durfte (das war selbst nach 8 Wochen Tagesklinik immer noch für mich verwunderlich), Eigenverantwortung und Selbstbestimmung wurden da groß geschrieben.
Selber die Zügel wieder in die Hand nehmen, raus aus der Opferrolle.

Keine Zwänge. Keine unsinnigen undurchschaubaren Regeln und Vorschriften. Absolute Akzeptanz egal was ging oder eben nicht.
Keine Unterdrückung. Keine Manipulationen.
Außerdem wurde dort mehr auf die vorhandenen Ressourcen und Stärken eines jeden Menschen geschaut.
Egal wie sehr jemand seelisch verletzt ist, jeder hat noch heile Kerne in sich und die gilt es zu fördern und zu stärken.

Und da wo die Aufmerksamkeit hinfließt, dort wird auch die Energie größer. Das fühlte sich viel besser an, als ständig auf das zu schauen was krank ist und eben derzeit nicht geht...

Ich freue mich auf Januar, dann darf ich da noch einmal für einige Wochen hin. Ich bin dankbar, dass mir das (noch) bezahlt wird, dass so etwas in unserem Gesundheitssystem möglich ist!

Kommentare:

  1. Das Buch hab ich auch im Regal und vor einigen Jahren regelrecht verschlungen. Total faszinierend, ich hatte vorher noch nie was davon gehört. Sogar die Augenfarbe, das Geschlecht und das Alter ändert sich, wenn sie in einer bestimmten anderen Persönlichkeit auftaucht.

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  2. Hey, danke für Deinen Kommentar... Du kennst Dich ja offensichtlich aus auf Münchens Straßen!

    Wir fahren übrigens dort immer ganz brav, weil wir die bösen Blitzer auch kennen *grins*

    Alles Liebe,
    Papagena

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  3. Jepp seit 14 Jahren mit dem Auto/Bus/Bahn auf Münchens Straßen intimst vertraut :-)))

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  4. ...zu dieser Thematik kann ich - selber Teil eines multiplen Systems - dir nur wärmstens 'Ich und die Anderen' von Matt Ruff ans Herz legen. Zwar keine Biographie, sondern ein Roman, aber das macht ihn nicht weniger toll ^^

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  5. Danke für den Tip ;) Werd mal schaun

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