Donnerstag, 14. Oktober 2010

Du darfst nicht fühlen...

...wurde mir früher beigebracht.
Gefühle waren gefährlich, unnütz, anstrengend, blöd, kindisch usw.

Ich traue mich heute noch nicht, wirklich zu fühlen.
Ich versuche mit aller Gewalt und Kraft den Deckel auf dem Gefühlstopf zu halten.

Meine bevorzugten Mittel dazu sind
- Flucht (in Tagträume, Phantasiegebilde, Literatur)
- Sucht (Zigaretten- wenn ich sehr gut gelaunt bin kann ich genauso viel verpaffen wie in einer Wutphase, Süßigkeiten)
- Rastlosigkeit ( ständige Ablenkung, blinder Aktionismus, innere Unruhe)
Rationalisieren (mit dem Kopf alles verstehen, erklären wollen)

die Kraft die ich dazu verwende Gefühle unterdrückt/nieder gedrückt (Depression!) zu halten, fehlt mir, um mein Leben aktiv und bewußt zu leben.

In einem stationären Aufenthalt waren all diese Ablenkungen verboten:
Keine Literatur (außer geprüfte, wenn z.B. Selbsthilfebücher, Meditationen ect.), keine Zigaretten, Alkohol, Süßkram, kein Tv, Radio, Musik, natürlich auch keine Liebes-Sexbeziehungen.
Man solle sich selbst begegnen mit Hilfe der Gemeinschaft.
Ich hatte aber immer noch soviel Angst vor dem was da hoch kommen könnte, dass ich die innere Abspaltung zur Hilfe nahm, die war nicht verboten, geht ja auch schlecht. Das macht man nicht aktiv.
Also lebte ich so neben mir her.

5 Wochen hielt ich das durch und dann musste ich (natürlich heimlich) soviel rauchen und fressen bis mir schlecht war.
Ich hatte aber gute Absichten mich zu spüren: Ich wollte Einzelstunden in der Körpertherapie. Da is nix mehr mit Verstand.
Und wie A. Miller in "Die Revolte des Körpers" schon schrieb: Der Körper vergisst nix, da ist alles gespeichert.

Kurz vor meiner 1. Stunde fuhr ich heim.
Die Angst war zu groß.

Dann in der Tagesklinik wieder dasselbe: Körpertherapie.
Bevor ich zu meiner 1. Einzelstunde kam, beendete ich die Therapie auf eigenen Wunsch.
Im Januar gehts wieder in diese Tagesklinik und diesmal gehts in die Körpertherapie, komme was da wolle.
Ich hab jetzt schon Angst.

Gefühle - eine neue Welt.

Kommentare:

  1. Angst ist ja auch ein Gefühl, aber nur Mut! Du hast doch schon so viel geschafft, diesen Berg erklimmst du sicher auch noch.
    Von Alice Miller habe ich früher mal Bücher gelesen, n bisschen strange ist die schon, finde ich.

    AntwortenLöschen
  2. Was genau ist denn Körpertherapie und wie funktioniert das?

    AntwortenLöschen
  3. @ tilli ja irgendwelche Gefühle muss man ja haben, sonst geht man ganz drauf. Aber ich merke, dass ich immer ein kleines bißchen fühle, zu große Vernichtungsangst (des kleinen Kindes in mir) und die Panikattacken sind dann auch ein Ventil die mir zeigen: jetzt brennts!
    Zu Miller: Ansichtssache, sie wurde ja auch hart angegriffen, trotzdem finde ich ihre Schriften gut und mir helfen sie.

    @ Tina
    Es werden bestimmte Übungen gemacht mit /über den Körper, Bewegungen, Atemtechnik usw. oder sowas wie: sich seinen Platz suchen und den gestalten, was da teilweise raus kommt ist (für mich) viel hilfreicher und klarer als das ewige Geplapper mit ner Psychologin.
    z.B. hab ich bei meinem Platz (unbewußt) keine Tür eingebaut, ich war geschockt als ich das bemerkte: ich sperr mich selber ein, so kann ja keiner an mich ran.
    Manchmal flossen einfach Tränen und ich hatte null Ahnung warum, aber im Körper löste sich irgendwas und darum gehts.
    Ambulant zahlt das keine Krankenkasse, aber eben in Kliniken wo es in Gruppen oder bei Bedarf eben im Einzel ist.
    Ich find das trotz Angst auch spannend, weil ich mit dem kopf nicht mehr mich rauswinden kann, der Körper lügt nicht :)

    AntwortenLöschen
  4. ... die Instanzen, die dir das Fühlen verboten haben, existieren doch in deinem Leben wahrscheinlich nicht mehr, da muss ja eine verdammte Langzeitwirkung verankert worden sein, dass du jetzt nicht einfach sagen kannst: ihr könnt mich mal!
    ich werde bei dir weiter lesen...
    Stephanie

    AntwortenLöschen
  5. Naja es gibt diese schon noch, auch teilweise noch in meinem Leben. Und es is auch in der Gesellschaft so, dass an Gefühlen *herumgesprochen* wird. Die trauernde Freundin wird abgestempelt mit: ach vergiss den kerl.
    Oder das man andere doch auch verstehen müsse.
    Es wird schnell über Gefühlsausdrückungen hinweg gegangen und schnell getröstet und weggemacht.
    Wer weint denn wirklich in der Öffentlichkeit wenn ihm danach ist?

    Das *ihr könnt mich mal* übe ich...ganz fleißig :-)
    Aber mein Vater zeigte mir erst letztens, dass ich nicht auf ihn wütend sein darf......pfffffffff

    AntwortenLöschen
  6. Was ist "blinder Aktionismus"?
    Ist Körpertherapie sowas wie Bio-Energetik?

    AntwortenLöschen
  7. Blinder Aktionismus= ständig irgendwas tun müssen, fast schon zwanghaft, egal ob das sinnvoll is oder nicht.
    Also das was als *normal* angesehn wird :-))))
    Ne ich glaub Bio-energetik is was anderes.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Körperpsychotherapie

    AntwortenLöschen
  8. Körperthera hab ich auch lange gemacht. Kann ganz schön heftig werden, war damals auch "zuviel".

    Irgendwann hab ich für mich unterschieden zwischen "empfinden" (also warm, kalt, kribbeln, streicheln, alles "körperliche" sozusagen) und "fühlen" (Wut, Angst, Traurigkeit usw).

    Nachdem das für mich im Kopf unterschieden war, konnte ich auch in der Körperthera erstmal über Empfindungen anfangen (fehlte mir ja auch völlig - diese Wahrnehmung). In der Körperthera geht es aber ja um mehr, für mich war nur am Anfang eben diese Trennung wichtig - um einen Einstieg zu finden.

    Heute mach ich das dann häufig über Shiatsu oder Stimmbildung.

    Gefühle - so viele Automatismen, die es unterdrücken - da arbeite ich ja grade in der Thera dran.

    Ich wünsche dir viel Kraft und Mut für diesen Schritt :)

    AntwortenLöschen
  9. Mit Gefühlen habe ich auch so meine Mühe... Besonders mit sogenannten negativen. Wenn man als Kind nicht lernt, wie man sie ausdrückt wirds als Erwachsene umso schwieriger. Ich habe mich trotzdem dazu entschieden zu lernenen, meine Gefühle zu leben. Besser spät als nie. Aber einfach finde ich es nicht.

    Herzgruss

    AntwortenLöschen
  10. danke Ilana, ich werd mal die Unterscheidung im Hinterkopf behalten, vielleicht hilfts mir ja auch...

    Ich finds erschreckend, wie oft und automatisch ich meine Gefühle abschalte, um zu funktionieren.

    Aber ich bleib dran,
    ne Simone einfach ist das nicht, trotz allem lohnt es sich :-)

    AntwortenLöschen