Dienstag, 28. September 2010

Ich hasse...

Doppelbotschaften, naja eher Doppelbindung (double-bind).

Was ist das?
Ein einfaches Beispiel:
Du triffst eine Bekannte oder Freundin, die Du länger nicht gesehen hast.
Sie erkennt Dich auch und geht freudestrahlend auf Dich zu.
Man erkennt eine gute Gesundheit an ihrem Aussehen.
Du fragst wie es ihr geht und sie antwortet mit einem Lächeln:
Danke, total beschissen!

Hm, was fühlst Du als erstes?
Genau: Verwirrung! Soll man nun auf die Körpersprache hören oder ihren Worten glauben.
Was meint sie nun.
Es könnte natürlich auch ironisch gemeint sein, aber das merkt man.

Als Erwachsener kann man dem nachgehen und nachfragen und sagen, dass man eher zweideutige Signale empfangen hat.
Es gibt noch ein weiteres Beispiel:
Eine Mutter versichert ihrem Kind immer wieder, dass sie es sehr lieb hat und das Kind ihr absolutes Wunschkind war.
Ihre Taten zeigen aber was anderes, das Kind wird vernachlässigt, ausgelacht, beschimpft, geschlagen usw.
Wenn das Kind schon etwas älter ist, kann es auch nachfragen, warum ihm das angetan wird, obwohl es doch anscheinend so sehr geliebt wird.
Dem Kind werden diese Zweifel ausgeredet, es kann nie etwas richtig machen und so zweifelt es immer mehr an seiner Wahrnehmung und seinen Gefühlen. Glaubt irgendwann anderen mehr, als sich selbst.

Fatal!
Denn egal was das Kind macht, es ist nie richtig! Eine Zwickmühle, aus der es kein Entkommen gibt.
Ich hab das selbst erfahren. Beide Elternteile (siehe oben Mutter) hatten einen massiven manipulativen double-bind-Kommunikationsstil drauf.

Mein Vater bringt das heute noch oft.
Vor 2 Jahren:
Er hängt mir dauernd in den Ohren, dass ich doch einen Job finden müsse, dass das so nicht geht und überhaupt wegen meiner Rente usw.
Dann bekam ich einen Job. Doch oh weh, das war auch falsch. Nun hörte ich von meinem Vater: Das is doch viel zu viel, das is kein Job, so geht das nicht.

Nun fühle ich keine Verwirrung mehr, sondern absolute Wut!
Na wie hätten sie es denn nun gern?

Man könnte nun sagen:
Scheiß auf die Meinung von Deinem Vater Du bist erwachsen, leb Dein Leben.
Hmmhmm leichter gesagt, als getan.
Denn: Eine eigene Meinung zu haben oder gar sehr gut für sich selbst zu sorgen, wird ebenso nicht gern gesehn.

Nochmal:
Mein Vater ermutigt mich, mich gegen böse Jungs oder später, gegen ungerechte Chefs zu wehren,
Zu mir zu stehen und mich für meine Belange einzusetzen.
Als ich das auch ihm gegenüber tue, hagelt es nur so Sanktionen und mir wird unterstellt, ich sei geflüchtet und hätte mich damals unmöglich benommen.(Immerhin habe ich mich um mich gekümmert und nicht um meinen Vater-emotional gesehen, er ist körperlich absolut fit, diese Pflege wäre eine andere). Vertauschte Eltern-Kind-Rollen!

Ich weiß nicht, wie ich daraus entkomme. Denn wenn ich jemand darauf anspreche, bekomme ich eben zu hören, dass ich mich irre oder da was falsch sehe (trau dir selber nicht!) und irgendwann schweige ich, ziehe mich zurück, denn das ist sicherer.

Es ist dieses Muster:
Komm her, bleib weg.
Ich habe dieses Verhalten sozusagen mit der Muttermilch aufgesogen. Da wundert es mich nicht, dass ich mich selber dabei erwische wie ich doppeldeutige Botschaften aussende. Ich merke es aber daran, dass ich mich unwohl fühle. Oder bei bestimmten Themen nicht weiter komme, weil ich mich ja selbst boykottiere.

Mir ist es lieber wenn mich jemand rotzig anschnauzt, dass ich ihn in Ruhe lassen soll, als das süßliche Geschleime. Dann weiß ich ganz genau woran ich bin.

Mit authentischen, klaren Menschen fühle ich mich wohler,
da weiß man was man hat
oder eben nicht :-)
Und diese Echtheit möchte ich auch mehr leben können.

Kommentare:

  1. Wenn Eltern ihre Kinder beschimpfen, schlagen, misshandeln, meinen sie nicht das Kind, sondern sich selbst. Sie wissen, sie müßten das Kind lieben, weil es doch ihr Kind ist. Doch weil sie sich selbst hassen, können sie auch ihr Kind nicht lieben. Woher das kommt? Von den Eltern und deren Eltern und deren....
    Um etwas zu verändern kann man nur bei sich selbst anfangen. Seinen Eltern zu verzeihen heißt eigentlich, zu erkennen, dass sie niemals die Gelegenheit bekamen, sich selbst wertzuschätzen. Es ist ein gesamtgesellschaftliches Problem.

    AntwortenLöschen
  2. Wieder super geschrieben. Auf den Punkt. Genial, Deine gefühlten Worte.
    Bei mir denken auch immer alle; Hey, die lacht, die strahlt, der geht es gut.
    Ja, jaaaaaa. Sehr anstrengend dieser Gegensatz. Dabei bin ich ja selbst Schuld, ich weiss.
    Hat aber auch was mit der o.g. Erziehung zu tun.

    AntwortenLöschen
  3. ich kenn es auch aus meiner kindheit. selber neige ich dazu, jeden anzulächeln und *ja..es geht mir gut*...zu sagen, bis es jetzt halt nicht mehr ging. und jetzt: fühl ich mich eigentlich erstmal besser, so zu sein wie ich bin und das auch zu zeigen, auch wenns manchem nicht gefällt.
    das was die lebenskünstlerin schreibt macht mich auch nachdenklich. ich weiß, dass meine mutter auch eine nicht so dolle kindheit hatte und hat wohl nur das weitergegeben was sie selber erlebt hat.
    ohne kontakt zu meinen eltern geht es mir deutlich besser.
    oh jetzt hab ich viel zu viel geschrieben....

    AntwortenLöschen
  4. Natürlich, das is mir klar, das es meinen Eltern auch nicht rosig geht/ging. Ich kenn ja auch deren Eltern.
    Und als ich aus dem Karussell ausgestiegen bin, war das erstmal hart. Weil ich Klartext sprach und ach vorher war doch alles so schön, alles so wunderbar verdrängt und dann komm ich mit der Arschkarte.

    Es ist hart anzuerkennen, dass ich die anderen nicht ändern kann.
    Und gerade bei meinem Vater is es doppelt schwer, weil ich ihn ja auch gern habe (und keinen völligen Kontaktabbruch haben möchte, andererseits bin ich noch nicht stark genug ICH zu bleiben), da is es wieder das zwiespältige.
    Ja es spart Energie *echt* zu sein :-)
    PS: Keine Sorge, für mich war das nich zuviel geschrieben...

    AntwortenLöschen
  5. Mir ist neulich auch aufgefallen, dass ich, als ich am Telefon einem Freund sagte, gut.. ach ne.. eigentlich gehts mir gar nicht gut. Aber erstmal sagte ich gut, weil ich mich in dem MOMENT gefreut habe, dass er anrief, also da gings mir dann auch gut.

    Aber ich kenn das auch von meiner Mutter mit den Double-Bind Botschaften. Wenn ich mit meiner Freundin lachend durch den Regen gelaufen bin und die Jungs alle gepfiffen haben, war ich eine Schlampe. Aber andererseits: mach dich doch mal hübsch wie deine Freundin (Minirock, hautenges Glitzeroberteil und Stiefel).

    Aber ich denke, Eltern machen das nicht absichtlich, sondern es ist ihre eigene Zwiespältigkeit.

    Und es ist manchmal gar nicht so leicht, herauszufinden, was man selber will.

    Schon zu erkennen, welche Botschaften du bekommen hast und ob du dich danach richtest oder nicht, ist ja schon ein Schritt.

    LG Tina

    AntwortenLöschen
  6. Ja da bin ich grad am auseinander sortieren, was denn da so an Botschaften kam, auch unausgesprochene.

    Dein Beispiel is ja auch n Hammer....

    Liebe Grüße

    AntwortenLöschen