Montag, 11. Oktober 2010

Gefühlsstau

*Ein Buch von Hans-Joachim Maaz

Ein Psychogramm der DDR

Ein Psychotherapeut schreibt als DDR-Bürger über eben diese.*


Das Buch kam gleich 1990 nach der Wende also heraus.

Er selbst meint, dass er dieses Buch wie im Fieber schrieb.

Das spürt man, oft fühlt man diese Wut, diese Empörung, diesen Gefühlsstau, der sich nun Bahn bricht. Endlich, endlich darf man sagen und schreiben, was man will, ohne mit Strafe und Vernichtung rechnen zu müssen!


Wie ich zu diesem Buch kam:

Schon immer interessierte mich die DDR sehr: Wie das ablief, was da passierte, wie lebten diese Menschen?

Als die Mauer fiel, saß ich als 9-jähriges Mädl im tiefsten Bayern vor dem Fernseher und beobachtete dies Treiben. Mit einem Gefühl, dass da irgendwas großes passiert. Was genau, begriff ich erst viel später.

Vor kurzem bestellte ich mir bei der Bundeszentrale für politische Bildung: www.bpb.de

ein dickes Heft: Die Berliner Mauer und die Zeitschrift Fluter Thema: DDR.

Googelte dann etwas über Identität und kam zu: Der Gefühlsstau.

Jetzt las ich dieses Buch „wie im Fieber“!


Aus dem Buch:

Dieses System, dass mit indirekter Gewalt herrschte, führte zur latenten Angst: Ein unbewußter seelischer Spannungszustand der aus unbefriedigten Grundbedürfnissen und verbotenen Gefühlen entsteht. Durch frühe Erfahrung der Trennung (ab dem 6.Monat Unterbringung in Kinderkrippen!), Isolierung, Verlassenheit und Hilflosigkeit.

Damit die Angst weiter leben kann, braucht es: Unterdrückung, Kontrolle und Beherrschung, sonst drohen Panik, Verwirrung, Neurosen und psychosomatische Krisen!


Die ganz einfachen Rechte (auf unverstelltes Dasein, auf eigene Meinung, Verstanden-und Angenommensein in den persönlichen Eigenarten, auf Individualität) waren nicht gesichert.

Es herrschte ein Mangelsyndrom, nicht nur im Außen, sondern erst recht im Inneren!

Einen Menschen den man so behindert (in seiner Lebensweise), bedroht und bestraft dafür, dass er ein selber denkender Mensch ist, wird stark in seiner Seele und Persönlichkeit deformiert.

Seine Würde wird beschädigt, Sein Denken und Fühlen manipuliert, man wird zur Marionette degradiert.


Alle die sich diese Behandlung nicht gefallen ließen, wurden ganz schnell zurecht gestutzt oder verwahrt. Auf alle Fälle war man erstmal ein Außenseiter. Gänzlich alleine.

Jedes Aufbegehren wurde nieder getrampelt. Durch Gehirnwäsche wurde man zur Resignation genötigt.

Man wird gelähmt, zersplittert, es wird in der Privatsphäre geschnüffelt, das Vertrauen untergraben.

Die Partei braucht zur Legimitierung ihrer Macht: Verleugnung und Schönfärberei.

Für solch unmoralisches Tun ist Gefühlsarmut Voraussetzung. Diese Armut wird weiter gegeben.

Was der Staatapparat an den Erwachsenen ausübte, wurde an diese Kinder weiter gegeben.

Die Lebendigkeit der Kinder brachte die Eltern in Not, sie hatten Angst davor, es musste weiter unterdrückt werden. Die Eltern wurde an ihre eigenen Entfremdung und Abspaltung der Gefühle erinnert und das tat sehr weh, das wollte man nicht sehen.

Die Autonomie und Vitalität wird gebrochen.

Unterordnung und Anpassung war das tägliche Brot.

Das ganze Elend zu erkennen, fällt vor allem den Kindern als Erwachsene schwer: sie mißtrauen ihrer eigenen Wahrnehmung, wurden von den Eltern zur Dankbarkeit verpflichtet, ständig wurde von „Liebe“ gesprochen.

„Was die Leute denken“ wurde wichtiger als die Bedürfnisse der Kinder!

Man bekam aber nur „Liebe“ und Zuneigung, wenn man brav gehorchte, funktionierte, fleißig war, nur wenig Gefühlsausdruck zeigte, nicht aus der Rolle fiel, etwa durch zuviel Buntes oder Schillerndes. Man wurde genormt.

Dies verfestigt sich und so mach Erwachsener strengt sich noch mehr an, paßt sich extrem an, in der Hoffnung, doch endlich anerkannt zu werden.

Ein verfehltes Leben macht krank.


Unter den Menschen war nie wirkliches Vertrauen, denn wußte man ob man nicht an die Stasi verpfiffen wurde?

Man setzte eine höfliche kühle Maske auf, es wurde über jemand oder von etwas gesprochen, anstatt von sich selbst.

Ein lebensverneinendes System, dass jede Phantasie und Kreativität im Keim erstickt, dass bedroht, einengt und lähmt zerstört alle menschliche Lebendigkeit. Und muss kompensiert werden: Man raucht, säuft, frißt sich halb zu Tode, gibt die Unterdrückung und den psychischen Terror an andere weiter.


Langsam dämmerte es mir, warum ich von der DDR so „fasziniert“ war:

Diese Machtspiele, diese schwarze Pädagogik, diese schauerliche Behandlung...

kannte ich doch!

Aus meiner eigenen Familie!

Genauso lebten wir auch: Mit Mißtrauen, Kälte, Bespitzelung, schnüffeln in privaten Sachen, Lügen.

Meine Selbstständigkeit wurde nicht gern gesehen.

Meine Wünsche und Ziele nieder getrampelt.

Meine Lebensfreude erdrückt.

An der Hochschule der Stasi gab es das Fach:

Psychologische Zerstreuung:

Entfremdung von anderen, Mißtrauen säen, Mobbing, Karrieren verbauen, Bewegungsfreiheit rauben und natürlich Privatsphäre ausschnüffeln.


In einer Alkoholikerfamilie geht es so zu.

Und es gibt dort unausgesprochene Regeln:

  • Sei nie besser als der Alkoholiker!

  • Fühle nicht und sage nie die Wahrheit, schon gar nicht was du erkennst!

  • Rüttle nie an den Mauern der Autorität und passe Dich brav an!

  • Verleugne Deine Bedürfnisse und Gefühle!

  • Stehe dem Alkoholiker als seelischer Mülleimer und Partnerersatz immer zur Verfügung!

  • Laß Dich nicht durch die Doppelbotschaften verwirren!

  • Diskutiere nie mit einem „Nassen“, er hat ja doch immer Recht!


Als 'Flüchtling' aus diesem krank machenden Umfeld, wurde ich genauso hart angegriffen, wie jene aus der „Zone“.

Einige Male fing man mich noch ein und manipulierte mich ordentlich und überschüttete mich mit falschen Liebesversprechen.

Inzwischen sind alle aus meiner Ursprungsfamilie beleidigt, meiden mich und erzählen irgendwelche Halbwahrheiten über mich. Ich, das schwarze Schaf, ein Ideales Kompensationsobjekt um die eigenen Schwächen und Schmerzen nicht anschauen zu müssen.


Nunja, dann ist das eben so.

Inzwischen lebe ich ganz gut ohne diese Menschen und meine Identität entwickelt sich, meine Lebendigkeit zeigt sich in Bildern und im Tanz wieder, meinen Gefühlen höre ich zu, mein Selbstvertrauen wächst, meine Würde erholt sich....


….nachdenklich betrachte ich meinen tätowierten Stacheldraht. Wie passend... leider....

Kommentare:

  1. Ja so sah es in meiner Familie auch aus....genau so. Und in der Familie meiner Mutter auch, nur mit dem Unterschied, dass sie dort das schwarze Schaf war.

    Ist nicht einfach das Leben...

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  2. ich sag nur *hülfe*, dieses buch brauche ich bestimmt nicht!!!DAS ist nur eine meinung. es gibt noch andere.
    ich bin in der ddr aufgewachsen und ich sage dazu; ich habe mich sehr wohl gefühlt. schule mit arbeitsgemeinschaften, wie chor, malen und sport. disco!! westfernsehen. ausbildung für jeden. ehekredit für wohnungseinrichtung. und ja mein kind ist in die kinderkrippe gegangen ohne psychische folgen. selber kleidung entwerfen und jedem zeigen was man kann. und ja anstellen nach orangen und bananen, die hat man dann aber richtig genossen.
    und wenn man was brauchte, dann kannte man bestimmt irgend jemanden der jemanden kennt, der das besorgen konnte. hilfe von fremden für fremde. und nach feierabend mit freunden treffen...kenne ich heute nicht mehr, jeder denkt an sich....

    schade eigentlich. und damals klappte auch noch so einigermaßen das verhältnis mit den eltern...obwohl, naja.rebellisch war ich ..ohne folgen.

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  3. @ Tina, ja sowas wird leider gern, als "Erbe" weitergegeben...bei uns hat das auch schon lange "Tradition", sowie müterlich-als auch väterlichseits.

    @ Sania na das is ja gut, wenn es unterschiedliche Meinungen gibt und Du auch das schöne sehen kannst :)

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  4. liebe Müßiggängerin, kannst du für mich mal kennzeichnen, wo das Buchzitat endet?
    Ich finde deine Texte sehr interessant
    Gruß Stephanie

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  5. Hallo Stephanie,
    ich hab nicht genau zitiert, sondern es komprimiert zusammengefasst, ab dem :"Langsam dämmerts mir" is es meine eigene "Geschichte".
    Herzliche Grüße

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  6. aha, vielen Dank, jetzt lese ich es noch einmal ;-)

    liebe Grüße Stephanie

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