Freitag, 10. September 2010

Klassentreffen

Als Sozialphobikerin bin ich ja ziemlich eigen, was Menschen betrifft.

Die größte Angst ist ja eigentlich nicht die vor den Menschen,
sondern vor deren Urteil, Bemerkungen usw...
und da bekomm' ich jede hauchfeinste Nuance mit!

Eine Millisekunde lang hochgezogene Augenbraue überseh ich genauso wenig, wie ein kaum hörbarer Seufzer angesichts meiner (z.B.)Kompliziertheit oder ein genervter Ausdruck im Gesicht oder ein spöttisches Lachen...das alles muss noch nicht mal wegen mir passieren, aber ich beziehe das alles negativ auf mich!

Sobald ich etwas genauer unter die Lupe genommen werde, werd ich nervös.
Ein netter Witz kann die Panik in mir noch mehr steigern...
Das aberwitzigste an der Sache ist aber noch mehr die:
Das mich die vermeintlichen (!!) negativen Gedanken von den anderen über mich,
schier wahnsinnig machen.
Was die anderen über mich (nur schlechtes natürlich) denken KÖNNTEN
und nicht was sie wirklich denken oder von mir halten.
Mein ganz privates Kopfkino macht mir das Herz rasend
die Hände schwitzig
und mein Gesicht knallrot.

So
und wo wird mehr beobachtet, be - und verurteilt, gelästert und gelogen
als
bei einem Klassentreffen???????

Ich hatte noch nie eins, aber was mir da zu Ohren kam, wird es bald mein erstes Mal sozusagen geben.
Mir dreht sich jetzt schon der Magen um, weil ich natürlich perfekt darin bin, die Horrorgedanken der anderen mir jetzt schon zu fabrizieren.
Als kleine Kostprobe: Pff was isn das für ne Lusche, kein Job, kein Mann, keine Kinder, was hatn die bis jetzt gemacht? Die war mir damals schon so komisch...und was die an hat...und wie die guckt...undsoweiterundsofort...

Ich komm gar nich auf die Idee, dass die auch sagen könnten: Ej die hat sich aber gut entwickelt, ui und solo is die auch noch, hübsch is sie und witzig noch dazu...man, die hat noch die Freiheit zu tun was sie will...so ohne Job und Mann und Kinder...mutig wie sie damals einfach in die Großstadt zog...ectceteraetcetera...

Bedenke: Ich werde das ausstrahlen, was ich von mir selber denke.

Es kommt halt immer auf den Blickwinkel drauf an.

Wie kann man sich nur sooooooo minderwertig fühlen ?!?!
Ich bin weder mit der Brennsuppe daher geschwommen (sprich: ich bin nich dumm) noch muss man sich vor mir grausen...

Ich dachte wirklich, dass man Kindern doch das Beste mitgeben sollte, damit sie die spannende Reise namens Leben gut überstehn.
Da hab ich wohl die Rechnung ohne meine Eltern gemacht. Wie kann man sein Kind nur so erniedrigen und demütigen, dass es am Ende glaubt nix absolut nix wert zu sein.

Und das es schon gar nich auf die Idee kommt, an sich selbst zu glauben!
Das würde ja schier an eine Sünde angrenzen!
Sicher, nun bin ich erwachsen und könnte das ändern – was ich auch tue, wenn nur diese blöden Wurzeln namens Scham und Schuld und weiß der Henker was noch, nicht so verdammt tief und fest sitzen würden!

Kommentare:

  1. Was unsere Eltern uns mit auf den Weg geben, ist unendlich schwer, wieder loszuwerden. Ich kenne das. Ich habe es für mich selbst aufgegeben und gehe Situationen, die mir unangenehm sind, einfach aus dem Weg. Auch nicht der optimale Weg, aber für mich zumindest der stressfreieste.
    Musst du denn unbedingt zu dem Klassentreffen? Ich fand sowas immer langweilig und doof. :-)

    Liebe Grüße

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  2. Ne natürlich muss ich das nicht.
    Und ich tendiere auch eher zu *nein*. Einfach zuviel Streß der sich nich wirklich lohnt.
    Gestern meinte schon ein Freund: Ach die die damals schon blöd waren, sinds heut auch noch...*kicher* ;)
    Schönen Tag Dir :)

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  3. Mir graust auch vorm Klassentreffen. Bei mir werden oder würden alle denken, boah, ist die dick geworden. War ich nämlich früher nicht. Außerdem gehörte ich immer zu den besten der Klasse und es hat mir nichts gebracht -Kein Mann, keine Arbeit, kein Geld. Ich muss auch in der richtigen Stimmung sein, hinzugehen, wenn denn eines ansteht.

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  4. Liebe Regenfrau,
    ich hab Dich und Deinen Blog heute erst entdeckt...und Deinen Post aufmerksam gelesen.
    Ich kann (und will) Dir keine generellen Tipps oder Tricks zeigen, möchte Dir aber gern meinen eigenen Blickwinkel zeigen:
    Energie folgt der Aufmerksamkeit.
    Dein bevorstehendes Klassentreffen wäre eine tolle Chance diesen Glaubenssatz auf Richtigkeit und Wahrheit zu prüfen.
    Du könntest versuchen, Dir (am Besten kurz vor dem Einschlafen) vorzustellen, wie Du das Klassentreffen erleben (sehen hören fühlen riechen und schmecken) möchtest. Vielleicht gibt es alte Klassenkameraden auf die Du Dich besonders freuen kannst?
    Ich wünsche Dir ein schönes Klassentreffen voller Freude und guter Gefühle,
    viele liebe Grüße,
    besser und besser,
    Gaba

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  5. ...und stell Dir jetzt mal vor, wie groß meine Ängste sind, bei meinem eigenen Kind nicht die selbsen Scheiss Fehler zu begehen. Ich sage bestimmt öfter als normale Mütter: "Super, hast Du toll gemacht. Ich bin so stolz auf Dich etc..."

    Ich bin nicht zum Klassentreffen gegangen. Soll auch nicht so gut gewesen sein.

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  6. Hallo Gaba,
    herzlich willkommen hier :-)

    Danke für Deinen Kommentar und das is sicherlich eine gute Vorgehensweise und das werd ich auch ausprobieren, aber erstmal im Kleinen (dazu gibts nächste Woche genug Gelegenheiten).
    Klassentreffen is im Moment too much.
    Zu all dem Tralala (viele Menschen auf einem Haufen, Restaurants die ich im Moment eh meide usw) kommt noch hinzu, dass es eben in der alten Heimat wäre und allein das *grusel*....

    Ja liebe Schmedderling, das glaub ich Dir wohl! Aber allein das Bewußtsein is ja bei Dir schon mal da.
    Und Eltern sind nie perfekt :-)

    Schönen Abend Euch allen!

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  7. Ich hab nie Lust auf Klassentreffen gehabt.. die Leute, die ich mochte, hab ich weiter getroffen, die anderen eben nicht...aber wenn ich mal nichts anderes zu tun hab, würd ich evtl. hingehen.

    Wenn du aber schon andere Möglichkeiten siehst, Dinge zu bewerten und zu sehen, wieso fällt es dir so schwer, deine Bewertung zu ändern?

    Ich würd dir ja ne kognitive Verhaltenstherapie empfehlen, aber aus dem Blog hab ich ne gewisse Abneigung gegen Therapeuten rausgelesen, die für dich Menschen sind, die besser wissen, was gut für dich ist und Regeln aufstellen.

    Ich sehe das ja eher so als Menschen, die dir immer eine andere Art der Wahrnehmung näher bringen (eben genau dieses sie ist ja schön und klug und solo und hat die das gut) und auch mit dir deine Fortschritte positiv bewerten und so dein Selbstvertrauen stärken und allmählich deine Wahrnehmung ändern.

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  8. Tja Tina, neue Verhaltensweisen oder andere Bewertungen zulassen...sich ändern is eben schwer, weil man zu gut ins alte vertraute Fahrwasser gerät.
    Aber ich bleib dran ;)

    Und zur Therapie: Ich hab einige Therapieerfahrung und die wenigsten konnten den Weg so mit mir gehen, wie Du ihn beschreibst.
    Is gar nich so einfach den richtigen Therapeut zu finden. Zu einer würd ich wahnsinnig gerne weiter gehn, müsste dies aber selbst bezahlen, was nich geht.

    So is nun erstmal Pause und nächstes Jahr gehts zum 2.Intervall in die Trauma-Ambulanz. Da fühl ich mich sehr wohl und gut aufgehoben ;-)

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  9. Manchmal wirkt es erstaunlich gut - jedenfalls bei mir - die Furcht vor den möglichen Reaktionen mit ein paar kurzen Gedanken ins Extreme zu treiben - mir etwa vorzustellen, wie es tatsächlich Sprüche der allerschrägsten Art hagelt... - dann wird die irrationale Furcht mitunter zu dem, was sie eben ist: irreal und eigentlich zum selbst-darüber-Lachen.

    Außerdem, eins ist doch sowieso klar: Du hast dich gut entwickelt, bist hübsch, witzig, mutig und überhaupt!!!

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  10. Oh danke mkh ;-))

    Tja dieses ins Extreme steigern, geht bei mir genau nach hinten los. Weil ich den Sprung zur Irrationalität und das drüber lachen können, eben noch nicht schaffe.
    Es hilft mir da eher mich zu beruhigen, sehen was/wer ich wirklich bin, das ich schon ganz andere Dinge geschafft habe usw.
    Also mich liebevoll an der Hand nehmen und sagen: Hej das wuppen wir zwei schon.
    Aber wie gesagt: Klassentreffen is was für Fortgeschrittene in Sachen *sozialer Phobie*.
    Ich halt mich noch an die kleineren Übungen...

    Schönen Tag!

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  11. ...ich meide Klassentreffen übrigens seit Jahrzehnten - wozu braucht man so was???

    Buchtipp:

    http://www.michael-titze.de/

    Michael Titze, Die heilende Kraft des Lachens. Mit Therapeutischem Humor frühe Beschämungen heilen.

    Kapitel:
    01. Die ungestüme Lebendigkeit
    02. Die Urscham
    03. Die Gewissensbildung
    04. Die Scham
    05. Die Wurzeln der selbstbezogenen Scham
    06. Die Empfindlichkeit
    07. Die Selbstkontrolle
    08. Die Brücke zur Gemeinschaft
    09. Die Pubertät
    10. Das Komische
    11. Die Lebenskraft befreien
    12. Das Lachen
    13. Der Sinn im Widersinn
    14. Die Unverschämtheit
    15. Der Therapeutische Humor

    Kösel-Verlag & Co.
    München, 1995.
    6. Auflage 2007,
    368 Seiten, Kt.
    ISBN 3466303907

    [vielleicht ja günstig über Internet-Büchershops - gebrauchte Ausgaben...]

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  12. Das paßt ja wie Arsch auf Eimer, weil ich mich seit Tagen schon innerlich mit dem Humor (wieder) beschäftige...schrecklich wenn man den verliert ;)

    Also danke für den Tip, ich werd mal schauen, auf der HP sind ja schon einige Texte zu finden. Und im Bücher günstig erwerben bin ich Meister...was würd ich ohne Bücher sein?!?!?!....

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